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Gefährliche Fluorchinolone Langzeitschäden durch Antibiotika

Antibiotika-Fluorchinolone können schwere und teils lebenslange Nebenwirkungen haben. Patienten klagen zum Beispiel über irreversible Schädigungen von Bindegewebe oder Nerven. Trotzdem verschreiben Ärzte diese Medikamente selbst bei harmlosen Infekten. Experten fordern dringend Änderungen!

Von: Moritz Pompl

Stand: 10.05.2017

Wer eine Nebenhöhlen-, Blasen- oder Mittelohrentzündung hat, bekommt vom Arzt ein Antibiotikum verschrieben und wird in der Regel bald wieder gesund. Was viele allerdings nicht wissen: Es gibt eine besondere Gruppe von Antibiotika, sogenannte Fluorchinolone, die schlimme Nebenwirkungen haben können und dauerhafte massive Gesundheitsschäden verursachen können. Das ist bekannt - trotzdem werden diese Mittel von vielen Ärzten weiter verschrieben.

Irreversible Langzeitschäden durch Fluorchinolone

Auch Wolfgang Fuchs vertraute seinem Urologen, als dieser ihm vor neun Jahren wegen einer Prostata-Infektion ein Antibiotikum aus der Gruppe der Fluorchinolone verschrieb. Er nahm insgesamt fünf Tabletten des Medikaments. Am fünften Tag bekam er plötzlich massive Schmerzen und Entzündungserscheinungen der Unterarme und beider Achillessehnen. Heute kann Wolfgang Fuchs nur noch wenige Meter laufen. Nachts braucht er ein Atemgerät, sonst hat er das Gefühl, zu ersticken.

"Also ich hab keinerlei Aufklärung erhalten in diese Richtung von Seiten des Arztes. Und diese Dimension der Schädigung wird auch in keinster Weise durch die Packungsbeilage oder Fachinformation ersichtlich und deutlich."

Wolfgang Fuchs

Eindeutige Warnungen auf Beipackzetteln fehlen in Deutschland

Dieser schwarze Kasten als Warnung fällt auf dem Beipackzettel sofort ins Auge.

Tatsächlich warnt in Deutschland keine der Packungsbeilagen ausdrücklich vor irreversiblen Langzeit-Schäden. Die Nebenwirkungen "klingen häufig nach kurzer Zeit wieder ab", heißt es zum Beispiel.

In den USA ist man da schon weiter: Dort mahnt ein Kasten im Beipackzettel, die sogenannte Black-Box, die Ärzte, diese Mittel nicht leichtfertig zu verschreiben. Und die oberste US-Gesundheitsbehörde FDA warnt vor Dauer-Schäden durch Fluorchinolone an Sehnen und am Gehirn.

Gefährliche Antibiotika werden noch immer zu häufig verschrieben

Eigentlich sollten Fluorchinolone nur bei lebensbedrohlichen Infektionen gegeben werden. Bei einfachen Infekten ist das Risiko der seltenen, aber schweren Nebenwirkungen zu hoch im Vergleich zum Nutzen. Doch in Deutschland haben Ärzte letztes Jahr über 30 Millionen Tagesdosen verschrieben. Dabei warnen auch hierzulande Mediziner vor Fluorchinolonen und sagen, viele ihrer Kollegen würden die Mittel ungerechtfertigt verschreiben. Einer von ihnen ist Peter Walger. Er ist Intensivmediziner am Johanniterkrankenhaus in Bonn und gehörte zu der Expertenkommission der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, die in Deutschland Empfehlungen für die Antibiotikabehandlung erarbeitet haben.

"Vielleicht ist es auch die Erfahrung, dass man viele Patienten behandelt, ohne dass man Nebenwirkungen gewahr wird - und deshalb diese Mittel für harmlos hält."

Peter Walger, Infektiologe Bonn

Neue Risikobewertung auf EU-Ebene

Auch Sven Forstmann hat vermeintlich harmlose Fluorchinolone bekommen, vor einem Jahr. Seitdem kann er nicht mehr weit laufen, ist ständig erschöpft. Kein Arzt konnte ihm bisher helfen. Deshalb hat er zwei Petitionen gestartet, an den Bundestag, und ans Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM. Er fordert mehr Hilfe für Geschädigte.

"Es muss dringend an Behandlungsmethoden geforscht werden, die es momentan nicht gibt. Und wir hoffen auch, dass es dann Warnhinweise auf den Verpackungen gibt. Und wichtig ist dass Fluorchinolone nur im Notfall gegeben werden."

Sven Forstmann

Immerhin lässt das BfArM jetzt das Risiko für Fluorchinolone neu bewerten. Aber ob niedergelassene Ärzte die Mittel dann nicht mehr verschreiben dürfen, ist fraglich. Das BfArM schreibt: "Die Entscheidung zum regulatorischen Vorgehen auf EU-Ebene steht erst am Ende dieses komplexen Bewertungsprozesses." Peter Walger rechnet damit, dass die Mittel dann für einfache Infektionen nicht mehr zugelassen sein werden.

"Wenn es dann zu Nebenwirkungen kommt, dann ist der verordnende Arzt in der Pflicht zu begründen, warum er es wider dieser Hinweise dann doch verordnet hat."

Peter Walger, Infektiologe Bonn

Aber ein mögliches Verbot wird wohl noch Jahre dauern - Jahre, in denen es vielleicht noch mehr Patienten so ergehen wird wie Wolfgang Fuchs.


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