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Pressekonferenz zum Ermittlungsstand Fingerabdrücke von Amri am Berliner Anschlags-Lkw

Nach dem Lastwagen-Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt laufen Fahndung und Ermittlungen auf Hochtouren. An der Tür und am Lenkrad des Lkw sind die Fingerabrücke des Verdächtigen Anis Amri sichergestellt worden. Die Bundesanwaltschaft berichtet von bundesweiten Einsätzen.

Von: Günter Mayr-Eisinger

Stand: 22.12.2016

Der gesuchte Anis Amri | Bild: Bundeskriminalamt

Die Indizien, dass Amri an der Tat beteiligt war, erhärten sich. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bestätigte, dass am Lastwagen die Fingerabdrücke des gesuchten Tunesieres Anis Amri gefunden wurden. De Maizière hat sich am Nachmittag zusammen mit Justizminister Heiko Maas und Bundeskanzlerin Merkel über den Stand der Ermittlungen informiert.

Merkel, Maas und de Maizière beim BKA in Berlin

Merkel betonte, dass die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern gut funktioniert. Die Fahndung nach Amri läuft inzwischen europaweit. Maas erklärte, auch die deutschen Behörden arbeiteten außerordentlich gut zusammen.

Wie der WDR berichtet, rückte die Polizei heute früh in der Dortmunder Nordstadt zu einem Anti-Terror-Einsatz aus. Dabei sollen zwei Wohnungen durchsucht worden sein. Der Verdächtige Anis Amri soll Kontakte zu dem Dortmunder Salafisten Boban S. gehabt haben. Zeitweise habe er auch dort gewohnt, so der WDR.

Auch die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe kündigte inzwischen eine Presseerklärung an. Termin ist um 18 Uhr in Karlsruhe.

Amri entwischte immer wieder

Amri war als Gefährder bekannt, wurde monatelang überwacht und saß sogar schon in Haft. Er sollte abgeschoben werden, war aber trotzdem noch im Land. Amri hat ein langes Strafregister. Bevor er im Juli 2015 illegal nach Deutschland kam, hatte er im sizilianischen Palermo schon vier Jahre im Gefängnis gesessen, weil er eine Schule angezündet hatte. In Haft habe er sogar eine Gefängnisrevolte mitausgelöst, erfuhr report München. Bereits damals habe er sich klar als radikaler Islamist zu erkennen gegeben.

Auch in Tunesien war er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Sein Vater sagte dem tunesischen Radiosender "Mosaique FM", dass sein Sohn in Abwesenheit unter anderem wegen schweren Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. In Italien saß er schon in Abschiebehaft, kam dann aber frei. Tunesien wollte den Straftäter nicht zurücknehmen. Ein Bruder Amris sagte inzwischen, wenn er wirklich den Anschlag in Berlin verübt habe, sage die Familie sich von ihm los. Außerdem forderte er ihn auf, sich der Polizei zu stellen.

Als Gefährder monatelang observiert

In Deutschland fiel der 24-Jährige schon bald mit Kontakten zur islamistischen Szene auf. Die Berliner Justiz teilte mit, dass er von März bis September 2016 observiert wurde. Auch Amris Kommunikation wurde überwacht. Allerdings hätten die "umfangreichen Überwachungsmaßnahmen" keine Hinweise zu den Vorwürfen erbracht. Deshalb habe "keine Grundlage für eine weitere Verlängerung der Anordnungen zur Überwachungsmaßnahmen mehr" bestanden. Diese seien im September beendet worden, hieß es in der Justizerklärung.

Bund Deutscher Kriminalbeamter wehrt sich gegen Kritik an der Polizei

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) wehrt sich gegen Kritik an der Polizeiarbeit. "Wir haben schon seit zwei Jahren darauf hingewiesen, dass wir es mit einer so großen Zahl an Gefährdern zu tun haben, dass wir die nicht rund um die Uhr überwachen können", sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende des BDK, Sebastian Fiedler, der Bayern-2-radioWelt.

Fiedler forderte, in solchen Fällen den Einsatz von elektronischen Fußfesseln zu prüfen. Der BDK-Vize appellierte an die Politik, mehr Druck auf die Herkunftsländer von potentiellen Straftätern auszuüben.

"Wie kann es sein, dass wir uns von Teilen der Zuwanderer auf der Nase herumtanzen lassen, insbesondere von denjenigen, die hier schon handfeste Straftaten begangen haben?"

Sebastian Fiedler, Bund Deuscher Kriminalbeamter

Terrorverdacht auch in USA

Der gesuchte Tunesier war laut "New York Times" auch den US-Behörden bekannt. Demnach wird er auf den amerikanischen Flugverbotslisten geführt und hatte über den Internetdienst Telegram mindestens einmal mit dem IS Kontakt aufgenommen sowie online den Bau von Sprengsätzen recherchiert.

Amri sollte im Juli abgeschoben werden

Nach Angaben von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) wurde Amri im Juli 2016 als Asylbewerber abgelehnt. Er konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere bei sich gehabt habe. Laut Jäger hatte Tunesien zunächst bestritten, dass es sich bei Amri um einen ihrer Staatsbürger handele. Ironie des Schicksals: gestern kamen die Abschiebepapiere an.

CDU-Vize Armin Laschet sieht schwere Mängel der Behörden. Wie diese hier gearbeitet hätten, könne einen nur erschüttern, sagt Laschet im Deutschlandfunk. Der Gesuchte sei als sogenannter Gefährder bekannt gewesen, habe sich aber der Kontrolle entziehen können. Das könne man auf keinen Fall akzeptieren.

Fahndungsaufruf

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft ist der gebürtige Tunesier Anis Amri 1,78 Meter groß, wiegt ca. 75 Kilogramm, hat schwarze Haare und braune Augen. Wer den Gesuchten sieht, solle die Polizei benachrichtigen. Die Behörde mahnt aber, Amri könnte gewalttätig sein.

Bis zu 100.000 Euro Belohnung wurden für Hinweise ausgeschrieben. Sie können an das Bundeskriminalamt unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800-0130110 oder an jede andere Polizeidienststelle gegeben werden.

Fahndung in ganz Europa

Die dänische Polizei ging Hinweisen auf den Terrorverdächtigen nach und durchsuchte eine Fähre. Amri sollte sich demnach auf dem Schiff von Grenaa in Jütland nach Schweden befinden. Die Fahnder hätten aber keine Hinweise auf Amris Anwesenheit gefunden, teilte die Polizei heute mit.

Auf der ganzen Welt wird die Sicherheit verstärkt


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