9

Armutsbericht 2016 "Arm ist nicht erst, wer Pfandflaschen sammelt"

"Deutschland wird immer reicher, aber der Reichtum kommt bei den Armen nicht an", sagte Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband. Sein Verband hat seinen aktuellen Armutsbericht vorgestellt.

Von: Katja Strippel

Stand: 23.02.2016

Seit dem letzten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands wird darüber diskutiert, was es heißt, in Deutschland arm zu sein. Der Chef des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, hat da eine ganz klare Haltung:

"Wenn eine alte Frau sich nicht mal mehr ein Tässchen Kaffee im Café leisten kann oder ein Stückchen Kuchen, wenn Kinder nicht mit auf Klassenfahrt fahren können, dann beginnt für uns bereits Armut."

Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Gesamtverbands

Obdachlose auf der Straße | Bild: picture-alliance/dpa zum Video mit Informationen Armutsbericht 2016 "Bayern geht es relativ gut"

Im Vergleich mit anderen Bundesländern steht der Freistaat noch relativ gut da - dennoch ist fast jeder siebte Bayer von Armut betroffen und lebt unter schwierigen Bedingungen. Dies geht aus dem aktuellen Armutsbericht hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Von Katja Strippel [mehr]

Der Paritätische Gesamtverband orientiert sich in seiner Definition am EU-Standard zur Armutsgefährdung. Demnach gelten Menschen als armutsgefährdet, wenn sie monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland zur Verfügung haben. Für Singles heißt das, sie müssen monatlich mit weniger als 917 Euro netto auskommen, Familien mit zwei kleinen Kinder gelten als arm, wenn sie weniger als 1.926 Euro im Monat zur Verfügung haben. Nach dieser Definition sind in Deutschland 12,5 Millionen Menschen arm. Gegenüber dem Vorjahr ist die Armutsquote um 0,1 Prozentpunkte gesunken. Das die Quote nicht noch stärker gesunken ist, liegt an Nordrhein-Westfalen und Bayern, weil es dort ein kleines Plus gab. Für Bayern insgesamt sieht Gesamtverband-Chef Schneider allerdings keinen Grund zur Sorge:

"Auch in Bayern gibt es Regionen, wo die Armut höher ist als im bayerischen Durchschnitt, aber alles in allem muss man sagen, geht es den Bayern noch recht gut."

Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Gesamtverbands

Denn im Länderranking liegt der Freistaat mit seiner Armutsquote von 11,5 Prozent auf Platz zwei - niedriger ist die Quote nur in Baden-Württemberg und das auch nur um 0,1 Prozentpunkte. Ausreißer im Freistaat ist Nürnberg mit einer Armutsquote von 20,8 Prozent. Ähnlich wie der Chef des Paritätischen Gesamtverbands sieht auch Thomas Krüger vom Deutschen Kinderhilfswerk den Grund für den Anstieg der Armutsquote in Bayern vor allem im ländlichen Raum:

"Wir können uns das nur erklären mit der Tatsache, dass wir es in ländlichen Räumen mit einer strukturellen Familien- und Kinderarmut zu tun haben, die sich erst mittel- und längerfristig auswirkt."

Thomas Krüger, Deutsches Kinderhilfswerk

Hauptrisikogruppen: Arbeitslose, Alleinerziehende, Rentner und Ausländer

Das Kinderhilfswerk ist seit diesem Jahr einer der Mitherausgeber des Armutsberichts. Der Paritätische Gesamtverband hat diesmal ganz bewusst Fachorganisationen mit ins Boot geholt, die sich auskennen mit den Lebensverhältnissen in Deutschland. Und die sind sich laut Ulrich Schneider einig:

"Arm ist in diesem reichen Deutschland nicht erst, wer unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss"

Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Gesamtverbands

Hauptrisikogruppen sind laut Armutsbericht Arbeitslose, Alleinerziehende und Ausländer. Die Flüchtlingszahlen wirken sich laut Schneider aber noch nicht auf die Armutsquote aus. Horrorszenarien, nach denen die Flüchtlinge den deutschen Sozialstaat überstrapazieren würden, haben laut Schneider keine empirische Grundlage und sind in erster Linie lügenhafte Stimmungsmache. Schneider belegt das mit einem einfachen Rechenbeispiel: Deutschland habe 81 Millionen Einwohner - und die Flüchtlinge, die im letzten Jahr hierher gekommen seien, machten gerade mal ein Prozent der Bevölkerung aus. Vielleicht, so Schneider, helfen die Flüchtlinge aber auch dabei, den verantwortlichen Politikern die Augen zu öffnen für die armutspolitische Agenda, die in den nächsten Jahren auf Deutschland zu kommt.

Opposition und SPD sehen Handlungsbedarf

Dass unsere Armutsprobleme hausgemacht sind, findet nicht nur der Paritätische Gesamtverband. Die Partei "Die Linke" fordert schon lange eine Umverteilung. Fraktionschef Dietmar Bartsch wirft der Bundesregierung vor, Arbeitslose, Alleinerziehende und Rentner im Stich zu lassen. Er fordert einen Kurswechsel von der Bundesregierung - vor allem bei der Steuerpolitik. Handlungsbedarf sieht auch der stellvertretende SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. Er sagte, das Land brauche Investitionen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. CDU und CSU müssten bei dem Thema runter von der Bremse.


9

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Viola, Dienstag, 23.Februar, 19:49 Uhr

1.

Danke, der u. a. dafür verantwortlichen Bundensregierung: :-(
Oder ist es so gewollt?