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Arbeitsbelastung der Landwirte Bauernfamilien leiden immer öfter unter Burnout

Die Werbung gaukelt uns ein romantisches Bild der Landwirtschaft vor: Glückliche Kühe, sonnengebräunte Bauern, Blumenwiesen. Doch die Realität schaut meist anders aus: Arbeitsverdichtung und Stress führen immer öfter zu Konflikten auf den Höfen. Die Landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen bietet Hilfe an.

Von: Heiner Gremer

Stand: 15.10.2017

Barbara Saalfrank bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb im oberfränkischen Landkreis Hof, den sie vor zwei Jahren an die nächste Generation übergeben haben. Als ihr Sohn Jörg dann auf ökologischen Anbau umstellen will, verschärft sich die ohnehin bereits angespannte Situation auf dem Hof. Bei einem Bürojob geht man spätestens nach 8 Stunden nach Hause und lässt solchen Ärger hinter sich – in einer Landwirtschaft ist das nicht möglich. Bei Barbara Saalfrank gipfelte das in einem Selbstmordversuch.

Der Leidensdruck ist meist hoch

Viele kommen leider erst zu uns, wenn es gar nicht mehr anders geht, erzählt Fritz Kroder, Vorsitzender des Landeskuratoriums der  Landwirtschaftlichen Familienberatung in Bayern.

"Wenn der Druck der Belastung höher ist als die Angst sich zu outen, dann ist der Punkt da, wo die Leute zu uns kommen."

Fritz Kroder, Landwirtschaftliche Familienberatung in Bayern

Im konkreten Fall hatte sich viel angehäuft, erzählt der Sohn Jörg Saalfrank. Die Probleme wären von ganz unterschiedlicher Herkunft gewesen: Das Finanzielle, Missmut, die Unfähigkeit, darüber zu sprechen. Irgendwann würden sich diese Probleme allerdings vertiefen. Was immer zu Streit mit dem Vater führte, der zum einen unter Depressionen leidet und zudem eine schwere Lungenkrankheit hat. Zur Zeit ist er auf einer Kur. Zu Gesprächen kam es aber erst als man sich Hilfe von der Landwirtschaftlichen Familienberatung holte, ergänzt Barbara Saalfrank.

"Sie waren zu zweit da, haben sich mit uns allen vieren zusammengesetzt. Der Herr Kroder hat die Gespräche gecoacht. Im Endeffekt konnte dann jeder mal sagen, was ihn bedrückt, und der andere musste zuhören. Und so sind wir eigentlich wieder gut ins Gespräch gekommen und im Augenblick können wir uns nicht beschweren."

Barbara Saalfrank

Immer mehr Familien suchen Hilfe

Was mit einem Gespräch nicht gelöst ist, erklärt Fritz Kroder. Unter einem Jahr gehe meist nichts. Ist die Landwirtsfamilie Saalfrank ein seltener Einzelfall ? Kroder hat die aktuellen Zahlen für Bayern.

"Wir haben in Bayern acht Einrichtungen - sieben katholische, eine evangelische. Wir haben in Bayern etwa 1.400 Personen, die in Beratung sind. Das ist letztes Jahr um etwa 12 Prozent gestiegen."

Fritz Kroder, Landwirtschaftliche Familienberatung in Bayern

12 Prozent mehr Fälle in einem Jahr. Trotzdem glaubt Kroder nicht, dass sich die Probleme auf den Höfen in nur 12 Monaten so verstärkt haben. Ein Grund sei eher, dass die Beratungsstelle aktiver geworden sei, da die Zahl der Mitarbeiter aufgestockt wurde. Auch wäre das Angebot nach Medienberichten besser wahrgenommen worden. Trotzdem würden viele nach wie zu lange warten, bis sie sich Hilfe suchen.

Verena, die Ehefrau des Sohnes, die zusammen mit ihrem Mann zwei Buben im Alter von 4 und 9 Jahren hat, ist froh, dass die Familie den Schritt gewagt hat, sich Hilfe zu holen. Man könne jetzt ehrlicher zueinander sein. Ihre Schwiegermutter stimmt ihr zu.

"Das ist eigentlich das Beste, was wir hätten machen können, denn man kommt selbst aus so einer Situation nicht mehr heraus."

Barbara Saalfrank


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Mittsechzigerin, Montag, 16.Oktober, 15:56 Uhr

8. Nur im Herzen ist man freier...

Früher war es eine heikle Sache, es gab bei der Mehrheit der Bauern Familienfehden. Hoffentlich hat sich das gebessert. Denn das Dasein ist anstrengend genug für die produzierende Landbevölkerung. Es wundert mich, dass hier viele User oberflächliche Kommentare abgeben. Denn von der Stadt, von einer Mietwohnung aus, lässt es sich wohl gut philosophieren über das "vermögende" Bauernklientel. Wissen Sie, ich habe ein Haus auf dem Land, keine Bauernwirtschaft mehr. Aber sobald ich aufgestanden bin, muss ich was tun. Zuerst wird die Asche herunter gebracht, danach der Ofen angerichtet. Ist das Wetter im Sommer halbwegs, geht es sofort raus, Grundstück kehren, dann die Rabatten und den Garten versorgen. Im Frühjahr natürlich die Vorbereitungen dazu, im Herbst kommt die Beräumung der Anlagen und das Beseitigen der Blätterberge zahlreicher Bäume, im Winter Schnee räumen. Sorglos in den Tag leben, ist nicht. Reich? Arbeitsreich, das trifft eher. Ich habe große Hochachtung vor unseren Bauern!

Mittfünfziger, Sonntag, 15.Oktober, 17:51 Uhr

7. Die Existenz in reiner Eigenverantwortung ist ein schweres Los.

Mich wundert das nicht. Im März geht es los, da wird schon mit dem Wetter gehadert, wenn das Frühjahr spät kommt. Dann kommen als nächste Sorgen drohende Dumpingpreise für Milch und Fleisch. Im Sommer können Gewitter mit Hagelschlag das Gewachsene auf einen Schlag zunichte machen, was vorher noch gut geraten war. Von den mehr und mehr zunehmenden Überschwemmungen gar nicht zu reden... Es gehören Nerven wie Stahlseile dazu, wenn man sowas jahrzehntelang stabil überstehen will. Welchem Zweifler das noch nicht reicht: Der sollte sich bloß vor Augen halten, dass der Viehhalter jeden Morgen zeitig raus müssen, egal, welcher Tag ist.

Fred Hammer, Sonntag, 15.Oktober, 15:29 Uhr

6.

Den Leuten ist doch nicht zu helfen, wenn der Stall 50 Kuhplätze hat, dann baut man nochmal 70 dazu. Hauptsache ich bin der Größte. Natürlich ist der neue
grosse Schlepper auch noch chic. Und dann alles auf Pump.
Ich sag nur, es reist sich besser mit leichten Gepäck.

  • Antwort von Sachsenlandei, Sonntag, 15.Oktober, 17:55 Uhr

    Hier reden mal wieder Blinde vom Sehen. Tja, der Städter weiß eben genau Bescheid, wie der Bauer zu arbeiten hat und was er so falsch macht. Bloß in schlechten Zeiten, die wir in Deutschland übrigens schon hatten und auch mal wieder kommen können, erinnert er sich nicht mehr daran, dass er voller Hochmut auf die "Landeier" geschaut hat...

  • Antwort von Miez, Sonntag, 15.Oktober, 21:41 Uhr

    Man sieht nur immer die Sache von der guten alten Zeit.Bauer mit 10 Kühe Wiese grasend am besten noch mit Pferd. Fortschritt oder Technik nicht erwünscht .Zuhause darf es dann alles sein was der Markt hergibt.Das Ganze ist wesentlich komplizierter , wenn die Grundstückspreise nicht so gestiegen wären wäre auch weniger Diskussion. Der Acker oder Wiese ist der Arbeitsplatz, da kann man schlecht runterbeissen dafür zahlt man Pacht, sowie Miete .Nicht jeder Bauer ist Eigentümer von allen Grundstücken( Abhängigkeit )Immer mehr Menschen haben ein Problem mit heimischer Landwirtschaft. Kann sie trösten sie verschwindet Stück für Stück China wird s`richten.

  • Antwort von landfrau, Montag, 16.Oktober, 10:00 Uhr

    @Fred Hammer
    Sie müssen es ja wissen, was ein Landwirt hat und braucht
    Von nix kommt ja bekanntlich nix.
    Mein Vater (musste mit 17 Jahren noch in den Krieg ziehen) sagte immer zu mir,
    "Mädchen, ihr wisst doch gar nicht, was Hunger ist !". Deshalb sollte doch nicht immer
    über die heimische Landwirtschaft geschimpft werden - die Nahrungsmittel aus
    anderen Ländern sind wahrscheinlich auch nicht besser

Moni, Sonntag, 15.Oktober, 10:38 Uhr

5. Das sollte es auch für Firmen und Büros geben

Im Büro ist es noch schlechter. Der Vater feuert einen nicht, der Chef beim dem ersten Versagen.
In der Familie herrscht Liebe. Das Problem hier ist dann nur eine zu große Motivation. Man will keinen entlasten. Aber so eine Familie hat nur vergessen auf ihren Reichtum zu Blicken. Man hat ja sich, die Kinder bzw. die Eltern. Und arm ist man gewiss nicht. Wenn man Kühe nicht halten kann, macht man etwas anderes. Man hat ein Dach über dem Kopf, das andere erst mal zahlen müssen. Wenn man seinen Reichtum sieht, sollte man eigentlich traurig sein, dass man sich so viele Sorgen macht.

  • Antwort von Manfred, Sonntag, 15.Oktober, 13:29 Uhr

    Ja dieses "Bauern sind reich" Klischee geht wohl nicht aus den Köpfen der Stadtbevölkerung raus.

  • Antwort von Renate E., Sonntag, 15.Oktober, 18:02 Uhr

    Moni, wie kann man einen Bürojob mit einer Tätigkeit auf dem Bauernhof vergleichen? Ich bin da großgeworden und kenne die Mühsal des Landlebens. Jeden Tag ging es früh los, dann musste man stets Nerven lassen wegen der Wetterkapriolen. Außerdem ging es voll durch - Urlaub war für meine Großeltern nie drin. Auch sonntags und an Feiertagen mussten die Tiere versorgt werden. Dazu war es größtenteils ein Knochenjob. Bissel mit dem Traktor herum fahren, das waren die wenigsten Stunden in der Woche! Gerade als Frau musste man hart ran, da gab es vorwiegend nur körperliche Arbeit. Und dann das ständige Putzen - Tiere machen viel Dreck! Wissen Sie, Sie bringen hier was durcheinander: Sie jammern auf hohem Niveau!

  • Antwort von B. Sachse, Sonntag, 15.Oktober, 18:12 Uhr

    Manfred, manchmal kriege ich da sooooooooooo einen Hals! Erstens, weil ich auf einem Bauernhof groß wurde, zweitens mich immer noch an die Erzählungen meiner Eltern erinnere über die schlechten Zeiten, als im und nach dem Krieg das Hamstern losging. Jeder Städter ist auf die Versorgung angewiesen, die man per Auto in die Kaufstätten bringt. Und jeder Hochmütige sollte sich nur kurz deutlich vor Augen halten, was passiert, wenn die nicht funktionieren wird. Nur ein, zwei Wochen lang. Da müsste sich mancher Lästerer Richtung nächster Bauernhof aufmachen, um dort was Essbares aufzutreiben. Meine Großeltern mit ihrer kleinen Bauernwirtschaft haben nach dem Krieg etliche ausgebombte Städter aufgenommen, zeitweise um die 20(!), und zwar mit eigenen vier Kindern in einem Dreifamilienhaus. Jungen Leuten fehlt heute jedwede Demut, die denken es geht immer so weiter...

  • Antwort von Andrea, Montag, 16.Oktober, 07:37 Uhr

    Im Büro kann es auch schlecht sein und von meinen 5 Jahre Arbeit in einem CallCenter spüre ich jetzt noch nach Jahren gesundheitliche Folgen. Aber gegenseitiges Aufrechnen, wer es vermeintlich schöner hat, bringt nichts. Gerne meint man, der andere hat es besser, weil man nur die "Vorteile" des anderen sehen will, und bei den "Nachteilen" nur sich selber sieht. Wenn ich da, wo ich wohne, mitkriege, wie Bauern noch um 22 Uhr, oder sogar um 2 Uhr früh bei der Mäh- oder Feldarbeit sind, möchte ich bestimmt nicht tauschen. Überall gibt es Menschen, denen es besser geht, als anderen, und ebenso Menschen, denen es schlechter geht. Klar, man wird im Familienbetrieb vielleicht nicht gleich wegen einem Fehler rausgeschmissen, aber mein Chef kündigt mir nicht, wenn es in der Familie mal ernsthaften Streit gibt. Und wenn der Familienbetrieb schlecht läuft, dann kann der Vater noch so nett sein und einem "nicht kündigen" und dennoch ist die Existenz gefährdet.

Oliver M., Sonntag, 15.Oktober, 10:07 Uhr

4.

Und das alles, damit unsere Discounter zu Dumpingpreisen die Ware anbieten können. Und noch immer bleibt für Chefs dieser Discounter ausreichend übrig, sich ein goldenes Näschen zu verdienen. Dabei leisten die nicht annähernd so viel, wie so mancher Landwirt.
Aber ist ja nicht nur hier so. Ist eigentlich die Regel, dass körperlich schwer schuftende Menschen teils deutlich weniger verdienen, wie irgendwelche Bürohocker. Schlichtweg, weil die Qualität einer Arbeit bei uns danach gemessen wird, welche Ausbildung der Mensch hat und wie viel geistige Arbeit erbracht wird.
Wäre mal schön, wenn sich die Gewerkschaften dieser Problematik mal annehmen würden. Z.B. Generalstreik all dieser vermeintlich minderqualifizierten, schlecht bezahlten Menschen. Dann würde unser Land mal sehen, wie „unwichtig“ die tatsächlich sind. Unser Land würde von heute auf morgen still stehen. Nicht so, wenn hoch bezahlte Bürohocker die Arbeit nieder legen. Dann merkt man lange Zeit erst mal wenig ...

  • Antwort von Ulrich Denninger, Sonntag, 15.Oktober, 11:20 Uhr

    Gratuliere!! Bin in Gedanken bei Ihnen.

  • Antwort von harrer, Sonntag, 15.Oktober, 12:42 Uhr

    Sehr gut formuliert! Stimme dem zu 100 Prozent zu!!!