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"Schaden ohne Ende" BASF-Skandal: Giftige Matratzen in Handel gelangt

Die mit giftigem Schaum belasteten Matratzen sind in den Handel gelangt. Das bestätigte der Fachverband der Matratzen-Industrie auf seiner Internetseite. Bei vielen Herstellern steht deswegen derzeit die Produktion still.

Von: Doris Bimmer, Moritz Steinbacher, Christiane Scherm

Stand: 11.10.2017

Eine Frau packt eine neue Matratze aus der Verpackungsfolie aus | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Betroffen vom BASF-Skandal ist auch die niederbayerischen Firma "Nußbaumer-Matratzen" in Reisbach (Landkreis Dingolfing - Landau).

Nußbaum-Matratzen: "Schaden ohne Ende"

Es sei ein Schaden ohne Ende, sagte der Chef des Unternehmens Gerhard Nußbaumer gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Seit Montag steht bei ihm die Produktion still. Auch Nußbaumer ist sich sicher, dass von ihm hergestellte belastete Matratzen in den Handel gelangt sind. Er warnt, der fehlerhafte Matratzenschaum befinde sich in allen Matratzenarten, also auch in Federkernmatratzen.

Krebserregende Konzentration von Chemikalien im Schaumstoff

Gestern war öffentlich geworden, dass der Chemiekonzern BASF das Kunststoffgrundprodukt TDI mit zu viel Dichlorbenzol hergestellt hat. Dichlorbenzol kann Haut, Atemwege und Augen reizen und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Der Kunststoff TDI dient zur Herstellung von elastische Schäume. Diese werden für Polster und Matratzen aller Art verwendet. BASF hat den fehlerhaft hergestellten Kunststoff TDI zwischen dem 25. August und dem 29. September 2017 an Schaumhersteller ausgeliefert. Von diesen beziehen Matratzenhersteller ihren Schaum.

Dass ein Weltkonzern wie BASF unbemerkt über einen Monat ein hochgiftiges Produkt herstellt, ist für den niederbayerischen Matratzenhersteller Gerhard Nußbaumer eine Frechheit. Seine Lager sind nun voller unbrauchbarer Matratzen. Von dem belasteten Schaum hat seine Firma zwei Chargen erhalten. Nußbaumer hofft spätestens nächste Woche wieder unbelasteten Schaum von seinen Lieferanten zu erhalten.

BASF räumt Mängel ein

Inzwischen hat BASF in Ludwigshafen eine Pressemitteilung herausgegeben. Darin wird bestätigt, dass es in der Zeit vom 25. August bis zum 29. September 2017 "Qualitätsabweichungen bei der TDI-Produktion" gegeben hat. Das in diesem Zeitraum produzierte Mittel zum Aufschäumen enthalte eine deutlich erhöhte Konzentration an Dichlorbenzol. BASF biete den betroffenen Kunden an, darunter vor allem Hersteller von Matratzen und Sitzpolstern, sämtliche nicht verarbeitete Schaumblöcke, die mit dem Produkt aus dem entsprechenden Zeitraum hergestellt wurden, auf BASF-Kosten zu sammeln. Für bereits weiterverarbeitete Produktmengen empfiehlt BASF den Kunden als Vorsichtsmaßnahme Tests durchzuführen, um sicherzustellen, dass die relevanten Grenzwerte eingehalten werden. Das Unternehmen biete bei Bedarf Unterstützung bei Tests und Beratung an.

Auslieferung gestoppt

BASF hat nach eigenen Angaben die Auslieferung von TDI gestoppt und die Kunden informiert. Laut einer Sprecherin geht es um 7.500 Tonnen verunreinigtes Material. Der Fachverband Matratzen-Industrie geht einer Meldung auf seiner Internetseite zufolge davon aus, dass mit giftigem Schaum belastete Matratzen bereits in den Handel oder sogar in die Haushalte gelangt sind. Bei vielen Herstellern stehe derzeit die Produktion still.

Auch bei Mayser liegt die Produktion still

Mayser in Lindenberg teilte mit, die betroffene Produktionslinie stillgelegt zu haben. Weil noch zu viele Fragen offen seien. Am Samstag sei man von Lieferanten, darunter Metzeler in Memmingen, informiert worden, dass BASF über rund vier Wochen hinweg fehlerhaftes Material geliefert hätte. Weil nicht klar sei, ob nun auch Mayser belastetes Material erhalten hat, ob Mitarbeiter damit in Kontakt kamen und die betreffenden Chargen weiterverarbeitet wurden, stoppte man die Produktion vorsichtshalber. Derzeit wird die Halle wird gereinigt.

Kunden, die von Mayser beliefert werden, wurden informiert. In Lindenberg rechnet man damit, dass schon bald erste Regressansprüche wegen des nicht gelieferten Materials gestellt werden. Auch bei Metzeler in Memmingen hieß es gestern, die betroffene Produktionslinie stehe still. Ob Metzeler, wie andere Hersteller auch, die möglicherweise belasteten Matratzen zurückruft, ist bislang nicht bekannt.

Hersteller geben sich zugeknöpft

Metzeler Schaum in Memmingen teilte auf Anfrage schriftlich nur mit, man sei von BASF über das Problem informiert worden. Die Produktion von Blockschaum stehe derzeit still und es sei auch nicht absehbar, wann sie wieder aufgenommen wird. Mitarbeiter und Kunden würden über Fortschritte bei der Aufarbeitung des Vorfalls informiert. Bei weiteren Schaumstoff verarbeitenden Betrieben im Allgäu heißt es, man prüfe die aktuelle Lage und könne noch keine abschließende Aussage für die Produktion treffen.

Auch der Matratzenhersteller Rummel im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch gibt sich wegen des Vorfalls äußerst wortkarg - womöglich aus Furcht vor nicht abschätzbaren Reaktionen der Kunden. Ein Sprecher der Geschäftsleitung erklärte, es handele sich um "keine Kleinigkeit", die sich natürlich auch auf die Produktion auswirke. Mehr war nicht zu erfahren, man habe den Aussagen des Matratzenverbandes derzeit nichts hinzuzufügen, so der Rummel-Sprecher.

Matratzen- und Polstermöbelhersteller in Oberfranken "geschockt"

Mehrere Matratzen- und Polstermöbelhersteller in Oberfranken äußerten sich im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk von dem Skandal "geschockt" oder "überrascht". Bei der Webema Matratzenmanufaktur in Kulmbach ist die Produktion dagegen nach wie vor gestoppt. Die Verantwortlichen rechnen mit einem hohen finanziellen Schaden. "Das kann in die Zehntausende gehen", so ein Sprecher. Und auch bei der Firma Gruber Polstermöbel aus Sonnefeld (Lkr. Coburg) sind die Verantwortlichen verunsichert. "Wir wissen nur, dass ein Mittel im Schaum ist, das da nicht sein sollte. Vielleicht ist es gesundheitsschädlich", so ein Sprecher. Die Firma wolle nun abwarten, wie die Testergebnisse ausfallen und inwiefern Grenzwerte überschritten wurden. Für die Textilbranche in Oberfranken sei der Skandal ein herber Schlag - zumal die Branche in Deutschland sowieso mit günstigeren Produkten aus dem Ausland zu kämpfen habe, so der Sprecher weiter.

Bei der Firma Pora Polstermöbel aus Grub am Forst (Lkr. Coburg) läuft die Produktion noch, allerdings auf Sparflamme. "Wir hatten noch Schäume auf Lager, die in Ordnung sind. Aber spätestens am Montag müssen wir die Produktion still legen. Unsere Mitarbeiter müssen wir aber trotzdem bezahlen", sagte ein Sprecher dem BR. Kleine Firmen könnten die Einbußen aber eher auffangen als große Firmen - zum Beispiel indem die Mitarbeiter Überstunden machen, wenn wieder ungefährliches Material zur Verfügung steht. Der Sprecher kritisiert die Informationspolitik der Zulieferer und von BASF selbst: "Wir haben am Montag ein Schreiben bekommen, dass was nicht passt - dass wahrscheinlich Grenzwerte überschritten wurden. Genauere Informationen gab es nicht." Er wünscht sich von BASF Entschädigungszahlungen an die Lieferanten, die dann auch bei den Herstellern ankommen sollen.

Unklarheit in Unterfranken

Ob Matratzen- bzw. Autositzhersteller in Unterfranken von dem Skandal betroffen sind, ist derzeit noch offen. Der Matratzenhersteller f.a.n. Frankenstolz in Mainaschaff (Lkr. Aschaffenburg) hat laut Vertriebsleiter Stefan Sickenberger bei den Schaumherstellern, die dem Unternehmen zuliefern, angefragt, bisher aber keine Rückmeldung erhalten. Bei Magna in Sailauf (Lkr. Aschaffenburg), wo unter anderem Autositze gefertigt werden, war Pressesprecher Stefan Seibert überrascht von der BR-Anfrage. Auch er will bei den Lieferanten nachhaken. Bei Fehrer in Kitzingen, wo Sitzpolster für Pkw produziert werden, war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.


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DerBerater ;-), Mittwoch, 11.Oktober, 17:24 Uhr

5. Von der Automobilindustrie lernen..

Vielleicht kan man ja irgendwann in ein oder zwei Jahren eine neue Software in die Matrazen einspielen...
Bis dahin sollte man als kostenloses Gimmik zu den giftigen Dämpfen einfach kostenlos Nebelgranaten verteilen.

Hrdlicka, Mittwoch, 11.Oktober, 15:51 Uhr

4. Verbraucherschutz

..was wäre wohl, wenn BASF in Bayern ansässig wäre.....vermutlich keinerlei gesundheitliche Risiken für den Verbraucher bekannt :-)

  • Antwort von Gerd, Mittwoch, 11.Oktober, 16:44 Uhr

    @Hrdicka: Warum lesen Sie die Seiten des BR, wenn Sie sowieso nichts, was da steht, als gut recherchiert und journalistisch ausgewogen gelten lassen? Solche Kommentare, wie der Ihre, sind einfach nur Stimmungsmache und entbehren jeder sachlichen Grundlage. Nennen Sie Fakten und agieren Sie nicht mit Vermutungen. Auch über andere Skandale, bei denne die Betriebe in Bayern ansäsig waren, wurde ausgiebig berichtet (z. B. Eierskandal). Dieser Artikel hier ist voller Recherchergebnisse und gut geschrieben. Bravo BR!!

  • Antwort von Dödel, Mittwoch, 11.Oktober, 16:46 Uhr

    Absolut RICHTIG! Bayern ist der Ursprung allen Übels. Deshalb, schmeißt endlich Bayern aus Deutschland raus!
    Die sollen sich an Österreich anschließen. Damit wären alle Probleme in Deutschland auf einen Schlag gelöst. Sind doch nur Schmarotzer, die sich auf Kosten der restlichen Deutschen bereichern. Bestimmt sind sie auch für die Probleme beim BER verantwortlich. Der TÜV-Rheinland ist bestimmt auch in Bayern beheimatet , usw.

Squareman, Mittwoch, 11.Oktober, 14:39 Uhr

3. Qualitätskontrollen?

Da produziert BASF über einen Monat lang einen giftigen Ausgangsstoff und keiner merkt was. Bei den Herstellern gibt es anscheinend auch keine Eingangskontrollen mehr. Ich bin ja gespannt ob es zu einer Rückrufaktion kommen wird, oder ob es heißt, das ist unter den Grenzwert also ok.

  • Antwort von a, Mittwoch, 11.Oktober, 17:45 Uhr

    Ich würde vermuten dass nicht jeder der Schaumstoff verwendet über Messmittel verfügt krebserregende Substanzen in typischen (=ppm) Konzentrationen nachzuweisen. Ein Matratzenhersteller hat vermutlich kein Massenspektrometer. BASF natürlich schon...

Thrun, Mittwoch, 11.Oktober, 14:16 Uhr

2. Schaumstoff

Bin bei der Firma Ponsel beschäftigt, wurden gestern in einer Versammlung von der Geschäftsleitung über diese Sauerei bei BASF informiert. Ab 11.10.2017 steht unsere Produktion still. Unser Betrieb hat den blauen Engel als Gütesiegel und steht für umweltgerechte Produkte. Alle Mitarbeiter müssen Überstunden , Urlaub oder unbezahlten Urlaub nehmen .Vieleicht bekommen wir auch Kurzarbeitergeld. Wir bangen natürlich auch um unseren Arbeitsplatz, aber das scheint niemanden zu Interessieren. In der Presse ist man bei Eiern schneller.

PS_ED, Mittwoch, 11.Oktober, 14:01 Uhr

1. Zeit für ein Sammelklage-Gesetz!

Die Obergrenze ist endgültig erreicht!

Die Wirtschaft und industrie, muss zukünftig nachhaltiger und vorrausschauender arbeiten, dies gelingt aber nur wenn die Regierung endlich endlich die Möglichkeit einer Sammelklage schaft! Die Sammelklage ermöglicht es Gruppen ihr Veto gegen bestimmte Produkte und Produktionsverfahren abzugeben, weshalb zukünftigeman sich immer Fragen muss, ist bei dem Produkt / Verhalten etc. ein Klage denkbar, wenn ja mit welchem Schaden kommt auf einen zu.

Verbraucher und Händler (inkl Angestellte) sind hier bedroht, aber wenn jeder alleine gegen BASF sein Recht durchsetzen muss, dann kann man es vergessen!
Darüberhinaus sollte man sich Fragen, ob die Chemiker nicht alterantiven im Keller haben, die weniger Schädlich sind!

Danke liebe AfD-Wähler, unter RRG wäre dide Sammelklage gekommen, unter GroKo mit SPD führung auch, aber die AfD Gehört ja eher zum wirtschaftsfreundlichen Teil, wie die Union und FDP....

  • Antwort von Kritikwürdig , Mittwoch, 11.Oktober, 15:28 Uhr

    Die Sammelklage ist sinnvoll, aber genauso wichtig ist die Verantwortlichkeit und die Strafhöhe.
    Bei nachweislichen Personenschäden gehört der Verantwortliche ins Gefängnis, ohne Bewährung und es muss ihm ein anschließendes Berufsverbot in leitender Funktion dauerhaft auferlegt werden.
    Auch bei den Behörden müssen die Verantwortlichen einer Bestrafung zugeführt werden, denn die Schäden der Betroffene und die der Gesellschaft sind erheblich. Gleiches gilt oft für die Umwelt. Nur so erhalten
    Es ist traurig so etwas fordern zu müssen, aber ich möchte nicht eines Tages in einer Gesellschaft der Selbstjustiz leben, was ich Angesichts der Opfer der Pharmaindustrie durchaus verstehen könnte.