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Kandidat Bernie Sanders Gekommen, um zu bleiben?

Das hat sich das Wahlkampfteam von Hillary Clinton anders vorgestellt: Anstatt bei den Vorwahlen der Demokraten die Mitbewerber klar hinter sich zulassen, erweist sich einer als äußerst hartnäckig.

Von: Michael Kubitza

Stand: 20.02.2016

Bernie Sanders | Bild: picture-alliance/dpa

Er sieht aus wie jemand, den sich Wahlkampfstrategen als Negativbeispiel ausdenken: Bernie Sanders, 74, ist zwar nur fünf Jahre älter als Hillary Clinton, wirkt auf manchen Fotos aber, als wäre er ihr Vater. Er trägt Anzüge von der Stange und eine Brille, die in Europa als "Kassengestell" gelten würde. Seine Stimme klingt rau, und seine gestischen Bemühungen beim Reden lassen an einen Satz denken, den Walter Matthau in der Filmkomödie "Ein seltsames Paar" seinem chronisch fuchtelnden Mitbewohner entgegenschleudert:

"Don't point that finger at me unless you intend to use it!"

Walter Matthau als Oscar Madison in 'The Odd Couple' (1968)

Wird der "Mann mit dem Fuchtelfinger" zum Favoritenkiller?

Noch im Herbst lag Hillary Clinton rund 50 Prozent vor allen Gegenkandidaten - einschließlich Sanders. Inzwischen sind praktisch nur noch Clinton und Sanders übrig und liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. In New Hampshire lag Sanders zuletzt um 21,6 Prozentpunkte vor Clinton.

Freilich: Der kleine Staat in Neuengland, der an Sanders' Heimat Vermont grenzt, hat kaum mehr Einwohner als Unterfranken. Die Abstimmungen in Nevada und South Carolina könnten entscheiden, ob Sanders eine reale Chance hat, demokratischer Präsidentschaftskandidat zu werden: Bietet er der hoch favorisierten Clinton erneut Paroli, könnte das Momentum ihm am 1. März einen entscheidenden Sieg bescheren: am "Super Tuesday" wählen die Demokraten in sieben Regionen. Und dann ...

Der No-Nonsense-Kandidat

Bei den jungen Wählern hat Sanders Clinton in Umfragen inzwischen abgehängt. Auch im Netz und bei den Wahlkampfspenden liegt er knapp vorn - obwohl er, anders als Clinton, kaum Unterstützung von Banken und Konzernen erhält. Was seine Fans schätzen, ist Sanders' "No-Nonsense Demeanor". Sanders macht keine Selfies, herzt keine Haustiere, redet nicht um den heißen Brei herum. Nach seinem Sieg in New Hampshire - eine Gelegenheit, die andere Kandidaten zu Siegerposen und Parolen nutzen - führt Sanders in freier Rede Details seines Wahlprogramms aus. Das hat es in sich.

Das Programm

  • Wirtschaft und Soziales: Der Schwerpunkt in Sanders' Programm. Mit höheren Einkommens- und Erbschaftssteuern für Besserverdienende und einer Finanztransaktionssteuer will Sanders in die Infrastruktur - vor allem Straßenbau, Schulen und das Gesundheitssystem - investieren, niedrige Renten erhöhen und ein kostenloses Studium für alle finanzieren. Sanders fordert einen Mindestlohn von 15 Dollar, Mutterschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und zwei Wochen bezahlten Urlaub. Banken, die so groß sind, dass sie im Falle einer Krise als systemrelevant vom Staat aufgefangen werden müssten ("Too big to fail"), will er aufspalten.
  • Gesellschaft und Umwelt: Bernie Sanders bekennt sich zu erneuerbaren Energien und internationalen Klimaschutzabkommen, zum Recht auf Abtreibung und der Homo-Ehe. Mit der Waffenlobby will er sich hingegen nicht anlegen.
  • Außenpolitik: Hier weist Sanders' Programm bisher größere Lücken auf. Klar ist: Der bekennende Kriegsgegner will Rüstungsausgaben begrenzen und militärische Interventionen der USA weiter reduzieren - und das durchaus glaubwürdig: 2003 zählte der damals unabhängige Senator zu den wenigen, die den Irakkrieg vehement ablehnten. Die Freihandelsabkommen mit den asiatischen Staaten und Kanada will er revidieren, TTIP lehnt er ab.

Das gute U und das böse S

In europäischen Ohren klingt Sanders' Programm wie ein Remix politischer Urgesteine vom Schlage Heiner Geissler, Hans-Christian Ströbele und Gregor Gysi. In konservativen US-Webforen wird Sanders dagegen gern mal mit Stalin verglichen. Sein Problem: Sanders bezeichnet sich seit Jahrzehnten als "democratic socialist" - eine Formulierung, die man mit "Sozialdemokrat" übersetzen könnte, die für viele Amerikaner aber nach Gulag klingt. Dass Sanders seine Formulierung nicht einfangen will (und wohl auch nicht könnte), schmälert seine Chancen erheblich. U kontra S: so sehr Amerikaner Underdogs lieben, so sehr misstrauen sie dem Staat im Allgemeinen und sozialistischen Tendenzen im Besonderen.

Noch vor einigen Jahren hätte der Kandidat Sanders keine Chance gehabt. Doch die Wunden, in die er seinen nimmermüden Finger legt, beginnen immer mehr Amerikaner zu schmerzen.

Der Angriff der Wirklichkeit auf den amerikanischen Traum

Krise: Schrottimmobilie in Detroit 2014

Seit Jahrzehnten machen die Abschwünge der Wirtschaft - zuletzt verschärft durch die Immobilienkrise - vor allem der amerikanischen Unter- und Mittelschicht zu schaffen, während von den Boomphasen der Reagan- und Bill-Clinton-Jahre und die Erholung unter Obama vornehmlich die obersten zehn Prozent profitieren.


Der sogenannte Gini-Index für die Verteilungsgerechtigkeit listet die USA auf dem 28. von 30 Plätzen. Berechnungen zeigen, dass das reichste Prozent der Amerikaner über 40 Prozent des Volksvermögens verfügt, während 80 Prozent der Bevölkerung sich mit sieben Prozent zufrieden geben. Auch Amerikaner finden das nicht gut. Doch bislang, so eine Harvard-Studie von 2011, waren diese Dimensionen den meisten schlicht nicht bewusst.

Chance? Wahlplakat in New Hampshire 2016

Das aber beginnt sich zu ändern - auch durch Sanders und seine Kampagne. Längst ist die Idee, dass jeder es schaffen kann, angekränkelt. Die Diagnose spaltet die Amerikaner. Während die einen - angeführt vom Milliardär Donald Trump - an ihrer Medizin festhalten und die Dosis verdoppeln wollen, plädieren andere für eine radikale Umstellung des Patienten.

Was bleibt von Bernie?

Variante 1: Bernie for President!
Die Erfolgsserie von Sanders hält an, der Underdog wird demokratischer Präsidentschaftskandidat: Ein mäßig wahrscheinliches Szenario. Trotz der beachtlichen Spenden-Erfolge von Sanders verfügen die Clintons über dickere Finanzpolster, mehr "Superdelegierte" und Rückhalt im Establishment der Partei und weitaus mehr Unterstützung aus der Wirtschaft.

Seine Wahlchancen am 8. November: abhängig vom Verhalten des unterlegenen Lagers - und natürlich vom Gegenkandidaten. Aktuell zeigen die "Poll Charts" recht knappe Mehrheiten für beide demokratischen Bewerber, wenn die Gegner Donald Trump oder Ted Cruz heißen. Gegen Marco Rubio würde es schwieriger, in einigen Umfragen läge Sanders vorne. In der heißen und nicht selten schmutzigen Phase des Wahlkampfs dürften diese Momentaufnahmen Makulatur werden.

Variante 2: Getrennt marschieren, vereint schlagen
Es bleibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Clinton liegt in Führung, ohne Sanders jedoch klar distanzieren und seine Anhänger von sich überzeugen zu können. Mögliche Konsequenz: Eine Umarmungsstrategie. Clinton ernennt Sanders zum Schatten-Vizepräsidenten oder -superminister und übernimmt einige seiner Forderungen. Wenn sich beide glaubhaft zusammenraufen, könnte die Allianz aus Machtroutine und Authentizität Erfolg haben.

Variante 3: Ein Abgang mit Echo
Hillary Clinton wird am Ende mit deutlichem Vorsprung Präsidentschaftskandidatin. Wie auch immer die Wahl am 8. November dann ausgeht: Sanders dürfte Spuren hinterlassen. Seit Jahrzehnten sind linke Positionen in den amerikanischen Medien nicht mehr so ausführlich diskutiert worden wie in diesem Vorwahlkampf. Und: Seit der Kandidatur des unabhängigen Kandidaten Ross Perot 1992 haben unabhängige Bewerber nicht mehr soviel Zulauf erhalten. Eine Tatsache, über die sich beide Parteien Gedanken machen werden.


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Berniefan, Samstag, 20.Februar, 15:42 Uhr

2.

Jeremy Corbyn in GB, Sanders in USA - die "jungen Männer" in den Parteizentralen sollten sich Gedanken machen, warum diese Oldies so gut ankommen. Könnte mit Glaubwürdigkeit zu tun haben.

Rumplhanni, Samstag, 20.Februar, 10:15 Uhr

1. Ich denke, USA stecken in einer ähnlichen Krise wie Europa

Eine Demokratie die Rechte von Minderheiten - vor allem religiöser/ideologischer, deren Grundwerte nicht übereinstimmen - zu hoch steckt, das Rest-Volk beschneiden, kann nur scheitern.

Russland verbietet nun offiziell die Einfuhr von GVO-veränderten Lebensmitteln/Saatgut aus USA, was logischerweise ein schwerer Schlag für deren Wirtschaft ist. Viele der Süd-/Nord-amerikanischen Bevölkerung stehen gegen diese Konzerne auf. Was in USA den Schritt zum Verbot macht, wird für EU gefördert, wohl um diese Konzerne zu retten. Clinton steht hinter solchen Konzernen, würde angeblich von EU begrüßt, wie ich kürzlich las.

Trump klingt etwas suspekt durch den Bau einer „Mauer“, scheint aber wie Sanders gut im Rennen. Wenn man bedenkt, dass EU durch Fehleinschätzung und das Missveständnis christlicher Werte - gefordert nur gegen das eigene Volk - kläglich scheitert, Mitgliedsländer dazu zwingt wieder Grenzzäune zu errichten, dürfte wohl mancher selbst über Trump noch zurückhaltend richten.