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Engpässe bei Medikamenten Nebenwirkung Lebensgefahr

Wer in der Apotheke ein Rezept vorlegt, erhält das Medikament normalerweise sofort oder kann es noch am selben Tag abholen. Aus gutem Grund: Wer krank ist, muss schnellstens versorgt werden. Und doch klagen Ärzte und Apotheker darüber, dass Medikamente immer häufiger nicht lieferbar sind - darunter selbst lebenswichtige Präparate.

Von: Hellmuth Nordwig

Stand: 13.01.2017

Die Diagnose Krebs ist erschreckend genug. Umso schlimmer, wenn es dann heißt: Die Behandlung ist zurzeit nicht möglich, das Medikament ist nicht lieferbar. So ist es Franziska Jung aus Nürnberg ergangen. Sie hätte im Sommer 2015 mit einer Chemotherapie behandelt werden sollen. Doch das Uniklinikum Erlangen teilte ihr kurz vorher telefonisch mit, dass der Termin abgesagt werden muss.

"Und ich hatte irgendwie das Gefühl, das ist jetzt mein Todesurteil, weil es einfach dieses Medikament nicht gibt und man auch kein anderes nehmen kann."

Franziska Jung, Patientin

Inzwischen hat Franziska Jung ihren Knochenmarkkrebs glücklicherweise überstanden. Denn einige Wochen später war das Medikament wieder für kurze Zeit verfügbar. Franziska Jungs Geschichte ist kein Einzelfall.

Medikamente für Chemotherapie nicht lieferbar

Mindestens 48 Mal mussten Krebsärzte zwischen Mai 2015 und April 2016 Behandlungen verschieben, weil ein unverzichtbares Medikament für die Chemotherapie nicht geliefert werden konnte, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie. Engpässe gibt es in allen Bereichen der Pharma-Versorgung: Mal fehlen Wirkstoffe, die als Antidot bei Vergiftungen gegeben werden; häufig betrifft es bestimmte Antibiotika; immer wieder sind auch Insulin für Diabetiker, Schilddrüsen- oder Osteoporose-Präparate nicht lieferbar.

Die meisten Medikamente können ersetzt werden, zum Beispiel durch solche von einem anderen Hersteller. Aber nicht alle und gerade bei Arzneimitteln für seltene Erkrankungen wie Knochenmarkkrebs oder bei wichtigen Medikamenten für Krankenhäuser kann es kritisch werden. Am Klinikum der Universtität München drohte im Dezember das wichtigste Narkosemittel für Operationen auszugehen, der GAU für eine Klinik.

"Mit dem Präparat haben wir schon seit Monaten Probleme, muss ich sagen. Aber so knapp wie heute war es überhaupt noch nie, dass ich nur noch 10 Kartons in der Früh hier habe. Das ist ein Unding, kann so nicht sein."

Jürgen Reh, Apotheker Uniklinikum München

Firmen sollen Lieferengpässe freiwillig melden

Mehr als 200 Lieferengpässe hat der Apotheker Jürgen Reh allein 2016 am Uniklinikum München verzeichnet. Das ist deutlich mehr als die Pharmafirmen selbst zugeben. Diese melden ihre Engpässe an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dort sind meist zwischen 15 und 30 Präparate als nicht lieferbar verzeichnet - die Zahl schwankt. Denn die Meldung ist freiwillig. Experten schätzen, dass nur jeder siebte Lieferengpass in der offiziellen Statistik auftaucht.

Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Rohstoffen, technische Probleme von Produktionsanlagen - diese Gründe nennen die Firmen häufig, wenn sie einen Lieferengpass zugeben müssen. Andere Ursachen kommen hinzu: Mal ist ein Zwischenhändler insolvent, mal beanstandet eine Aufsichtsbehörde Qualitäts- oder Hygienemängel. All das hat es immer gegeben, doch in der letzten Zeit liegt das Kernproblem woanders: Lieferschwierigkeiten wirken sich vor allem dann gravierend aus, wenn es nur einen Hersteller für ein Präparat gibt oder sogar weltweit nur eine einzige Produktionsanlage für ein Medikament.

Erstattungspreise sind den Unternehmen zu niedrig

Wirkstoff Melphalan, Handelsname Alkeran

So war es wiederholt Melphalan (Handelsname Alkeran), das Mittel gegen den Knochenmarkkrebs von Franziska Jung, das immer wieder nicht lieferbar ist. Der Patentschutz für dieses Medikament ist längst abgelaufen. So wie bei drei Vierteln aller Arzneimittel, den Generika, also Nachahmerpräparaten. Jede Pharmafirma dürfte also Melphalan herstellen. Trotzdem produziert es nur ein einziges Unternehmen weltweit. Der Grund dürfte der Preis sein, den die Krankenkassen bereit sind zu bezahlen.

"Bei Melphalan kommt hinzu, dass tatsächlich die Erstattungspreise, die wir in Deutschland haben, gerade auch im Bereich der Krankenhausversorgung, wo Melphalan zum Einsatz kommt, zum Teil so niedrig sind, dass Unternehmen davor zurückgeschreckt sind und gesagt haben: Für diesen Preis können wir das nicht gut, nicht nachhaltig in der geforderten Qualität herstellen."

Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika

"Das ist nicht im Sinne unserer Patienten"

Nicht nur Pharmavertreter, auch Ärzte sehen mittlerweile die Preispolitik in Deutschland kritisch.

Wolf-Dieter Ludwig, Arzneimittelkommission

"Die Preise, die derzeit für diese Medikamente erzielt werden, sind eindeutig zu niedrig, um letztlich auch einen gewissen Gewinn abzuwerfen. Das heißt, man muss sich bei diesen sehr billigen Arzneimitteln Gedanken machen, ob man nicht die Hersteller vollkommen demotiviert, diese wichtigen Arzneimittel zu produzieren. Und das ist natürlich nicht im Sinne unserer Patienten."

Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft

Keine Sanktionen gegen Firmen bei Lieferengpässen

Die Politik hat das Problem der Lieferengpässe von Arzneimitteln inzwischen erkannt. Sie waren Thema beim Pharmadialog, bei dem sich Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums mehrfach mit der Industrie ausgetauscht haben. Doch bisher ist noch nichts Konkretes herausgekommen.

Ärzte und Apotheker hatten eigentlich gehofft, dass die Politik jetzt Nägel mit Köpfen macht: mit dem sogenannten Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz. Es soll 2017 in Kraft treten. An den Lieferengpässen aber wird es nichts ändern. Sanktionen gegen Firmen sind ebenso wenig vorgesehen wie höhere Preise für lebensrettende Arzneimittel.


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Schmidt Andrea, Donnerstag, 26.Januar, 12:11 Uhr

3. Versorgungsengpässe lebenswichtiger Medikamente

Kalkulierte Gefahr.
Es ist unverantwortlich lebenswichtige Medikamente nicht erhalten zu können. Seit Wochen warte ich auf Lamictal, ein Antiepilektikum, das wegen erheblicher Risiken auch nicht einfach gegen Generika ausgetauscht werden darf. Ich bin nicht die Einzige. Wie kann es sein, dass die deutsche Politik es nicht schafft, die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Eine Liste wird da schon als riesiger Erfolg gewertet. Eine LISTE! Was soll ich mit dieser Liste anfangen?
Die gewählten, auch von Patienten gewählten, Politiker müssen endlich wirksame Gesetze erlassen, die Firmen verpflichtet lebenswichtige Medikamente vorzuhalten! Das ein Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz, das vielleicht 2017 erlassen wird, keine Sanktionen vorsieht, ist einfach nur empörend und eine Bankrotterklärung der Gesundheitspolitik.

Bernhard, Sonntag, 15.Januar, 11:15 Uhr

2. Dem Beitrag fehlt eine ganzheitliche Sicht

1) In Deutschland erzielen Hersteller für viele Medikamente höhere Preise als in Nachbarländern. Durch den Beitrag könnte voreilig der Eindruck entstehen, dass bei uns generell die Preise zu niedrig wären.
2) Der Beitrag geht nicht darauf ein, dass sich bei Medikamenten der Profit auf Hersteller und Apotheker verteilt. Gerade die Problematik der Internet-Apotheken zeigt, dass viele Medikamente in Deutschland relativ teuer sind.
Wenn wir den Herstellern zu wenig bezahlen, liefern sie ggf. im Falle eines Produktionsengpasses bevorzugt in ein anderes Land. Wenn wir bei den Apothekern kürzen, ist (angeblich?) die Arzneimittelversorgung gefährdet. Und wenn wir beiden mehr geben, haben wir mittelfristig wohl die höchsten Medikamentenpreise weltweit. Darum kann das Thema Medikamentenpreise nur mit einem Gesamtblick auf Hersteller, Großhändler und Apotheker richtig verstanden werden.
Bei "Lieferengpässe melden" müsste man evtl. die Großhändler zusätzlich zu den Herstellern mit einbeziehen.

  • Antwort von R.B., Sonntag, 15.Januar, 12:04 Uhr

    @Bernhard, 11:15 Uhr:
    Sehr guter Kommentar. Allerdings muss man die Frage stellen, ob es nicht sinnvoll wäre für die Behandlung von Krebs und anderen schweren Krankheiten eine ausreichende Medikamentenversorgung sicherstellen muss.

  • Antwort von Bernhard, Sonntag, 15.Januar, 14:57 Uhr

    @R.B., 12:04 Uhr
    Das Beispiel Knochenmarkkrebs betrifft eine seltene Erkrankung. Darum wäre zu prüfen, ob durch bessere Vernetzung von Pharma-Großhändlern eine teilweise Verbesserung erreicht werden kann. Sie kommen im Text lediglich in der Bemerkung vor: "Mal ist ein Zwischenhändler insolvent". Den Blick zu sehr auf die Hersteller zu richten, greift zu kurz.

Heidi Kohler, Sonntag, 15.Januar, 09:54 Uhr

1. Lebensgefahr

Man will den Kranken zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Wer nicht mehr bezahlen will, muss halt früher sterben.