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Mängel in der Pflege Arm gepflegt

Pflegekräfte sind knapp in Deutschland. Und der Bedarf an Pflegekräften wird immer größer. Eigentlich müsste der Staat also ein Interesse daran haben, Menschen, die ihre Angehörigen pflegen, ausreichend zu unterstützen. Doch die Realität ist eine andere.

Von: Hedwig Thomalla

Stand: 28.09.2016

Pflege von behinderten Kindern (Symbolbild) | Bild: picture-alliance/dpa

Gerade Alleinerziehende werden mit der Pflege von Angehörigen oft allein gelassen und landen im schlimmsten Fall in einer finanziellen Abwärtsspirale, aus der sie sich selbst nicht mehr befreien können. Wie Angehörigenpflege zur Armutsfalle wird, zeigt ein Beispiel aus Waldershof in der Oberpfalz.

Eva (Namen geändert) liegt im Bett und schaut Bibi Blocksberg. Manchmal quietscht und ruft die 24-Jährige dabei fröhlich. Zwischendurch reibt sie ihre Nase am Kopf ihres dicken braunen Kuschelpferds. Eva ist seit ihrer Geburt schwer behindert. Sie kann eine Flasche halten und trinken, sie kann auch ein oder zwei Schritte laufen. Für alles andere ist sie auf die Hilfe ihrer Mutter Franziska (Namen geändert) angewiesen. Außerdem hat Eva immer wieder epileptische Anfälle. Sie muss rund um die Uhr betreut werden.

"Wickeln, waschen, frühstücken. Mittlerweile kann sie so gut wie gar nichts mehr selber essen. Wenn die Eva jetzt zu Hause ist, kann ich ja nicht rausgehen. Mit ihren Anfällen… Du stehst daneben und sie fällt zusammen."

Franziska, Mutter von Eva

Vollzeitjob Pflege

Bayern 2 radioWelt

Mit diesem 24-Stunden-Pflege-Job ist Franziska voll ausgelastet, zusätzlich arbeiten gehen ist nicht drin. Selbst wenn sie nur mal kurz zum Einkaufen will, braucht sie jemanden, der in dieser Zeit auf Eva aufpasst. Franziska lebt von Hartz IV: Für sich und ihre jüngere 15-jährige Tochter, die auch noch zu Hause wohnt, bekommt sie rund 600 Euro pro Monat. Dazu kommt das Pflegegeld von der Krankenkasse und die Grundsicherung für Eva. Insgesamt macht das rund 1.700 Euro pro Monat. Davon muss Franziska die Schulden für das Haus tilgen, dass ihr bei der Scheidung von Evas Vater geblieben ist. Dazu kommen die Kosten für Gas, Strom, Holz zum Heizen, Versicherungen und Benzin für den behindertengerechten Bus. Und natürlich Lebensmittel, Kleidung, Schuhe und Medikamente für drei Personen.

Im Prinzip bekommt Franziska für ihre zwei Töchter auch Kindergeld, für Eva Unterhalt und für ihre jüngere Tochter eine Halbwaisenrente. Diese Beträge werden aber von der Grundsicherung gleich wieder abgezogen. Das Geld ist deshalb immer knapp, das Haus stark renovierungsbedürftig. Medikamentenrechnungen übernimmt hin und wieder die Großmutter. Ohne Hilfe geht es nicht:

"Monat für Monat. Tag für Tag. Anders geht’s nicht. Es ist nicht leicht, immer betteln zu gehen."

Franziska

Kein Angebot weit und breit

Noch dazu hat Franziska niemanden, der sie in ihrer schwierigen Situation umfassend berät. Sowohl beim Jobcenter als auch bei der Krankenkasse muss sie bei jedem Anliegen, jeder Frage, jedem Antrag erst einmal über die zentrale Servicenummer gehen und dann auf einen Rückruf warten. Würde Franziska in der Stadt oder zumindest nahe einer größeren Stadt wohnen, hätte sie wahrscheinlich mehr Möglichkeiten: Sie könnte eine Einrichtung suchen, in der ihre Tochter tagsüber betreut wird, und dann selbst arbeiten gehen. Aber Franziska lebt in einem kleinen Ort an der Grenze zwischen der Oberpfalz und Oberfranken – das nächste Angebot für Kurzzeitpflege ist gut 50 Kilometer entfernt. Kein Einzelfall, sagt Ulrike Mascher, Vorsitzende des Sozialverbands VdK:

"Das ist eine leider häufige Feststellung, dass in dem großen Flächenland Bayern eben manche Angebote wie Kurzzeitpflege nicht flächendeckend vorhanden sind."

Ulrike Mascher, VdK

Seit 21 Jahren keinen Urlaub

Und der Staat profitiert von dieser Versorgungslücke, denn pflegende Angehörige bekommen als Ausgleich lediglich das sehr knapp bemessene Pflegegeld. Sowohl eine externer Pflegedienst, der ins Haus kommt, als auch ein Heimplatz wären deutlich teurer. Auch bei der anstehenden Reform der Pflegeversicherung wird sich daran aber wohl nichts grundlegend ändern. Für Franziska heißt das, dass ihr auch weiterhin, ihr größter Wunsch nicht erfüllt wird: Ein normales Leben, und vielleicht mal in den Urlaub fahren. Eva ist jetzt 24, als Franziska das letzte Mal im Urlaub war, war sie drei.


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Kommentare

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Boros Tamas, Samstag, 24.September, 07:56 Uhr

5. Arm gepflegt

Schande! Frau Merkel kümmert sich um die Migranten und nicht um die eigene Bevölkerung! Die Politker kümmern sich hauptsächlich um die eigene Bereicherung! Die arme schwache Kranke Menschen die damals Deutschland mit aufgebaut und Kinder Steuerzahler geboren haben, wegetieren täglich hin. Gott sei Dank, manche von ihnen haben noch Angehörige die sie pflegen können! Frau Merkel, treten sie zurück! Lassen Sie bitte solche dumme philosophische Ausreden wie Sie zuletzt geliefert haben! Schon wieder versuchen Sie respektlos die eigene Bevölkerung dumm zu verkaufen! Die Bevölkerung hat mehr Respekt verdient von Ihnen! Bitte treten Sie zurück!

Artus, Samstag, 24.September, 05:06 Uhr

4. Fehlende Lobby

Den pflegenden Angehörigen fehlt die Lobby. Ein erster Schritt wäre die Leistungen der Pflegenden anzuerkennen. Sie zumindest mit den Vertretern der Blaulichtfraktion gleichzustellen. Leisten tun diese Menschen in der Regel deutlich mehr, als es irgendwelche Vereinsvertreter tun. Aber sie tun es im Stillen.

thorie, Samstag, 24.September, 01:00 Uhr

3. Pflegekräfte sind knapp in Deutschland.

das kann nicht sein!
wäre es so, würden pfegedienste bedeutend mehr ausbilden, einstellen,besser bezahlen und die angestellten nicht branchenüblich mit zeitverträgen belegen!!!

ach so..... über das, für was unsere politik die steuergelder lieber ausgibt, liest man täglich in der zeitung!
für pflegende angehörige folgendes motto "IHR SCHAFFT DAS"

Dr. Halef, Freitag, 23.September, 20:27 Uhr

2. Gefahr

Ich kenne drei Fälle, in denen die pflegende Person aufgrund der ständigen Beanspruchung plötzlich selber zum Pflegefall wurde.
Was dann?
Dann hat man 6 Pflegefälle, die in ein Heim müssen...
und warum?
Weil den Pflegenden so sehr geholfen wird?
Seltsame Rechnungen, die hier angestellt werden....
kurzfristige Sparsamkeit resultiert hier in langfristiger Dummheit.

Erich, Freitag, 23.September, 18:15 Uhr

1. Für Alles ist Geld da.

Warum nicht für die Pflege unserer Alten?

  • Antwort von albert0, Freitag, 23.September, 19:42 Uhr

    Für alles ist Geld da, schreibt Erich.
    Nein, nicht für alles und alle ist Geld da. Die Wiedervereinigung die Banken und Euro - Krise haben so viel Geld verschlungen das für die die es erwirtschaftet hatten nichts mehr da ist. Dank den von uns gewählten Vertretern des Volkes.

  • Antwort von Stina, Freitag, 23.September, 22:23 Uhr

    Bei uns zuhause, in unserer Straße, da gibt es einen Jungen, der braucht immer Krücken oder bei längeren Strecken einen Rollstuhl. Als der eine Praktikumsstelle gesucht hat, hat er sich beim Landratsamt gemeldet. Dort hätte man ihn auch gerne genommen in der Unteren Naturschutzbehörde. Man ist ja gern gesehen, wenn man umsonst arbeitet. Gescheitert ist das ganze daran, daß man seitens des LRA es nicht geschafft hat, den Jungen von der Bushaltestelle abzuholen, was ja besonders bei nassen Straßenverhältnissen angebracht ist. Die Mitbenutzung eines Fahrdienstes, den das LRA mit einer FSJlerin unterhält, um Flüchtlinge regelmäßig zu Behörden, Ärzten u.ä. zu bringen, war nicht möglich. Behindertenvertretung und Personalstelle beim LRA waren jedenfalls aktiv passiv.
    Der Junge hat dann doch noch eine super Praktikumsstelle gefunden, wo er viel gelernt hat, normal behandelt worden ist, und umsonst mußte er auch nicht arbeiten.

  • Antwort von Münchner1977 , Samstag, 24.September, 07:50 Uhr

    Meine Frau ist 100% schwerbehindert, arbeitet beim Bund. Wurde die letzten 10 Jahre vom Fahrdienst für die monatliche Gebühr von hundert Euro abgeholt. Jetzt war sie im Mutterschutz und unbezahlt Beurlaubt, am 12.4. hätte sie wieder anfangen sollen, seitdem kämpfen wir für den Fahrdienst, den man ihr nun nicht mehr zugestehen will. Immerhin hat man ja hundert Euro im Monat dafür bezahlt!