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Initiative sammelt Datenspenden Blackbox Schufa

Der Score von Auskunfteien wie der Schufa ist ein Geschäftsgeheimnis – das haben deutsche Gerichte entschieden. Doch der Score entscheidet über die Kreditwürdigkeit fast aller Verbraucher. Um das Verfahren transparenter zu machen, wollen zwei NGOs möglichst viele Schufa-Auskünfte sammeln. Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks und des Spiegel werden die Daten anschließend auswerten.

Von: Wolfgang Kerler (Hauptstadtstudio), Uli Köppen, Max Zierer (BR Data)

Stand: 15.02.2018

Schufa-Trichter mit Wörtern | Bild: BR

Was ist für eine schlechte Bewertung verantwortlich? Einmal die Telefonrechnung nicht pünktlich bezahlt? Oder doch zu oft umgezogen? Derzeit können Verbraucher nicht nachvollziehen, wie genau ihre Bewertung bei einer Auskunftei wie der Schufa zustande kommt. Doch eine schlechte Bewertung, der sogenannte Score, kann zum Problem werden, etwa weil Vermieter auf dieser Grundlage entscheiden, wer in die Wohnung einziehen soll oder weil der Autohändler die Ratenzahlung für den Neuwagen verweigert.

Die NGOs Algorithm-Watch und Open Knowledge Foundation wollen den Score der wohl bekanntesten deutschen Auskunftei Schufa deshalb überprüfbarer machen und haben die Initiative OpenSchufa ins Leben gerufen. Die Initiative ruft Bürger dazu auf, Selbstauskünfte bei der Schufa anzufordern und diese Daten mit der Organisation zu teilen. So soll die Wirkungsweise des Schufa-Verfahrens offengelegt werden. Die gesammelten Daten wollen die Aktivisten dann  Datenjournalisten des Spiegel und des Bayerischen Rundfunks zur Verfügung stellen, die sie dann anonymisiert auswerten.

Schufa nicht die einzige Auskunftei 

Die Schufa bezeichnet sich selbst als "führende Auskunftei Deutschlands" - hat jedoch viele Mitbewerber wie Bürgel oder Arvato Infoscore, die die Kreditwürdigkeit ebenfalls mit einem Scoring beurteilen. Der Bundesgerichtshof hat 2014 bestätigt: Der Algorithmus, mit dem der Score berechnet wird, ist ein Geschäftsgeheimnis. Verbraucher haben zwar das Recht zu erfahren, welche Informationen eine Auskunftei über sie gespeichert hat. Einmal im Jahr können sie sich eine kostenlose Auskunft schicken lassen. Damit können sie aber nicht nachvollziehen, wie genau der Score berechnet wird.

Die Gewichtung ist wichtig

Die Gewichtung der Informationen ist jedoch für den Score entscheidend: Zählt am Ende mehr, ob man seine Rechnungen immer pünktlich bezahlt hat? Oder sind Faktoren wie Geschlecht oder Wohnort wichtiger? Ob Menschen dadurch möglicherweise diskriminiert werden, ist so für Außenstehende nicht überprüfbar. Die Schufa hat ihre Algorithmen den Datenschutzbehörden von Bund und Ländern gegenüber offengelegt, die Öffentlichkeit kann jedoch nicht im Detail einsehen, wie die Algorithmen funktionieren.

Wie bekommt man eine Schufa-Auskunft?

Viele halten die Schufa für eine Behörde – sie ist aber eine Auskunftei, also ein privates Unternehmen, genau wie die Mitbewerber Creditreform oder Arvato Infoscore. Jeder Bürger darf einmal pro Jahr kostenlos bei Unternehmen wie der Schufa nachfragen, welche Daten über einen gespeichert sind und zu welchem Zweck. Anbieter wie selbstauskunft.net bieten eine vereinfachte Anfrage an. Hier finden Sie einen Vordruck für Anfragen nach dem Bundesdatenschutzgesetz. Ab Mai wird OpenSchufa nach eigenen Angaben ein Portal anbieten, auf dem Schufa-Auskünfte hochgeladen werden können. Die Initiative möchte diese Daten nutzen, um herauszufinden, wie der Schufa-Algorithmus funktioniert. Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunk und des Spiegel werden diese Daten anschließend anonymisiert auswerten.

Fehlerhafte Daten

Ein Gutachten im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums hat im Jahr 2014 herausgefunden, dass ein bedeutsamer Anteil der von Auskunfteien gespeicherten Daten fehlerhaft sei. Solche Fehler betreffen potenziell sehr viele Bürger, denn die Auskunfteien sitzen auf einem riesigen Datenschatz. Allein die Schufa hat nach eigenen Angaben zu nahezu allen erwachsenen Personen in Deutschland Informationen gespeichert: derzeit zu 67,2 Millionen Personen.

Die Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch sieht das kritisch:

"Wir sind der Ansicht, dass es nicht klar genug ist, ob die Schufa zum Beispiel für gute Qualität ihrer Daten sorgt. Ob sie wirklich dafür sorgt, dass die Algorithmen in Ordnung sind, die im Hintergrund laufen und für diesen Score sorgen. Ob da nicht zu viele Menschen zum Beispiel eine Negativ-Auskunft haben, die sie gar nicht haben dürften."

 Matthias Spielkamp, Sprecher von AlgorithmWatch

Worum es der Initiative nicht gehe, sei eine völlige Offenlegung des Schufa-Algorithmus.

Die Schufa selbst verweist darauf, dass sie alle Transparenzanforderungen erfülle. Die Offenlegung des Schufa-Verfahrens gegenüber der allgemeinen Öffentlichkeit würde "Missbrauch Tür und Tor öffnen". Die Schufa warnt außerdem ausdrücklich davor, Daten aus Selbstauskünften an Dritte weiterzugeben.

Der parlamentarische Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium Ulrich Kelber (SPD) sagt zur Initiative:

"Scoring ist ein Thema, das unmittelbar Einfluss auf das Leben der Verbraucherinnen und Verbraucher hat. Es kann zum Fluch werden, wenn dadurch Diskriminierung entsteht. Eine Art Beipackzettel als Information für die Verbraucherinnen und Verbraucher über Funktionsweise und Fokus des angewandten Scoring-Algorithmus ist eine sinnvolle Maßnahme. Aufsichtsbehörden in die Lage zu versetzen, bei einem begründeten Verdacht zu prüfen, eine andere."

Ulrich Kelber (SPD), parlamentarische Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium

Kelber kündigte außerdem an, man werde sich die Ergebnisse der Schufa-Algorithmus-Prüfung "sehr genau ansehen".

Disclaimer

Algorithmwatch, eine der beiden Organisationen, die OpenSchufa ins Leben gerufen haben, wird u.a. von der Bertelsmann-Stiftung gefördert. Die Wirtschaftsauskunftei Arvato Infoscore gehört zum Bertelsmann-Konzern. Lorena Jaume-Palasí, Geschäftsführerin der AlgorithmWatch gGmbH, erklärt dazu: "Wir können nur einen Score untersuchen. Daher ist es für uns klar, dass wir den Score untersuchen, der den größten Einfluss in unserer Gesellschaft hat. Das OpenSCHUFA-Projekt finanzieren wir über ein Crowdfunding. Es beruht allein auf einer Idee und der Zusammenarbeit mit der Open Knowledge Foundation. Der Etat von AlgorithmWatch stammt aus unterschiedlichen Quellen, was unsere Unabhängigkeit garantiert.“

Ein Sprecher der Bertelsmann-Stiftung gibt an, keinen Einfluss auf Art und Inhalt der Recherchen von AlgorithmWatch zu nehmen: "AlgrorithmWatch konzipiert und führt seine Projekte unabhängig. Daher war uns auch die von Ihnen genannte Initiative im Vorfeld nicht bekannt.“

Im Vorfeld der Berichterstattung wurde der Bayerische Rundfunk als Teil der Kampagne OpenSchufa bezeichnet. Der BR ist nicht Teil der Kampagne, er tritt in seiner Funktion als objektiver Berichterstatter auf und wertet anschließend in eigener Verantwortung und mit eigenen Ressourcen diese Daten anonymisiert aus.
 


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Kommentare

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Bäcker, Samstag, 17.Februar, 09:40 Uhr

14. Wieso mache ich das eigentlich nicht?

Wenn bei mir Leute im Geschäft Brötchen kaufen und das auch regelmäßig tun, dann sollte ich mal überlegen, ob ich nicht auch wie in den einschlägigen "App-Stores" Berechtigungen einfordere.

Boniät, Einkommen, WLAN-Verbindungsinformationen, Kontaktdaten auslesen, SMS empfangen, Telefonstatus und ID auslesen, voller Netzwerkzugriff, Standortdaten auslesen, Tracking damit ich weiß, was meine Kunden sonst einkaufen, Profile anlegen für eine "bessere Nutzererfahrung" und noch einiges mehr.

Fragt sich nur, ob noch irgend jemand dann zu mir ins Geschäft kommt und einkauft. Beim Onlinekauf stört sich blöderweise niemand daran.
Ok, ich mache aus meinen Brötchen einfach "digitale Häppchen" und entwickle eine BÄCKER-APP für meinen digitalen Raubzug ;-)

Schuffi, Freitag, 16.Februar, 09:33 Uhr

13. Zweckbindung

Um die Zahlungsmoral der Kunden zu überwachen ist Schufa oder jede andere Auskunftei vollkommen berechtigt. Unternehmen werden von Creditreform beobachtet.

Was meines Erachtens nicht geht ist die Profilbildung zum Zwecke der Kundenwertigkeit festzustellen und daraus ein Geschäftsmodell zu betreiben und Daten dieser Art an potenzielle Unternehmen zu verkaufen.

Wenn ich also bei Versandhändler A Waren bestelle, die ich nicht oder nur verzögert bezahle, dann darf der andere Handel vor mir gewarnt werden. Das ist vollkommen verständlich. Wenn aber der Auskunftsdienst gleich noch ein Persönlichkeitsprofil aus diesen Daten generiert, angereichert mit Onlinedaten oder zugekauften App-Ausspähdaten, dann wird es nach meiner Ansicht kriminell.
Adresshändler verkaufen jedoch viele gewünschte Profile, die vom Einkommen, Wohnumfeld, Ethnien usw. fast jeden erdenklichen Lebensbereich Auskünfte bereitsstellen.
Daten stammen auch aus öffentlichen Statistikquellen. Aber eben nicht nur.

H. Jürgen Bill, Donnerstag, 15.Februar, 18:30 Uhr

12. Schufa-Score

Vor Jahren habe ich mich -letztlich erfolgreich- gegen die Abbuchung einer betrügerischen Telefonfirma gewehrt, die über die Telekom erfolgte.
Dazu musste ich zeitweilig die Einzugsermächtigung für die Telekom widerrufen und die unberechtigten Zahlungen verweigern.
Die Schufa-Selbstauskunft ergab, dass ich bereits dadurch im Score abgestuft wurde.

  • Antwort von Justice, Freitag, 16.Februar, 06:57 Uhr

    Dann fordern sie die Berichtigung ihrer Daten ein. Wenn das nicht selbst geht, melden sie das dem Landesdatenschutzbeauftragten.

Emil Baumgartner , Donnerstag, 15.Februar, 18:23 Uhr

11. Schufaauskunft

Bitte um eine Schufaauskunft

Peter Meier, Donnerstag, 15.Februar, 16:11 Uhr

10. Die Schufa schützt Firmen vor Kunden, und wer schützt mich vor den Firmen ?

Ich habe bisher jede Rechnung bezahlt, aber bin schon mehrmals von Firmen um mein Geld gebracht worden,
in den die einfach Insolvenz angemeldet haben zwischen Überweisung und Lieferung,l auch Klagen und
Gerichtsvollzieher brachten hinterher kein Geld zurück.
Ich habe mich sogar in 2 Fällen vorher versichern wollen, daß negative Berichte im Internet über diese Firmen
inzwischen ad acta sind, aber ganze Konsumentenschutzportable wie snakecity wurden durch Mithilfe der
Gerichte von der betroffenen Firmejn aus dem Netz gekickt.
Kein Kunde darf wissen, wie es um die Firmen steht, denen er Vorkasse leistet,
aber jede Firma betrachtet es als Selbstverständlichkeit,
nicht mal harte Fakten über Kunden zu erfahren,
sondern schlicht geratene oder frei erfundene Scores.

Ich finde, Schufa & Co m,üssen gerichtlich sofort und unverzüglich verboten werden,
die widersprechen dem Grundgestez daß jeder der nicht Verurteilt wurde als Unschuldig
zu gelten hat.

  • Antwort von Schattenwirtschaft, Donnerstag, 15.Februar, 18:44 Uhr

    Und noch ein weiterer Punkt sollte hier greifen: Nur ich und ggf. staatliche Behörden haben das Recht an meinen Daten.
    Private Firmen dürfen ohne meine schriftliche Zustimmung weder Daten über mich erheben, noch diese speichern.
    Und Banken die zur Unterschrift zwecks Schufa erpressen, die sollten einfach verboten werden!

  • Antwort von Betrüger, Freitag, 16.Februar, 07:09 Uhr

    Nein, so einfach kann man keine Schuldzuweisungen vornehmen. In aller Regel sind es Kunden, die sich nicht gut genug informiert haben oder die Warenkreditbetrug begehen.
    Selbstverständlich müssen Firmen Information darüber haben, ob das ein gewohnheitsmäßiger Nicht- oder Schlechtzahler ist. Dagegen ist nichts einzuwenden.
    Unseriöse Anbieter können leicht abgeklärt werden. Aber dazu muss die "Schnäppchen-Gier" gezügelt werden. Deshalb fallen viele Kunden auf Fake-Shops herein.
    Impressum, Telefonnummer anrufen, Rechtsform, Handelsregistereintrag, Geschäftsberichte, Erkundigungen bei Nachbarn u.a kann jeder selbst prüfen.
    Bewertungen sind relativ sinnlos, da sie meistens gefaket sind. Unabhängige Testberichte mögen noch am ehesten Produktinformation geben.