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BR exklusiv So sind die Flüchtlinge in Bayern verteilt

Wie sind Bayerns Flüchtlinge verteilt und ist die Verteilung gerecht? Eine exklusive BR-Recherche zeigt, wie viele Geflüchtete die einzelnen Landkreise aufgenommen haben und wo die Probleme liegen.

Von: Robert Schöffel (BR Data) und Regina Kirschner (Landespolitik)

Stand: 31.03.2016 | Archiv

Frau mit Kind in einer Flüchtlingsunterkunft | Bild: picture-alliance/dpa

Nach den aktuellsten Zahlen sind in Bayern derzeit etwa 156.000 anerkannte, abgelehnte und im Verfahren befindliche Asylbewerber untergebracht (Stand 29. Februar). Ihre Verteilung erfolgt nach einem festgelegten Schlüssel auf die Regierungsbezirke und dann weiter auf die Landkreise und kreisfreien Städte. In der Theorie werden die Menschen dabei streng im Verhältnis zur Einwohnerzahl über Bayern verteilt. Doch wie sieht die Realität aus? Der Bayerische Rundfunk hat alle Landkreise und kreisfreien Städten zur Anzahl der dort untergebrachten Flüchtlinge befragt. Die nachfolgende Karte zeigt, wie viele Flüchtlinge pro 1.000 Einwohner uns gemeldet wurden. Je dunkler, desto höher die Quote.

Fränkische Regionen stechen heraus

Auffällig ist, dass viele kreisfreie Städte mehr Flüchtlinge aufnehmen als Landkreise in ihrer direkten Umgebung. Ein Phänomen, das besonders deutlich in Franken zu sehen ist. Im Schnitt haben die bayerischen Landkreise und Städte 12 Flüchtlinge pro 1.000 Einwohner in regulären Einrichtungen untergebracht, in Bamberg und Schweinfurt sind es mit 26 Flüchtlingen mehr als doppelt so viele. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand: In beiden Orten gibt es große Aufnahmeeinrichtungen, die zeitweise mit über 1.000 Menschen belegt sind. Das bedeutet, dass die Städte bei hoher Auslastung dieser Einrichtungen überproportional belastet werden.

Auch der Landkreis Roth in Mittelfranken hat in der Vergangenheit deutlich mehr Flüchtlinge aufgenommen als er laut Schlüssel musste. In unserer Umfrage liegt Roth mit 23,8 Flüchtlingen pro 1.000 Einwohner ebenfalls deutlich über dem bayerischen Schnitt. Notunterkünfte sucht man hier allerdings vergeblich: "Geeigneter Wohnraum konnte durch intensive Suche und regelmäßige Zeitungsaufrufe bisher stets rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden. Eine Unterbringung in Turnhallen, Traglufthallen oder ähnlichem war bisher nicht erforderlich", teilte der Landkreis mit.

Paralellen zu Roth gibt es in der Stadt Hof: Auch hier wird der Schlüssel seit Jahren übererfüllt, auf eine längerfristige Unterbringung in Notunterkünften konnte ebenfalls weitgehend verzichtet werden. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn laut einer Erhebung der Bayerischen Landesbodenkreditanstalt von 2014 weist die Stadt den höchsten Wohnungsleerstand aller kreisfreien Städte in Bayern auf (5,1%).

Oberbayern verfehlt die Quote

In Oberbayern hatten die Landkreise lange Zeit Probleme mit der Erfüllung des Verteilschlüssels, wie der zuständige Landesbeauftragte Werner Staritz bestätigt. Er und seine Mitarbeiter weisen die Flüchtlinge aus den Erstaufnahmen den Regierungsbezirken zu. Zunächst wird geprüft, ob familiäre Bindungen bestehen. Falls das der Fall ist, werden die Flüchtlinge zu ihren Angehörigen verlegt - egal, ob am Zielort die Quote bereits erfüllt ist. Erst an zweiter Stelle erfolgt die Verteilung nach dem festgelegten Schlüssel. Nur dank einer verstärkten Zuweisung in der jüngsten Zeit hat Oberbayern sein aus der Einwohnerzahl berechnetes Soll nun annähernd erfüllt.

Wohnraummangel in Oberbayern

Im Münchner Umland waren in unserer Umfrage dennoch eher niedrige Werte auffällig, so im Landkreis Ebersberg und im Landkreis München, die beide nur etwa 8 Flüchtlinge pro 1.000 Einwohner in regulären Unterkünften untergebracht haben. Der niedrige Wert relativiert sich zwar, wenn man die hohe Zahl der in Notunterkünften untergebrachten Menschen mit einbezieht, das macht jedoch auf ein anderes Problem aufmerksam: Adäquater Wohnraum ist hier nicht einfach zu beschaffen. Von einer Situation wie in Roth oder Hof können diese Landkreise nur träumen.

Gerechte Verteilung?

In Regionen mit einem entspannten Wohnungsmarkt kann nach den Ergebnissen unserer Recherche folglich eher auf Notunterkünfte verzichtet werden. Vor allem Landkreise in Oberbayern waren dagegen in den vergangenen Monaten auf Traglufthallen und Turnhallen angewiesen. Am Verteilschlüssel soll dennoch im Moment nicht gerüttelt werden, wie das Sozialministerium mitteilte. Das Ziel sei eine gerechte Verteilung der Asylbewerber in ganz Bayern, um die Lasten auf alle Schultern zu verteilen, teilte das Ministerium mit. Nicht alle Landkreise und Städte sind damit glücklich:

"Sinnvoller wäre es, die jeweilige Situation der regionalen Wohnungsmärkte bei den Quoten mit zu berücksichtigen. Ich vermag nicht einzusehen, dass in anderen Landesteilen Leerstände auf dem Wohnungsmarkt zu verzeichnen sind, während wir in Rosenheim mit jedem einzelnen zusätzlichen Flüchtling aufs Neue an die Grenze der Aufnahmefähigkeit stoßen."

Thomas Bugl (Stadt Rosenheim)

Und noch ein weiteres Problem zeichnet sich ab: Wenn mehr anerkannte Asylbewerber aus den Flüchtlingsunterkünften ausziehen dürfen und auf den Wohnungsmarkt drängen, wird privater Wohnraum benötigt. Besonders stark gefordert werden wohl erneut Ballungsräume und oberbayerische Kommunen. Eine mögliche Wohnsitzauflage, um eine Verteilung der Asylbewerber auch nach der Anerkennung zu steuern, wird bereits kontrovers diskutiert.

Download

Die vollständige Liste mit den Ergebnissen der Umfrage sowie weiteren Informationen kann hier abgerufen werden.

Sendungen

BR Fernsehen, Rundschau-Magazin, 31.03.2016, 21:45 Uhr
B5 aktuell, Nachrichten, 31.03.2016, 06:00 Uhr


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