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Türkische Pläne nach Anschlag Mehr Bomben gegen die PKK

Erstaunlich schnell präsentiert die türkische Regierung die Urheber des Anschlags von Ankara: Die PKK und kurdische Milizen aus Syrien sollen demnach hinter der Tat stecken. Mit welchen Konsequenzen ist nun zu rechnen? Eine Analyse von Clemens Verenkotte.

Von: Clemens Verenkotte

Stand: 18.02.2016

Feuerwehrmänner bei Löscharbeiten nach der Bombenexplosion | Bild: picture-alliance/dpa

Aus dem Anschlag von Ankara, der mitten im Regierungsviertel den Nimbus der Unverwundbarkeit der türkischen Streitkräfte treffen sollte und dabei 28 Soldaten und Zivilbedienstete in den Tod riss, zieht die Regierung von Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu mehrere Konsequenzen:  Sie wird die Militäroperationen gegen die syrischen Kurdenverbände der YPG deutlich ausweiten; die Bombardierung der PKK-Stellungen im Nordirak intensiveren; und den im Sommer letzten Jahres wiederaufgenommenen Kampf gegen die verbotene Arbeiterpartei im Südosten des Landes mit aller Härte fortsetzen.

Schnelle Ermittlungsarbeit

Die Geschwindigkeit, mit der Regierungschef Davutoğlu die PKK und die syrische Kurdenmilz YPG für den  Terroranschlag verantwortlich machte, mag den rasch arbeitenden Ermittlungsbehörden zu verdanken sein. Doch mit Blick auf die erfolgreich im Norden Syriens operierende YPG, der die US-Luftwaffe seit September 2014 bei ihrem Kampf gegen den sogenannten Islamische Staat massiv unter die Arme greift, hat sich die Lage für die Türkei zusätzlich verschlechtert.

Im Februar starteten die regimetreuen Truppen Assads gemeinsam mit der russischen Luftwaffe eine anhaltende Offensive gegen die vom Westen und der Türkei unterstützen Rebellenverbände nördlich von Aleppo. Dies erlaubte es den syrischen Kurdeneinheiten der YPG, weiter entlang der Grenze zur Türkei nach Westen vorzurücken. Russische Kampfflugzeuge bereiteten ihnen dabei das Terrain – denn seit dem Abschuss des russischen Jets durch türkische F 16 Maschinen im Dezember stehen sich Ankara und Moskau unversöhnlich gegenüber.

Riskante Militäraktionen

Als die YPG vor wenigen Tagen einen wichtigen Luftwaffenstützpunkt (Menagh)  nahe der Stadt Azaz im Nordwesten Syriens  erobert hatte (das weniger als zehn Kilometer von der türkischen Grenze entfernt ist), entschied  sich die Regierung Davutoğlu  zu einem riskanten Schritt: Türkische Artillerie beschoss YGP-Stellungen bei Azaz. Denn Azaz ist für die Versorgung von Aleppo und den militärischen wie zivilen Güterverkehr in den Norden Syriens für die Türkei unverzichtbar.   Noch vor dem Anschlag von Ankara rückten nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte Hunderte von Kämpfern von der türkischen Grenze in Richtung Azaz, um die Eroberung der Stadt durch die syrischen Kurdeneinheiten der YPG zu verhindern. Bei den Kämpfern soll es sich um "gemässigte" syrischen Rebellen sowie islamistische Bewaffnete handeln.

Ungute Gemengelage

Womit ist zu rechnen?  Die Türkei schreckt trotz gegenteiliger Ankündigungen von Staatspräsident Erdoğan davor zurück, mit eigenen türkischen Bodentruppen in den Norden Syriens einzudringen, um  den Vormarsch der YPG aufzuhalten. Dazu bedürfte es eines Placets aus Washington – ohne Rückversicherung beim wichtigsten NATO-Partner USA könnte es sich die Türkei nicht leisten, einzumarschieren. Die Bündnisgarantien der Allianz beziehen sich nur auf den Verteidigungsfall und selbst bei großzügiger Auslegung des Begriffs "Verteidigung" würden die übrigen NATO-Mitgliedsländer bei einer eigenmächtigen Intervention der Türkei im Norden Syriens abwinken. Und zweitens: Ohne ein russisches Placet können türkische Kampfflugzeuge nicht in den nordsyrischen Luftraum eindringen, den dieser wird de facto von Russlands Luftstreitkräften kontrolliert und beherrscht. Und drittens: Washington hält die syrischen Kurdeneinheiten für unverzichtbar im Kampf gegen den IS; das Pentagon wird nicht müde, die YPG in den höchsten Tönen zu loben. Ein offener Krieg des NATO-Mitglieds Türkei gegen die syrischen Kurdeneinheiten verbietet sich daher für Erdoğan.

Und die Gewinner sind ...

Fazit: Unterhalb der Schwelle einer offenen militärischen Konfrontation mit der YPG wird Ankara alles daran setzen, damit die syrischen Kurdeneinheiten geschwächt werden.  Im eigenen Land dürften die Militäroperationen gegen die PKK deutlich an Intensität zunehmen.  Wer davon profitiert? Assad und seine Verbündeten in Teheran und Moskau.


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