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Beispiel aus dem Landkreis Cham Wie ein Minijob zur Armutsfalle wird

Es brummt wie nie zuvor im Landkreis Cham. Politiker jubeln über die historisch niedrigste Arbeitslosenquote aller Zeiten von 2,4 Prozent. Doch davon profitieren nicht alle - zum Beispiel jemand, der in die Armutsfalle Minijob geriet.

Von: Harald Mitterer

Stand: 09.08.2017

Putzutensilien in einem Gang | Bild: picture-alliance/dpa/Jens Büttner

"Meistens habe ich jetzt Reinigungskraft gemacht - und das ist ein bisschen schwierig bei meiner Gesundheit. Ich soll eine leichte Tätigkeit machen. Aber welche leichte Tätigkeiten? Keine Ahnung."

Eva Kayl

Eva Kayl ist 52 Jahre alt. Jahrzehntelang war sie voll beschäftigt. Dann flog sie irgendwie aus der eigenen Laufbahn.

"2009 starb mein Lebensgefährte. Dann fiel ich ein schwarzes Loch. Mein Auto musste ich hergeben. Dann machte ich Minijobs - und jetzt bin ich gesundheitlich angeschlagen."

Eva Kayl

Der wirtschaftliche Aufschwung in der Region zog an ihr vorbei. Eva Kayl musste ihr Auto verkaufen, fünf Jahre lang lebte sie von Minijobs. Finanziell auf die Füße kam sie dadurch nicht mehr. Jetzt ist sie wieder arbeitslos und weiter ohne Auto in der ländlich strukturierten Region, weil sie sich einen fahrbaren Untersatz nicht leisten kann.

"Es gibt zwar Jobs, wo man mit dem Bus hinkommt, aber nicht mehr nach Hause. Da müsste ich zu Fuß gehen - in der Nacht, das ist schon sehr schlecht. Auswärtig gäbe es schon mehr Jobs, doch da bräuchte ich ein Fahrzeug."

Eva Kayl

Teufelsspirale Minijob und Armut

Der Minijob wird für sie zur Armutsfalle - wie für viele andere Frauen auch, warnt Ulrike Mascher vom VdK. Minijobs würden sich zur Überbrückung, aber nicht als dauerhafte Existenzgrundlage eignen.

"Man muss deutlich machen, dass Minijobs nicht eine selbstständige Form der Erwerbsarbeit, sondern bestenfalls eine Überbrückung sind - eine kurzfristige Sache, die man über Jahrzehnte macht. Man muss klar machen, dass man mit Minijobs nicht jahrzehntelang leben - und im Alter davon leben kann."

Ulrike Mascher

Im Gegenteil: Im Alter dann wird es für die meisten Minijobber besonders bitter. Denn mit dieser Beschäftigungsform erwerben sie kaum Rentenansprüche. Die Folge: Immer mehr Frauen müssen auch in der Rente wieder Minijobs annehmen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.


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Barbara, Donnerstag, 10.August, 15:16 Uhr

5. Als Geringverdiener bezeichnet man im allgemeinen alle diejenigen Leute,

die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine ordentlich bezahlte Stelle bekommen und daher auf den zweiten oder dritten Arbeitsmarkt angewiesen sind. Dazu zählen nicht die Pensionäre, denn diese werden vom Staat besoldet. Aber es zählen dazu fast vierzig Prozent der Rentner, die allesamt weniger als 600 Euro Rente haben, dann die Leute bei der Grundsicherung, beim Sozialamt, die Gelegenheitsverdiener und alle Leute, die aus welchen Gründen auch immer, sich irgendwie finanziell über Wasser halten müssen. Zählt man alle zusammen, dann sind das etwa ein Viertel oder ein Drittel der Bevölkerung.

Claudia, Donnerstag, 10.August, 08:31 Uhr

4. In der Großstadt sind für Dorfbewohner Minijobs sinnlos.

In der Großstadt sind für Dorfbewohner Minijobs sinnlos, wenn die Parkscheine in der Stunde fast so viel kosten wie der Stundenlohn. Wenn noch die PKWmaut kommt, dann werden viele pendelnde Minijobber aufhören. Wir leben in einem Abzockstaat.

  • Antwort von Sonja R.S., Donnerstag, 10.August, 09:00 Uhr

    Wie kommen Sie nur auf die Idee, dass Minijobber mit dem Auto in die Stadt fahren ?
    Da bekommen sie selten einen Parkplatz, obwohl er teuer ist.
    Als Stadtbewohner befürworte ich die Parkscheinautomaten. Seitdem hat man
    wenigstens mal die Chance einen Parkplatz zu finden.

Sandra, Mittwoch, 09.August, 23:11 Uhr

3. Minijobs sind besonders für deutsche Minirentnerinen lebenswichtig.

Flüchtlinge haben den langen teuren Weg sicher nicht wegen einem Minijob gemacht. Manche Flüchtlinge haben sich mehrere tausend USD für die Schlepper ausgeliehen. Vom Minijob können sie das für die Anreise geliehene Geld nicht zurückzahlen.

J. Huber, Mittwoch, 09.August, 22:47 Uhr

2. Sparen sollte wieder eine Tugend werden

Es ist aus der Mode gekommen, sich in guten Zeiten ein Rücklagenpolster anzusparen, um schlechtere Perioden überbrücken zu können. In meiner Kindheit kam der Sparkassenmitarbeiter noch in die Schulklasse, um die Sparbüchse auszuleeren und die Kinder zum Sparen anzuhalten. Das Sparbuch ist heute absolut out. Nicht ganz unschuldig dabei ist die EZB mit ihrer Niedrigzinspolitik. Mit Eva Kayl fühle ich natürlich mit.

  • Antwort von Finanzmakler , Mittwoch, 09.August, 23:05 Uhr

    Sparen sollte wieder eine Tugend werden?
    Sparen ist bei einer Inflation, die höher ist als die Null Zinsen, ziemlich sinnlos.
    Wer was anspart, dem wird es auf Harz 4 und später auf Grundsicherung angerechnet.
    An der Riesterrente verdienen alle, nur der Versicherte nicht.
    Riesterrente wird am Ende angerechnet, versteuert und mit Sozialabgabe belastet.
    Also, wer spart, der hungert für den Staat und für die Erben, die er nicht mag.

  • Antwort von Rhena, Donnerstag, 10.August, 00:19 Uhr

    @ J. Huber
    Heute werden Zinsen von 0,01 % "geboten", bei einem Guthaben ab 500 000 EUR 0,001 %, das ist beeindruckend. Spareinlagen kommen im Wortschatz der Geldinstititute kaum noch vor, viel lieber werden Kredite vergeben.
    Das alles hilft Frau Kayl natürlich auch nicht weiter. Vielleicht kann sich die Verwaltung einschalten - Fahrgemeinschaften organisieren, einen Rufbus einrichten, ihr eine Tätigkeit im Ort vermitteln o.ä.

  • Antwort von J. Huber, Donnerstag, 10.August, 03:28 Uhr

    @Finanzmakler
    Ist eine solche Gegenwart, die Sie ziemlich richtig beschreiben, nicht eine Fehlentwicklung, wenn eine eigenverantwortliche Vorsorge und eine kapitalgedeckte Rente ad absurdum geführt werden? Ich sehe die Enteignung des Sparers als modernes Raubrittertum. "Man braucht das Geld ja nur den Reichen und Superreichen wegnehmen", heißt es bei den Linken. Schade, dass sich unser Land derart nachteilig verändert hat.

Barbara, Mittwoch, 09.August, 17:29 Uhr

1. Es nützt überhaupt nichts, wenn die Leute "alle beschäftigt" sind,

aber von diesem geringen Einkommen nicht leben können und auch keine Rente ansparen können! Das betrifft nicht nur Putzfrauen, sondern alle Berufe, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine anständig bezahlte Stelle bekommen und sich auf dem zweiten und dritten Arbeitsmarkt über Wasser halten müssen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist davon betroffen.

  • Antwort von Leonia, Mittwoch, 09.August, 20:24 Uhr

    Ich würde Ihnen zustimmen, gäbe es nicht Ihren letzten Satz: diese Zahl halte ich für bei weitem zu hoch gegriffen. Woher haben Sie diese Einschätzung?