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24 Stunden Extrem-Kontrolle Die Bilanz des Blitzermarathons 2017

Das war's: 8.941 Geschwindigkeitsverstöße hat die Polizei im Rahmen des Blitzmarathons auf Bayerns Straßen festgestellt und dabei 230.000 Fahrzeuge ins Visier genommen. Für Innenminister Joachim Herrmann eine sinnvolle Aktion - für andere eine eher zweifelhafte Blitzer-Show.

Stand: 20.04.2017

Von Mittwoch 6 Uhr bis heute Morgen 6 Uhr waren bayernweit 1.900 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz, so die Bilanz des Bayerischen Innenministers - nochmal 100 mehr als im vergangenen Jahr. 

"Obwohl wir alle Messstellen im Vorfeld bekannt gegeben haben und ausführlich in den Medien berichtet wurde, haben es viele Autofahrer nicht kapiert."

Joachim Herrmann

Im vergangenen Jahr, beim letzten Blitzmarathon, waren noch 320.000 Autos kontrolliert und mehr als 9.200 Geschwindigkeitsverstöße festgestellt worden.

Raser, Handy-Süchtige und Gurtmuffel

Trauriger Spitzenreiter war ein 42-jähriger BMW-Fahrer, der in Oberbayern auf der B16 bei Weichering mit 181 Stundenkilometern anstatt der erlaubten 100 aufgehalten wurde. Er muss jetzt über 1.200 Euro Geldstrafe zahlen, bekommt zwei Punkte in Flensburg und muss drei Monate den Führerschein abgeben.

Über die Geschwindigkeitsverstöße hinaus haben die Beamten auch noch 650 weitere Delikte festgestellt. So wurden gerade bei Laserkontrollen Fahrzeugführer angehalten und umfassend kontrolliert. Neben Gurtverstößen oder telefonieren mit dem Handy gab es auch diverse weitere Anzeigen, so Herrmann.

Die Bezirke: Zahlen und "Rekordhalter"

Schwaben

Das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West zieht eine positive Bilanz: Rund ein Drittel weniger Geschwindigkeitsübertretungen als im Regelbetrieb. Die Polizei in Nordschwaben teilt mit, sie habe rund ein Drittel weniger Raser erwischt als beim Blitzmarathon im Jahr zuvor. Der Spitzenreiter in Nordschwaben wurde an der B300 gemessen. Er hatte 139 Sachen drauf, erlaubt sind dort 80 km/h. Im Allgäu hat es ein 50-Jähriger bei erlaubten 100 Stundenkilometern sogar auf Tempo 163 gebracht.

Unterfranken

An über 80 Messstellen waren Polizisten im Einsatz. Die Zahl der beanstandeten Fahrzeuge war mit 494 dabei höher als noch im Vorjahr mit 442 und das obwohl die Kontrollaktion groß angekündigt worden war. In der Zeit von Mittwoch, 6.00 Uhr, bis Donnerstag, 6.00 Uhr, waren mehr als 18.000 Fahrzeuge in Unterfranken erfasst worden. Den unrühmlichen Spitzenreiter in Unterfranken meldete eine Messstelle aus dem Landkreis Main-Spessart: Auf der B27 zwischen Himmelstadt und Karlstadt war ein 23-jähriger ortsansässiger Autofahrer am Donnerstagabend um 23.45 Uhr bei erlaubten 100 km/h mit 170 km/h unterwegs. Ihn erwarten jetzt ein Bußgeld in Höhe von 880 Euro, zwei Monate Fahrverbot und zwei Punkte in der Flensburger Verkehrssünderdatei.

Mittelfranken

Zufrieden mit ihrer Bilanz des Blitzmarathons ist die Polizei Mittelfranken. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen an den Messstellen wurden größtenteils eingehalten. Von mehr als 47.000 gemessenen Fahrzeugen waren lediglich 1.394 zu schnell unterwegs. Am eiligsten hatte es am späten Abend ein Autofahrer auf der A9 in Richtung München. Auf Höhe Schnaittach im Landkreis Nürnberg Land wurde er mit 177 Stundenkilometern geblitzt – erlaubt sind an dieser Stelle 100. Er darf sich auf 600 Euro Strafe, zwei Punkte in Flensburg und ein dreimonatiges Fahrverbot einstellen. In Mittelfranken wurde an mehr als 100 Stellen geblitzt, rund 250 Beamte waren mit Stand- und Handlasergeräten im Einsatz

Oberfranken

Rund 150 Beamte waren an 59 Messstellen im Einsatz. Bei rund 25.000 Fahrzeugen wurde die Geschwindigkeit gemessen. Nur zwei Prozent, i.e. 501, waren zu schnell. Besonders eilig hatte es ein Autofahrer auf der B4 bei Kaltenbrunn. Die erlaubten 100 km/h überschritt er mit 164 km/h deutlich. Ihn erwartet neben zwei Punkten und einem zweimonatigen Fahrverbot eine Geldbuße in Höhe von 900 Euro.

Oberpfalz

Insgesamt 427 Raser erwischte die Polizei in der Oberpfalz. Am schnellsten war ein Mercedes-Fahrer aus Österreich auf der A3 bei Sinzing im Landkreis Regensburg unterwegs. Er wurde in einer Tempo-100-Zone mit 178 km/h geblitzt. Abzüglich der Toleranz war er damit aber immer noch 72 km/h zu schnell, weshalb er mit einem Bußgeld von 600 Euro und einem dreimonatigen Fahrverbot in Deutschland rechnen muss. Eine 32 Jahre alte Frau wird einen Monat ohne Führerschein auskommen müssen. Das Besondere an ihrem Fall: Sie war auf einer Kreisstraße bei Furth im Wald im Landkreis Cham in einer Tempo-60-Zone mit 120 km/h unterwegs – allerdings während einer Probefahrt mit einem Pkw aus einem Autohaus.

Niederbayern

448 Raser gingen der Polizei in Niederbayern in die Falle. Der schlimmste davon versuchte laut Polizei unerkannt zu bleiben. Als er auf der A3 bei Neuhaus am Inn mit 146 km/h durch einen Tempo-80-Bereich fuhr, hielt er sich beide Hände vors Gesicht. Kurze Zeit später konnten Polizisten den 35-Jährigen aber stoppen. Ihn erwarten 880 Euro Bußgeld, zwei Monate Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg.

Oberbayern

Insgesamt wurden beim Blitzermarathon 2017 in Oberbayern 1.136 Geschwindigkeitsvertöße festgestellt. Deutlich weniger als letztes Jahr. 2016 wurden noch 1.428 Raser mit der roten Kelle aus dem Verkehr gezogen. Der Spitzenreiter wurde im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord festgestellt. Mit 181 km/h wurde der BMW-Fahrer von Ingolstadt kommend Richtung Neuburg bei Weichering geblitzt. Erlaubt waren nur 100 km/h. Für drei Monate muss sich der Mann aus Baden-Württemberg von seinem Führerschein trennen. Dazu kommen 1.200 Euro Geldbuße und zwei Punkte in Flensburg.

Viel Kritik an der Blitzer -"Show" - und die Forderung nach Alternativen

Die Kritik, dass der Blitzmaraton ausschließlich eine Aktion zum abkassieren sei, wies Herrmann zurück: "Wir kündigen alle Messstellen an - es geht auch nicht ums abkassieren, wir wollen die Menschen sensibilisieren“. Laut Herrmann zählt die Raserei noch immer zu den Unfallursachen Nummer eins bei schweren Verkehrsunfällen. Doch trägt der Blitzmarathon wirklich dazu bei, das zu ändern? Nicht alle sind der Meinung, dass sich der Aufwand für einen Tag lohnt.

Auf BR24 meldeten sich via Facebook oder Kommentarfunktion viele Kritiker zu Wort. Der Tenor: Ein Tempolimit auf Autobahnen, häufigere Kontrollen und härtere Strafen vor allem für drastische Überschreitungen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit wären sinnvoller als eine einmalige Aktion. Auch im Gespräch: Die Kopplung der Bußgelder ans Einkommen des Verkehrssünders, wie dies bei anderen Vergehen in Form variabler Tagessätze seit langem gehandhabt wird.

"Solange wir, wie in anderen Ländern kein Tempolimit auf Autobahnen haben, ist diese Aktion nur die reine Abzocke der Bürger und unglaubwürdig."

AS

"Und dann eine drastische Erhöhung der Bußgelder nach Einkommen und gegebenenfalls PS-Zahl des Fahrzeugs, wobei für Extrem-Raser durchaus 100 Sozialstunden in einem Unfallkrankenhaus angebracht wären."

steamtrain

"Wie immer: schaut in die Schweiz und macht das nach. Da ist zu schnell fahren sauteuer und die Pappe ist auch schnell weg, wenn viel drüber auch das Auto."

EMGI

Auch Michael Haberland vom "Automobilclub Mobil" zweifelt an der Wirkung der Aktion.


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