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Unsicheres Jobmodell Wenn Arbeit auf Abruf das Leben frisst

Rund 1,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland arbeiten auf Abruf. Nur wenige machen es freiwillig. Profiteure dieses Beschäftigungsmodells sind in jedem Fall die Unternehmen.

Von: Mario Kubina

Stand: 15.10.2017

Özkan und Katrin sind in ganz unterschiedlichen Lebensphasen. Eines haben beide gemeinsam: Sie wissen, wie es sich anfühlt, auf Abruf zu arbeiten und am Ende des Monats zu bangen, ob das Geld reicht.

"Das Problem ist: ständig auf Abruf zu sein, hauptsächlich Spätschichten zu machen, sich aber trotzdem nichts leisten zu können - so sieht kein guter Job aus. Und das zermürbt einen natürlich dann schon mit der Zeit."

Katrin, Verkäuferin

Katrin ist 33 Jahre alt und arbeitet als Verkäuferin bei einer Modekette. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft Verdi unter Betriebsräten des Unternehmens sind über 40 Prozent der Belegschaft "auf Stundenlohnbasis" beschäftigt, wie das Jobmodell dort heißt. Özkan ist 38 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, und arbeitet in der Logistik eines Cateringunternehmens. Seine Frau ist ebenfalls berufstätig. Mit einem Job auf Abruf Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, hält er für fast unmöglich. Für Özkan ist klar, dass Arbeit auf Abruf abgeschafft werden muss.

"Ich finde, dieses System muss weg von der Bildfläche."

Özkan, Familienvater

Arbeit auf Abruf bedeutet: Wann und wie oft die Beschäftigten eine Schicht bekommen, hängt davon ab, wie sich der Bedarf in ihrem Betrieb entwickelt. Laut Gesetz müssen mindestens zehn Stunden pro Woche zusammenkommen. Was darüber hinausgeht, wird flexibel gehandhabt - je nach Auftragslage oder Kundenandrang.

Arbeit auf Abruf: Vorteile liegen bei Arbeitgebern

Karl Brenke, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass bundesweit rund eineinhalb Millionen Arbeitnehmer auf Abruf tätig sind. Ihre Zahl in Bayern schätzt das Institut auf eine Viertelmillion. Von den befragten Abrufkräften hat die Hälfte in der DIW-Studie angegeben, Vollzeit zu arbeiten. Das spricht gegen die Vermutung, es handle sich überwiegend um Gelegenheitsjobber. Besonders verbreitet ist Arbeit auf Abruf im Gastgewerbe, in der Verkehrsbranche und im Einzelhandel. Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom DIW sieht durchaus Vorteile in dem Jobmodell - nur eben nicht für Arbeitnehmer:

"Für den Unternehmer ist das auf jeden Fall ein sinnvolles Konzept. Er spart Geld dadurch, dass er die Arbeitskräfte praktisch ohne Leerlauf einsetzen kann. Für den Beschäftigten dagegen ist es eher von Nachteil, weil er immer verfügbar sein muss. Das heißt, er kann seine Freizeit auch gar nicht so planen."

Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte

Wer auf Abruf arbeitet, weiß zudem nie, ob am Ende des Monats genügend Geld aufs Konto kommt. "Man macht sich als Familienvater ständig Sorgen, ob man genug Termine bekommt, ob man die Festkosten bezahlen kann", erinnert sich Özkan. Er ist inzwischen regulär angestellt und denkt an seine Zeit auf Abruf mit gemischten Gefühlen zurück. Der Verdienst sei okay gewesen, aber die Unsicherheit stressig. Und noch etwas hat ihn gestört:

"Man hat nicht die Möglichkeit, nein zu sagen. Das ist total wichtig für einen Menschen, auch mal nein zu sagen. Aber das kann man als Abrufer nicht."

Özkan, hat jahrelang auf Abruf gearbeitet

Ständige Verfügbarkeit und die Angst nein zu sagen

Arbeitnehmer verpflichten sich in diesem Beschäftigungsmodell grundsätzlich dazu, verfügbar zu sein. Das zeigt ein Blick ins Teilzeit- und Befristungsgesetz, das einen eigenen Paragrafen für Arbeit auf Abruf enthält. Das Gesetz sieht auch vor, dass die Arbeitgeber einen Einsatz mindestens vier Tage im Voraus ankündigen müssen. Allzu große Härten für die Mitarbeiter sollen so vermieden werden. Dass diese Schutzvorschrift immer eingehalten wird, kann Özkan aber nicht bestätigen.

"Es gab bei mir Zeiten - besonders wenn ich an die Zeit als Fahrer denke - dass ich um fünf Uhr morgens angerufen worden bin, ob ich zur Schicht kommen kann. Als ich nachgefragt habe: Wann soll ich denn da sein?, war die Antwort: ja jetzt!"

Özkan, arbeitet bei einem Cateringunternehmen

Ein Verstoß gegen die gesetzliche Ankündigungsfrist? Özkans Arbeitgeber sieht das nicht so. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, die Mitarbeiter vier Tage im Voraus zu informieren. "Alle anderen Einsätze basieren ausschließlich auf Freiwilligkeit", heißt es in der Stellungnahme.

Aus Arbeitnehmer-Sicht ist es mit der Freiwilligkeit aber so eine Sache. Schließlich sind die Beschäftigten auf das Geld angewiesen - und treten unter Umständen ihren Dienst an, selbst wenn die Ankündigungsfrist von vier Tagen nicht eingehalten ist.

"Diese Regelung ist ja, wenn man möglichst viel arbeiten will, nichts, was den Arbeitnehmer in irgendeiner Form schützt, sondern das Gegenteil ist der Fall. Es ist vielmehr so: Da wird ein Arbeitnehmer angerufen und es heißt: Kannst du morgen kommen? Und der Arbeitnehmer will ja morgen kommen. Der will ja am nächsten Tag wieder Geld verdienen."

Hans-Christian Hotz, Arbeitsrechtler

Eine Schutzklausel, die ins Leere läuft. Dass die Ankündigungsfrist in vielen Betrieben oft keine Rolle spielt - das zeigen auch Daten, die das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erhoben hat. Danach wird im Schnitt jede dritte Abrufkraft erst am Tag des Einsatzes über eine anstehende Schicht informiert.

Brossardt: Arbeit auf Abruf für Unternehmen unverzichtbar

Bertram Brossardt hält Arbeit auf Abruf für unverzichtbar

Aus Sicht der Unternehmen sind flexible Arbeitszeitmodelle nötig. Das macht Bertram Brossardt deutlich, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Er bezeichnet Arbeit auf Abruf als unersetzbar - gerade in Branchen wie dem Einzelhandel und der Gastronomie.

"Es gibt Branchen,in denen Dienstleistungen kurzfristig sehr stark abgerufen werden vom Kunden. Der Kunde entscheidet es am Ende und dann muss flexibel durch das Unternehmen reagiert werden können. Deswegen braucht man Arbeit auf Abruf."

Bertram Brossardt, Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

Das Bundesarbeitsministerium hat das Thema im Blick. Missbrauch werde man nicht hinnehmen, heißt es aus dem bisher SPD-geführten Haus. Eine Ministeriumssprecherin weist darauf hin, dass die Prüfung etwaiger Defizite noch andauere. Ob sich die neue Bundesregierung der Sache annimmt, wird wohl von ihrer Zusammensetzung abhängen. Die Gewerkschaften fordern eine "gesetzliche Klarstellung". Der DGB Bayern spricht von einer Arbeitsform, die nicht existenzsichernd sei und das wirtschaftliche Risiko der Betriebe auf die Beschäftigen verlagere.


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Kommentare

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Mut, Sonntag, 15.Oktober, 23:15 Uhr

10. Tagelöhner

Tagelöhner.

R.B., Sonntag, 15.Oktober, 17:05 Uhr

9. Arbeit auf Abruf

Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Das Wahlergebnis spricht eindeutig dafür, dass genau dieses und andere Konzepte vom "Wähler" gewollt sind. Denn sonst hätten sie die Partei gewählt; die immer als "Schreckgespenst" der Politik hingestellt wird. Wer nun das wirkliche "Schreckgespenst" ist, wird sich sehr schnell zeigen. Und ansonsten bleibt nur die Feststellung, dass sich die Wähler keine Gedanken bei der Stimmabgabe gemacht haben und dann gehört es ihnen nicht anders.

  • Antwort von AS, Montag, 16.Oktober, 08:41 Uhr

    Ja, viele Mitbürger haben sich diese Regierung gewählt, die für diese moderene Sklavenarbeitswelt und für diese Art Globlisierung steht.
    Bei uns in D meinen viele Mitmenschen wir können z.B. unsere Bereiche Pflege und Fleischmafia/Landwirtschaft weiterhin auf Billiglöhner aus dem Ausland auslagern. Wer sind wir, dass wir auf solch hohem Ross sitzen?
    Bei uns wird immer dann geschriehen, wenn es uns selbst rifft. ansonsten ist es vielen doch egal, wenn ihr "Wohlstand" auf Kosten anderer Menschen geht.

Barbara, Sonntag, 15.Oktober, 15:50 Uhr

8. Alle Leute, die auf dem Ersten Arbeitsmarkt keine Stelle bekommen,

sind gezwungenermaßen darauf angewiesen, auf dem Zweiten und Dritten Arbeitsmarkt ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das sind nicht nur sehr schlechte Arbeitsbedingungen, sondern auch so wenig Verdienst, daß es kaum zum Leben reicht, man sich nichts ersparen und keine ausreichende Rente einzahlen kann. Davon sind etwa 15 Millionen Menschen betroffen. Darum ist es dringend nötig, daß die Armuts-Renten steuerlich aufgebessert werden!

Conny, Sonntag, 15.Oktober, 15:20 Uhr

7. Schachfiguren

Mein Fazit:

Irgendwelche BWL-Typen schieben Billig-Mitarbeiter völlig "rational" und technisch wie Schachfiguren auf ihrem Plan-Brett herum, zum Zwecke des maximalen Profits. Dass es sich bei diesen Figuren um MENSCHEN mit einem gewissen Sicherheits- und Planungsbedürfnis handelt, ist überhaupt nicht mehr auf dem Schirm.
Dass es evtl. besser (und auch profitabler!) ist, Mitarbeiter zu haben, die sich wertgeschätzt und respektiert fühlen und dann auch länger und lieber und motivierter bei der Firma bleiben, weil sie nicht vorschnell ausbrennen, wird wohl im Studium nicht gelehrt.

Conny, Sonntag, 15.Oktober, 15:13 Uhr

6. Nachfrage

Ich habe mich für so einen Job mal bewerben wollen und vorher bei der Personalabteilung der Firma angerufen. Ich habe direkt gefragt, wie mir die Wartezeit bezahlt wird, denn die kann ich ja dann auch für nix anderes wirklich "verwenden", wenn ich mich nicht zeitlich festlegen kann - schon gar nicht für eine andere bezahlte Arbeit.

Die Dame am Telefon war sichtlich irritiert, das ist die wohl noch nie gefragt worden, meinte nur etwas verunsichert, das sei völlig "üblich" so im Einzelhandel, dass die Leute montags angerufen werden und mitgeteilt bekommen, wann, wie lange und wie oft man in der folgenden Woche gebraucht wird oder auch nicht.

Ich habe die Bewerbung dann nicht abgeschickt, denn solche Hobby-Jobs kann ich mir finanziell nicht leisten.