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Armutsbericht 2016 Was heißt eigentlich arm?

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Diesen Trend beobachtet der Paritätische Gesamtverband schon seit Jahren. Heute stellt er den Armutsbericht 2016 vor. Doch was heißt eigentlich Armut in Deutschland?

Von: Katja Strippel

Stand: 23.02.2016

Unstatistik des Monats - diesen Beinamen hatten Wissenschaftler dem letzten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands verpasst. Dabei war Ulrich Schneiders Fazit im Februar 2015 so schön griffig:

"Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie zur Zeit."

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands anlässlich des Jahresberichts 2015

Bei genauerer Betrachtung ist das natürlich Unsinn. Der Satiriker Harald Martenstein bringt es in einer Glosse auf den Punkt:

"Während des Dreißigjährigen Krieges sind die Armut und die regionale Zerrissenheit in Deutschland garantiert um einiges größer gewesen. Auch im Hungerwinter 1946/47 oder während der Weltwirtschaftskrise war die Armut in Deutschland ausgeprägter als heute"

Harald Martenstein, Kolumnist bei der Wochenzeitung Die Zeit

Als arm gilt jemand, der weniger als 60 Prozent des deutschen Medianeinkommens (mittleren Einkommens) hat. Für einen Single liegt die Grenze monatlich bei rund 890 Euro netto, für ein Ehepaar mit zwei Kindern bei etwa 1.870 Euro. Ein Erklärungsversuch von Ulrich Schneider aus dem vergangenen Jahr: "Wir haben einen zunehmenden gesellschaftlichen Reichtum in den letzten Jahren zu verzeichnen. Wir haben abnehmende Arbeitslosenquoten aber gleichzeitig zunehmende Armut."

Absolut oder relativ? Kampf der Armutsdefinitionen

Georg Cremer vom Deutschen Caritas-Verband hat den Armutsbericht vor einem Jahr kritisch auseinander genommen. Er verwies unter anderem darauf, dass der Paritätische Gesamtverband in seiner Studie die regional unterschiedlichen Lebenshaltungskosten nicht berücksichtigt habe. Wegen der hohen Mieten sei es in München wesentlich schwieriger, von 890 Euro im Monat zu leben als beispielsweise in Neubrandenburg. Cremers Fazit damals:

"Panische Überzeichnungen befördern die Angst in der Mittelschicht. Und Angst befördert ihre Abschottung nach unten und erschwert die politische Akzeptanz für Menschen am Rand der Gesellschaft."

Georg Cremer, Generalsekretär der Deutschen Caritas

Was heißt das überhaupt: Arm sein? Ist nur der arm, der sich kein Essen leisten kann, oder auch der, der kein Internet, keinen Fernseher oder kein Telefon hat? Ulrich Schneider findet, ein absoluter Armutsbegriff, der die Verhältnisse in einem Entwicklungsland als Maßstab anlegt, lasse sich nicht so ohne weiteres auf Deutschland übertragen. In einem Buch schreibt er, Armut in einem reichen Land könne sehr viel erniedrigender und deprimierender sein, weil sie mit sozialer Ausgrenzung verbunden sei.

Bremer sind im Vergleich zu den Bayern arm

Hände eines alten Menschen halten Geld, aufgenommen am 04.02.2013 in Leipzig.  | Bild: picture-alliance/dpa/ Sebastian Willnow zum Artikel In der "Kirchenküche" Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Armut im Alter. In einer Suppenküche der evangelischen Kirche erhalten arme Menschen drei Mal die Woche eine warme Mahlzeit. Die meisten sind Frauen über 70. Von Irene Esmann [mehr]

Im Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands ist man arm im Verhältnis zu anderen. Zum Beispiel der Bremer im Verhältnis zum Bayern. Im Freistaat lag die Armutsquote im vergangenen Jahr bei 11,3 Prozent - in Bremen war sie mehr als doppelt so hoch. Aber damit sind wir wieder bei Georg Cremer und den unterschiedlich hohen Lebenshaltungskosten. Die Weltbank hat das mit dem Armsein anders definiert: Ihre Armutsgrenze liegt bei umgerechnet einem Euro pro Tag. Wer so wenig Geld hat, der kann nicht richtig leben - egal, wie viel die anderen haben.


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Kirzinger Sebastian, Donnerstag, 25.Februar, 12:42 Uhr

11. Altersarmut und eigene Wohnung

Eigentlich eine Frage und kein Kommentar.
Wird bei der Feststellung der Altersarmut nur das Einkommen oder auch mit berücksichtigt, ob jemand zusätzlich eine eigene Wohnung (Eigentum eines Hauses oder einer ETW) hat ? Wie hoch ist die eigene Wohnung anzusetzen ? Gilt z.B. ein Singl mit 800 € Rente und einer 60 qm-ETW im Sinne Berichts als arm ?
Vielen Dank für die Antwort
Sebastian Kirzinger

Adalbert DDreher, Dienstag, 23.Februar, 22:02 Uhr

10. Rentenarmut vermeidbar

Die Rentenarmut kannte vor 2002 keiner. Erst als der Euro kam, ging es los.
Halbe Rente, halbe Kosten. Von wegen Das war doch eine Währungsreform. Wir hatten DM in die Rentenkasse eingezahlt um auch mal DM Rente zu erhalten.
Jetzt haben wir nur die halbe Rente zur Verfügung. Die allgemeinen Verbraucher Preise sind aber dadurch rasant und immer noch gestiegen um das 3,5 fache. im Durchschnitt .
Solche Preissteigerungen hätten wir in DM Zeiten nicht gehabt. Somit ist die Rentenarmut vorprogramiert. Der Euro hat die Rentenarmut verursacht.
Um Abhilfe zu schaffen müsste die Euro Rente verdoppelt werden .Das wäre nur gerecht den Rentnern gegenüber

Thiel, Dienstag, 23.Februar, 20:04 Uhr

9.

Aber 25 Millionen zusätzliche Gelder für Flüchtlingspolitik. Ist das ein Armutszeugnis für Deutschland

  • Antwort von Siegert, Mittwoch, 24.Februar, 08:28 Uhr

    Die Zahl stimmt so nicht, denn laut Bundesfinanzministerium hat Deutschland im Jahr 2015 rund das 1000-fache, nämlich fast 25 Milliarden für die Flüchtlingskrise ausgegeben und das obwohl die Flüchtlingszahlen erst im zweiten Halbjahr stark angestiegen sind. Was das für 2016 bedeutet, kann man erahnen, also vermutlich rund das Doppelte, d.h. in der Größenordnung von 50.000.000.000 Euro.

Det, Dienstag, 23.Februar, 18:24 Uhr

8. Hat gut lachen

Wer im Überfluss lebt kann auf das Existenzminimum gut verzichten. Dahingehend kann ich Herrn Martenstein nur zustimmen. Angesichts der Tatsache, dass in nicht wenigen Teilen der Welt Menschen von weniger als 5 $ am Tag leben, ist hier in "D" noch deutlich Luft nach unten. Vermutlich hat Herr Martenstein mehr als 890.-€ im Monat zur Verfügung. Sonst wäre er sicherlich nicht so obenauf.

Barbara, Dienstag, 23.Februar, 16:07 Uhr

7. Allein in Bayern gibt es fast eine Mio Rentner mit weniger als 400 € Rente

Wer meint, daß es ledige alleinstehende Personen "leichter" hätten, einen anständig bezahlten Arbeitsplatz zu bekommen, der irrt. Ledige werden auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, bekommen oft gar keinen Arbeitsplatz und haben dann am Ende eine Rente von 400 Euro. Oft sind es gerade die hochqualifizierten Leute, die keinen Arbeitsplatz bekommen. Wie sonst ist es zu erklären, daß so viele Unqualifizierte oder minder Qualifizierte auf gut bezahlte Posten kommen, während Leute mit Studium oder hohen Qualifikationen leer ausgehen? Zu behaupten, daß die Armen sich vorwiegend aus "minder Qualifizierten" rekrutieren würden, ist ein absoluter Unsinn! Wie sonst ist es zu erklären, daß es allein in Bayern fast eine Million Rentner gibt, die weniger als 400 Euro Rente haben, wobei alle diese Leute ein Leben lang anständig gearbeitet - aber nur wenig verdient - haben!