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Attentat von Würzburg Ein Opfer noch in Lebensgefahr

Der Gesundheitszustand der Opfer des Zug-Attentäters von Würzburg hat sich stabilisiert. Das sagte der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Würzburg, Prof. Dr. Georg Ertl. Ein Mann aus Hongkong schwebt nach wie vor in Lebensgefahr.

Von: BR Reporter

Stand: 22.07.2016

Zuvor konnte der 62 Jahre alte Vater der Familie aus dem künstlichen Koma zurückgeholt werden. Der Freund befindet sich weiterhin im künstlichen Koma. Nach den schweren Kopfverletzungen der beiden werde der Genesungsprozess mehrere Wochen, wenn nicht Monate dauern, so Ertl. Zudem sei auch die große psychische Belastung nach derartigen Verletzungen und vor allem nach einem künstlichen Koma problematisch.

"Bei allen Patienten im Uniklinikum hat sich der Gesundheitszustand gebessert und stabilisiert. Bei einem Patienten besteht allerdings nach wie vor Lebensgefahr und es wird bis auf Weiteres ein künstliches Koma erhalten. Die Angehörigen haben regelmäßigen Zugang und Kontakt zu unseren Patienten und Ärzten und werden sehr eng von deutschen und chinesischen Helfern betreut."

Mitteilung der Klinikleitung

Angehörige aus Hongkong sollen mit den Patienten sprechen

Großes Interesse auch bei chinesischen Journalisten

Umso wichtiger sei es, dass der jüngere der Männer schon bald wieder ansprechbar sein wird, damit auch seine Familie aus Hongkong wieder mit ihm sprechen kann. Die 27 Jahre alte Tochter, die bisher in Nürnberg behandelt wurde, befindet sich nun auch im Uniklinikum Würzburg. Auch der Zustand der schwerverletzten Anwohnerin aus Heidingsfeld hat sich wieder stabilisiert.

Etwa 25 Kilometer von Würzburg entfernt, in der Landkreisgemeinde Gaukönigshofen, herrscht Schockstarre.

Hier war der Attentäter zur Schule gegangen. In der Schule werden die Kinder seit Dienstag von der Schulpsychologin betreut. Einer aus ihren Reihen ist zum Attentäter geworden. Jetzt ist er tot. Das ist ein Thema im Ort, vor dem man die Kinder nicht schützen kann, sagt Klaus König, der katholischer Pfarrer in Gaukönigshofen. Unterdessen ist eine Diskussion um die Sicherheitslage in Deutschland entbrannt. Städte- und Gemeindebund fordern eine deutliche Verstärkung der Polizeipräsenz an öffentlichen Plätzen.

Ermittlungen laufen weiter

Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft die Ermittungen übernommen. Es bestehe der Verdacht, "dass der Attentäter die Tat als Mitglied des sogenannten Islamischen Staats zielgerichtet begangen hat". Vor diesem Hintergrund sei zu klären, ob weitere bislang unbekannte Tatbeteiligte oder Hintermänner in die Tat eingebunden waren. Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen werden vom Bayerischen Landeskriminalamt fortgeführt.

Bekennervideo authentisch

Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte ein Video veröffentlicht, in dem der Zug-Angreifer von Bayern zu sehen ist. Der Jugendliche kündigt in dem Video seine Tat an und spricht Drohungen gegen "ungläubige Länder" aus. Zudem bezeichnete sich der Täter als "Soldat des Kalifats". Wann das Bekennervideo erstellt wurde, war nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmanns zunächst aber noch unklar.

"Das BKA schätzt das auch als echt ein. Die Pflegeeltern haben das insofern identifiziert, weil die am Hintergrund erkannt haben, dass das in ihrer Wohnung, in dem Zimmer, wo er gewohnt hat, gedreht worden ist. Das ist inzwischen absolut sicher: Das Video ist authentisch!"

Joachim Herrmann, bayerischer Innenminister

Wer ist der Täter?

Der Täter war laut Polizei ein völlig unbeschriebenes Blatt und habe sich bisher weder aggressiv noch reizbar, sondern im Gegenteil sehr unauffällig verhalten. Der Jugendliche sei gläubiger Muslim gewesen, so die Ermittler. Er sei aber nicht regelmäßig in die Moschee gegangen, sondern habe privat gebetet. Seit zwei Wochen lebte er in einer Pflegefamilie. Er hatte bereits eine Lehrstelle in Aussicht.

Am vergangenen Samstag hatte der 17-Jährige offenbar erfahren, dass ein Freund von ihm in Afghanistan getötet worden sei. Den Ermittlern liegen allerdings keine Erkenntnisse vor, um wen es sich dabei handelt und unter welchen Umständen der Freund in Afghanistan getötet wurde. Es sieht aber so aus, als habe der 17-Jährige Rache nehmen wollen für den Tod des Freundes. Es sei ein Schriftstück entdeckt worden, das als Abschiedsbrief an den Vater interpretiert werden könne, so die Ermittler.

"Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann und bete für mich, dass ich in den Himmel komme."

Aus dem Abschiedsbrief des Attentäters

Zweifel an der Identität des Angreifers?

Deutsche Ermittler bezweifeln, dass der Täter von Würzburg wirklich aus Afghanistan stammte. Laut einem Bericht des ZDF hat die Polizei im Zimmer des Jungen ein pakistanisches Dokument gefunden. Auch das Bekennervideo des angeblich 17-Jährigen nährt Zweifel an der afghanischen Herkunft. Der vom IS angegebene Name des Mannes, Muhammad Riyadh, stimmt nicht mit dem Namen überein, mit dem er in Deutschland registriert wurde. Nach Einschätzung von Ermittlern gibt es Anhaltspunkte, dass sich der Täter bei seiner Registrierung als Afghane ausgab, um seine Chance zur Anerkennung als Flüchtling in Deutschland zu erhöhen.

In dem Video spricht der Mann Paschtu, eine Sprache, die sowohl in Afghanistan, als auch in Pakistan gesprochen wird. Sprachexperten haben seine Aussprache gegenüber dem ZDF als eindeutig pakistanisch identifiziert. Der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen erklärte, man müsse nun neu ermitteln, wer der Attentäter wirklich war. 70 Prozent aller Jugendlichen, die nach Deutschland kommen, haben laut Maaßen keine oder falsche Papiere.

So lief die Tat ab

Am Montagabend gegen 20 Uhr verabschiedete sich der Täter von seiner Pflegefamilie. Er wolle noch Fahrradfahren und es könne länger dauern. Gegen 21 Uhr stieg er in den Regionalzug von Ochsenfurt nach Würzburg. Dort bewaffnete er sich in einer Zugtoilette mit einer Axt. Dann ging er auf eine chinesische Familie zu, die in dem Zug saß, und fing unvermittelt an, auf Kopf und Gesicht der Reisenden einzuschlagen. Auf einem Notruf, den eine Frau in dem Zug abgesetzt hatte, ist zu hören, wie der Mann während der Tat "Allahu Akhbar" also "Gott ist größer" ruft.
Ein anderer Reisender zog auf Höhe Würzburg Heidingsfeld die Notbremse, der Täter flüchtete daraufhin aus dem Zug. Auf der Flucht durch den Würzburger Ortsteil attackierte der Mann eine Spaziergängerin und verletzte sie schwer. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei, das zufällig im nahen Würzburg war, konnte den Täter stellen. Als der daraufhin auch die Polizisten attackierte, schossen diese insgesamt vier Mal auf den Mann, zwei der Schüsse waren tödlich.

Presseschau zum Axtangriff von Würzburg

Fränkischer Tag, Bamberg

Ist das das Ende der Willkommenskultur? Es ist richtig, dass mit der Zuwanderung die Probleme der Welt zu uns kommen. Ein Teil dieser Probleme ist religiöser Fanatismus. Aber ebenso richtig ist, dass sie sich nicht aussperren lassen. Kein Land ist eine Insel und Extremisten machen nicht vor Grenzen halt. Wer mit Ausgrenzung reagiert, mit Hass und Ablehnung gegen viele wegen der Tat eines Einzelnen, der spielt der Gewalt in die Hände. Naivität ist nicht angebracht, doch viel weniger alte oder neue Feindbilder. Davon gibt es nun wirklich schon genug auf der Welt.

Nürnberger Nachrichten

Zweifelsohne erhöht das Massaker von Würzburg die Ängste vor den nicht zu verharmlosenden Negativ-Folgen der Zuwanderung. Differenzierungen sind da angesichts verständlicherweise hochkochender Emotionen zunächst wenig gefragt. Dennoch sind sie notwendig, damit diese eine Tat die weitgehend friedliche Realität im Einwanderungsland Deutschland nicht verdrängt. Allerdings werden sachliche Debatten zusehends schwierig in der Aufgeregtheit der Netzwelt. Renate Künasts Zweifel an der Notwendigkeit der tödlichen Schüsse des SEK waren angesichts des Ernsts der Lage sicher voreilig und fragwürdig - aber der Hass, der ihr darauf im Internet entgegenschlug, trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei. Da empfiehlt sich viel eher die trotzige Gelassenheit Joachim Herrmanns: 'Wir leben unser Leben weiter.' Täten wir das nicht, dann hätten die Feinde unserer Freiheit ihr Ziel erreicht.

Münchner Merkur

Afghanen führen, ganz anders als zum Beispiel die Syrer, die Kriminalitätsstatistik unter Migranten hierzulande an. Das mag durch die Stammesstrukturen und den mittelalterlichen Islam, der in ihrer Heimat gelebt wird, erklärbar sein. Aber immer weniger Bürger verstehen, warum sich gerade Deutschland der Aufgabe stellen soll, in großer Zahl schwer erziehbare unbegleitete jugendliche Flüchtlinge und zornige junge Männer vom Hindukusch zu sozialisieren, nur um sich später von (einigen von) ihnen terrorisieren lassen zu müssen. Nicht alle laufen eben vor den Bomben des IS davon - manche haben sie im Gepäck.

Hessische Niedersächsische Allgemeine, Kassel

Vielleicht ist der hasserfüllte religiöse Extremismus inzwischen bei labilen und sich isoliert fühlenden Jugendlichen Bestandteil einer Entwicklungsphase. Die «IS-Phase» als Entwicklungsstadium in der Adoleszenz, wenn vorliegende Charaktereigenschaften und womöglich in der Einsamkeit geborene Emotionen für die Dschihad-Popkultur im Internet besonders empfänglich machen. Solches Verhalten ist ein Geschenk für die IS-Führung. Sie kann inzwischen jeden Einzeltäter für sich verbuchen. Es ist, als würde ein weltweit agierender Terrorkonzern immer neue Filialen eröffnen, ohne den Lizenznehmer zu kennen. So ist ein sich selbst ernährendes System entstanden.

Leipziger Vokszeitung

Niemand hatte dem 17-Jährigen aus Afghanistan eine derartige Bluttat zugetraut. Kein Betreuer, kein Psychologe, auch nicht seine Pflegeeltern in Bayern. Der Junge galt als gut integrierbar, hatte eine Bäckerlehre in Aussicht. In der Nacht zum Dienstag aber ergriff dieser junge Mann eine Axt, erhob sie in einem Regionalzug gegen Fremde - es traf vier Touristen aus Hongkong, die schwer verletzt wurden. Was ist das? Terror? Oder der Amoklauf eines psychisch Gestörten? Mehr denn je zerfließen hier die Grenzen. Die Gegenstrategie besteht nicht allein aus Polizeiarbeit. Es geht darum, jungen Leuten die Hand zu reichen, ihnen eine Richtung zu weisen, bevor der IS dies tut.

Lausitzer Rundschau, Cottbus

Angst ist aber wie ein Krebsgeschwür. Sie frisst sich durch eine Gesellschaft, sie polarisiert sie und kann sie am Ende sogar zerstören. Das ist das Ziel des IS. Die Reaktion darauf muss sein, sich seine Freiheit zu bewahren und die Art des eigenen Lebens nicht aufzugeben. Klingt banal, fällt sicherlich manchmal schwer, ist aber das einzige Gegenmittel. Und an dieser Stelle kommt Renate Künast ins Spiel. Die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung ist in Deutschland insgesamt gesunken, die Terrorgefahr gestiegen. Das ist nicht zu bestreiten. Deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen zumindest noch ein Grundvertrauen in ihre Polizei haben. Sie müssen daran glauben können, dass die Beamten im richtigen Moment das Richtige entscheiden und dann entsprechend handeln. Wie jetzt nach der Axt-Attacke. Das ist das Fatale an Künasts Schnellschuss bei Twitter - als Politikerin untergräbt sie ohne Kenntnis und Ahnung der konkreten Situation, in der sich die Polizisten befunden haben, mit einer einfachen Frage dieses Grundvertrauen. In den momentanen Zeiten ist das katastrophal.

Rheinische Post, Düsseldorf

Befürchtet hatten es die Sicherheitsbehörden seit langem: Dass sich da auch in Deutschland ein junger Muslim im stillen Kämmerlein radikalisiert, zu Waffen greift und sich mit dem Ruf "Allahu Akbar" auf "Ungläubige" stürzt. Dagegen hilft keine Beobachtung von noch so vielen potenziellen Gefährdern, wenn er als solcher vorher nicht in Erscheinung tritt. Und es hilft auch keine noch so intensive nachrichtendienstliche Überwachung von Terrornetzwerken, wenn er überhaupt nicht dazu gehört. Genau da manifestiert sich die von Experten vielfach zitierte Unmöglichkeit von hundertprozentiger Sicherheit. Natürlich werden sich jetzt wieder all jene bestätigt fühlen, die die aktuelle Flüchtlingspolitik für ein Verhängnis halten. Sie dürften großzügig darüber hinweg sehen, dass der junge Afghane registriert, überprüft und anerkannt wurde, hier also auf jeden Fall Schutz gefunden hätte. So besteht die Gefahr, dass die islamistische Tat eines irregeleiteten Jugendlichen zur generellen islamischen Gefahr verzerrt wird.

Allgemeine Zeitung, Mainz

Die alten Reflexe: mehr Überwachung, mehr Polizei versagen jedenfalls vor einer Form des Terrorismus, die ohne Organisation, ohne Logistik, inzwischen sogar ohne Schusswaffen und Bomben auskommt. Nicht mal mehr eines besonderen religiösen Fanatismus auf Seiten der Täter bedarf es: Es genügt der diffuse Hass einzelner Entwurzelter auf die westliche Mehrheitsgesellschaft - den Rest besorgt das propagandistische Dauerfeuer der Islamisten im Internet.

Südwest-Presse, Ulm

Der IS nutzt seine perverse Faszination, um die Hirne labiler und vermutlich traumatisierter Jugendlicher und junger Männer zu erreichen. Sie müssen sich keinem Netzwerk anschließen, keine Verbindungen nach Syrien suchen. Ihnen reicht die Anmietung eines Lkw oder einfach eine Axt und ein Messer. Für die Sicherheitsbehörden ist das ein Alptraum. Niemand kann voraussagen, wann und vor allem wo ein solcher Einzeltäter zuschlägt. Die Bekämpfung des Terrors bei uns kann deshalb immer nur helfen, Schlimmeres zu verhindern. Ein Ende des Schreckens wird es erst geben, wenn der IS und vor allem seine Unterstützer ausgeschaltet sind.

Neue Osnabrücker Zeitung

Es war ein Flüchtling, der jetzt arglosen Reisenden nach dem Leben trachtete. Er entsprach genau dem Muster, das so viele als Bereicherung begrüßten und das so vielen anderen Angst macht. Dass nicht jeder Flüchtling friedlich bleibt, war sonnenklar. Es deutlicher zu sagen, hätte vergangenes Jahr zur Wahrheit dazugehört. Die Schönfärberei war fahrlässig und fatal. Der beträchtliche Zulauf der AfD erklärt sich nicht nur durch die Zuwanderung selbst, sondern auch als Reaktion auf die Realitätsverweigerung, mit der sich Teile von Politik und Medien die Welt politisch korrekt zurechtbiegen wollten. Nun hat die Wirklichkeit sie eingeholt. Deutschland ist keine Insel. Das gilt für Flüchtlinge. Das gilt aber auch für den Terror.

Mannheimer Morgen

Das ist das Fatale an Künasts Schnellschuss auf Twitter. Als Politikerin untergräbt sie ohne Kenntnis der konkreten Situation mit einer einfachen Frage («Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden?») dieses Grundvertrauen. In diesen Zeiten ist das katastrophal. Künast wird die Wirkung ihres Tweets vermutlich nicht bewusst gewesen sein, weil so ein Satz schnell geschrieben ist. Aber auch für diejenigen, die twittern, sollte endlich wieder gelten: Erst den Verstand anschalten, dann tippen.

Ludwigsburger Kreiszeitung

Als Politikerin untergräbt Renate Künast ohne Kenntnis und Ahnung der konkreten Situation, in der sich die Polizisten befunden haben, mit der einfachen Frage, ob das Töten des mutmaßlichen Attentäters notwendig war, dieses Grundvertrauen. In den momentanen Zeiten ist das katastrophal. Der Ex-Bundesministerin wird die Wirkung ihres Tweets vermutlich nicht bewusst gewesen sein, weil so ein Satz schnell geschrieben ist. Aber auch für diejenigen, die twittern, sollte endlich wieder gelten: Erst den Verstand anschalten, dann tippen.

Heilbronner Stimme

Wir werden in diesen Tagen noch mehr über den Jugendlichen erfahren. Sein Handeln wird damit nicht verständlicher. Für diesen Wahnsinn gibt es keine Erklärung. Vor dieser Art von Terror gibt es keinen absoluten Schutz. So stehen an dieser Stelle ausdrücklich nicht Forderungen nach mehr Polizei, nach mehr Videoüberwachung, nach mehr Integrationsmaßnahmen. All das hätte die Attacke doch nicht verhindert. Vielmehr hat der Staat in dieser Situation gezeigt, dass auf seine Sicherheitskräfte Verlass ist. Die Polizei handelte nach der Tat schnell und entschlossen. Dafür verdienen die Beamten unseren Dank und unser Vertrauen.

Märkische Oderzeitung, Frankfurt/Oder

Es sind nicht nur Abgehängte, Arbeitslose oder aber Minderbemittelte, die sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen. Auch gut Gebildete oder Leute wie Riyad, der eine Bäckerlehre in Aussicht hatte, greifen zur Waffe. Und weil der IS jegliches derartige Blutbad sich selbst zuschreibt, ist den Tätern per Selfie-Video im Internet-Zeitalter der postume Ruhm sicher. Wir erleben eine blutige Selbstdarstellungsshow, bei dem den Anführern die Religion nur dazu dient, den Hass anzustacheln. Sie züchten damit aber nicht Märtyrer heran. Sondern Verbrecher.

Kölner Stadt-Anzeiger

Dass der IS über seine Nachrichtenagentur - über so etwas verfügen Terroristen im Internet-Zeitalter - die Tat für sich reklamiert, folgt einem fast pragmatischen Reflex. Ist es nicht die Forderung der Islamisten, dass jeder an seinem Ort Ungläubige töten soll? Gestern Nizza, heute Würzburg. Und stärkt das nicht die Macht der Terroristen, ihre Herrschaft über die Herzen, Köpfe und Seelen der Menschen? Da reklamiert man lieber eine Bluttat zu viel für sich als eine zu wenig. Diese Macht ist nur in Teilen real und unmittelbar. Sie beruht ganz wesentlich auf Verunsicherung, auf Ängsten und Fantasien. Es ist eine Macht, die nicht nur, aber auch in unseren Köpfen entsteht.

Neue Presse, Hannover

Begegnen die Menschen den Flüchtlingen nach dieser Tat mit verstärktem Misstrauen, steigt das Risiko weiterer Anschläge. Gerade junge Männer, die fern der Heimat und der Eltern sind und hier nicht vernünftig integriert, fühlen sich schneller zur mörderischen Ideologie des IS hingezogen. Wo sie auf den Respekt und die Anerkennung hoffen, die sie hier nicht bekommen. Die Tat in Würzburg beweist: Es gibt keine Alternative zu einer vernünftigen Integration in Deutschland. Ja, es ist eine Mammutaufgabe für Jugendämter und Schulen. Aber die Jugendlichen, die eine sinnvolle Aufgabe haben, sind für die Extremisten viel schwerer zu erreichen.

Schwäbische Zeitung, Ravensburg

Es mag herzlos klingen, aber die Menschen hierzulande werden mit dieser Art von Bedrohung leben müssen. Denn selbst diejenigen, die bereits jetzt größere Menschenansammlungen und Veranstaltungen meiden und um Gruppen von dunkelhäutigen Männern einen Bogen machen, werden hin und wieder mit dem Zug fahren. Oder eine Urlaubsreise an einem Flughafen beginnen. Es reicht, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Deshalb: Wenn jetzt Fragen zur Sicherheit in Deutschland aufkommen, dann sollte der Fokus tatsächlich auf Bahnhöfen und Zügen liegen. Sie sind schon lange - und ganz unabhängig von etwaiger terroristischer Bedrohung - keine Orte mehr, an denen sich Reisende, insbesondere weibliche, besonders wohlfühlen. Rein aus Kostengründen wird auf vielen Strecken auf Zugbegleiter oder geschultes Sicherheitspersonal verzichtet. Das wirkt schon nahezu wie eine Einladung an Übeltäter, seien sie Terroristen oder Kriminelle.

Mitteldeutsche Zeitung, Halle

Die Fassungslosigkeit paart sich nach Attentaten mit Ohnmacht, aus der Erkenntnis heraus: Vor solch einem Wahnsinn gibt es keinen absoluten Schutz, er kennt keine Religion und keine Nationalität und lässt sich kaum verhindern. Es mag sein, dass es nicht zu der Tat im Regionalzug gekommen wäre, wenn es ein Waffentransportverbot im Zug oder Gepäckkontrollen im Bahnhof gegeben hätte - beides aufwendig, ja kaum durchführbar. Vielleicht wäre der Täter aber auch einfach nur an einen anderen Ort gegangen, um seine Bluttat zu begehen. Der Suche nach einfachen Antworten liegt nahe, nach der Verallgemeinerung, der Ruf nach schärferen Gesetzen, nach Ausweisungen, der misstrauische Blick auf Flüchtlinge. Mehr Polizei und mehr Überwachung können Attentate erschweren, garantierten Schutz bieten aber auch sie nicht.

Aachener Zeitung

Gegen fanatisierte Einzeltäter oder psychopathische Nachahmer, die zu allem entschlossen sind und denen das eigene Leben nichts gilt, kann letztlich niemand geschützt werden. Bei einem von und mit mehreren Tätern koordinierten Terroranschlag, wie es sie zuletzt in Paris und Brüssel gab, haben Sicherheitsbehörden wegen der notwendigen Vorbereitungszeit noch gewisse Chancen, weil sie bestenfalls einzelne Gefährder und deren Kontakte im Visier haben. Auch gegen Terroristen wie jene der Rote-Armee-Fraktion in den 70er und 80er Jahren gäbe es heute mehr Möglichkeiten als damals, zumal sie nicht wie Dschihadisten ihr Leben aufgeben wollten. Gegen Massenmörder, die Selbstmörder sind, lässt sich nur wenig vorbeugen.

Landeszeitung, Lüneburg

Die Gewalttat des Afghanen lässt sich nicht erklären. Der 17-Jährige war auf dem Weg zur Integration in die Gesellschaft. Er hatte eine Pflegefamilie. Er hatte einen Praktikumsplatz mit Aussicht auf eine Lehrstelle. Doch der Tod eines Freundes in Afghanistan gilt als mutmaßlicher Auslöser für seine plötzliche Radikalisierung. Dass der 17-Jährige kurz nach seiner Tat von der Terrormiliz IS als einer ihrer "Soldaten" bezeichnet wird, ist eine Parallele zum Attentat von Nizza. Eine Lehre aus Würzburg und Nizza ist, dass es keine Sicherheit vor solchen Taten geben kann. Nizan Nuriel, Ex-Direktor des israelischen Stabs zur Terrorbekämpfung, hat einen Satz gesagt, den sich leider auch die Europäer einprägen müssen: "Ich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass Terrorismus für immer um uns sein wird. So wie wir uns an Kriminalität gewöhnt haben, müssen wir uns an Terrorattacken gewöhnen."

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Barbara, Samstag, 23.Juli, 15:21 Uhr

184. Der 18jährige Attentäter Ali S. von München soll angeblich gerufen haben:

"Ich bin Deutscher!" und "Allah ist groß!" So schreibt die britische Tageszeitung Daily Mail in der heutigen Ausgabe.

  • Antwort von Anton H., Samstag, 23.Juli, 16:44 Uhr

    Ja Barbara und wie beim Attentat in Würzburg und den anderen, geht es in deutschen Medien mal wieder nur um den Täter.

    Das ist krank.

    Was ist mit den Opfern?

  • Antwort von Sigmund, Samstag, 23.Juli, 20:32 Uhr

    Man muss fremde Medien, die sich mitunter aus dem Netz mit Gerüchten versorgen, nicht glauben und man muss es jetzt auch nicht kommentieren.
    Schönen Abend

  • Antwort von Anton H., Samstag, 23.Juli, 20:58 Uhr

    Richtig Sigmund.

    Und CNN hat auch das Video gefälscht in dem eine Zeugin von den Allah akhbar Rufen des Amoklaeufers bei den Schuessen berichtet ...

    Aber vielleicht sind wir ja alle in einem Paralleluniversum und haben deswegen eine andere Meinung.

Barbara, Freitag, 22.Juli, 13:49 Uhr

183. Anstatt ständig Lamento-Bekundungen nach Anschlägen zu halten,

sollte man endlich einmal die Konsequenzen ziehen und solche Leute strengstens kontrollieren bzw. gar nicht ins Land hereinlassen! Die Islam-Leute haben mit unseren Werten nichts gemeinsam. Sie fordern von uns nur Toleranz bis zum Geht-nicht-Mehr, aber in ihren eigenen Ländern werden die Christen verfolgt. Wie lange will man diesemTreiben noch tatenlos zusehen?

Sandra, Freitag, 22.Juli, 13:23 Uhr

182. kleine Korrektur zu meinem Beitrag

Ich habe Freunde aus aller Welt, bin weit gereist, immer mit Rucksack und vielen einheimischen Kontakten.
Kulturen und Religionen sind für mich eine Bereicherung. Auch der Islam, z.B. in Form des Sufismus.
UND ich bin überzeugt, dass es kulturell-religiöse Standpunkte gibt,
die mit unserem Lebensstil nicht vereinbar sind. Sie passen nicht zu unserer Demokratie, unserem Umgang
miteinander als Männer und Frauen usw..:
Menschen, die Andersgläubige als Ungläubige bezeichnen,
Menschen die meinen, "Ungläubige" verletzen oder töten zu dürfen
Menschen, die anders Lebende (z.B. leichter bekleidete Frauen) verachten
kann und will ich nicht willkommen heißen!
Mich erschreckt, wie viele Menschen hierzulande wohl (immer noch) glauben, eine nette Aufnahme, gute berufliche Chancen und ein paar Benimm-Regeln würden diese "Extreme" schon ausbügeln. Leider wollen viele Menschen aus archaischen Kulturen gar keine Integration in unsere "dekadente" Gesellschaft, deren Schutz sie gerne annehmen.

  • Antwort von Gabi, Freitag, 22.Juli, 14:08 Uhr

    @Sandra:
    Ich kann Ihnen nur Recht geben.
    Die Integration ist bei vielen Gastarbeitern schon gescheitert, da man daraus nichts gelernt hatte, hat man bei den sog. "Russlanddeutschen" die gleichen Fehler gemacht. Bei diesen Volksgruppen sind Parallelgesellschaften entstanden, denen unsere Gesellschaft und die geltenden Werte ziemlich schnurz sind.
    Naiv zu glauben, dass es jetzt bei den Flüchtlingen besser laufen wird.

  • Antwort von Widersprecher, Freitag, 22.Juli, 16:44 Uhr

    @Sandra

    Natürlich gibt es Unterschiede. Aber haben Sie sich dann auch in der Welt gefragt, warum das in vielen Ländern wunderbar klappt?
    Zum Beispiel in den USA mit seinen vielen China Towns, kein Problem. In San Francisco gibt es sogar "Little Russia", kein Problem.
    Mexikaner, Puertoricaner und jede Menge anderer Vielfalt.
    Rassisten wie Trump stochern in der Gefühlslage der Amerikaner. Das Aufstacheln wer dazu gehören darf und wer nicht ist doch das eigentliche Problem.
    So könnten wir ja auch anstreben, daß Bayern raus aus Deutschland muss. Weil, die sind ja irgendwie "anders"? Lächerlich.
    Aber Sie haben recht damit zu sagen, dass mancherorts die Integration mißlungen ist. Türken, die schon 20-30 Jahre in Deutschland leben und noch immer kaum ein Wort deutsch sprechen können sind ein Beleg hierfür. Auch die expansive Religionspolitik Erdogans sehe ich kritisch. Insbesondere deren Konflikte nach Deutschland zu importieren.
    Pauschalierung hilft jedenfalls nicht.

  • Antwort von Sandra, Freitag, 22.Juli, 22:07 Uhr

    @Widersprecher

    in Ihren Worten kann ich keinerlei Antwort auf meine Aussagen finden:
    Was haben z.B. die China Towns mit gewissen muslimischen Strömungen oder archaischen Kulturen zu tun?
    Oder Bayern mit der Verachtung von Menschen, die einen anderen Lebensstil oder andere Kleidersitten pflegen?
    Pauschal(is)ierung kann ich - im Rahmen der hier gebotenen Kürze - auch nicht entdecken. Was also ist Ihr Anliegen?

  • Antwort von Widersprecher, Samstag, 23.Juli, 14:06 Uhr

    Sehr geehrte Sandra,

    was mein Anliegen ist? - Ganz schnell beantwortet, Pauschalisierungen. Die lehne ich rundweg ab. Da ich sie für falsch halte.
    Die Tatsache, daß es die von ihnen angeführten Aussagen gibt, stelle ich nicht in Frage. Aber:
    Sie treffen nicht pauschal auf jedes ausländische Individuum zu. Ausserdem gibt es genügend menschliche Beispiele, die das Gegenteil belegen (s. politische Funktionsträger).
    In ihren Beispielen stellen sie auf die Scharia ab. In diesem Punkt stimme ich ihnen zu, diese Form der angeblichen Religion lässt sich mit dem Grundgesetz nicht vereinbaren. Und wieder aber: Die meisten hier lebenden Muslime sind relgiös, aber keine Scharia Anhänger.
    Gerade deswegen leben sie vielleicht lieber in Deutschland.

    Auch ich bin viel in der Welt unterwegs und schätze die Gastfreundschaft ohne Vorurteile. Wurden Sie als ex Nazi behandelt, nur weil Sie aus Deutschland kamen? Vorurteilsbelastet?
    Ich glaube nicht.
    Dennoch verstehe ich auch ihre Skepsis.

Georg, Freitag, 22.Juli, 11:38 Uhr

181. Abgrenzung Fehlanzeige

Und wieder stehen Muslimverbände u d Moscheevereine da und sagen "nicht in unserem Namen", jedoch nichts wird von denen unternommen um radikale Tendenzen in Ihren Gemeinden im Ansatz zu unterbinden. Schlimmer noch, da werden Intoleranz und Hass auf Menschen, die nicht deren Weltbild entsprechen (z. B. Homosexuelle, Ungläubige usw.), noch durch radikale Prediger gefördert, in dem sie diesen Leuten noch ermöglichen in ihren " Gotteshäusern" ihre mittelalterlichen Weltbilder zu verbreiten. Irgendwie hat das was von AfD auf türkisch/arabisch, im offiziellen Ton beschwichtigen und hinter verschlossen Türen Unfrieden stiften. Dabei ist es gerade Aufgabe von diesen Verbänden und Vereinen sich gegen den aus de Nahen Osten importierten Hass zu stellen. Ich will mich nicht an islamistische Gewalt gewöhnen müssen, auch wenn das immer wieder von unseren Politikern in letzter Zeit gesagt wird. Es angebrachter die Politik würde auf die o.g. Institutionen einwirken, aktiver gegen den Hass vorzugehen.

  • Antwort von Boy George, Freitag, 22.Juli, 16:58 Uhr

    @Georg

    Na dann vermisse ich auch so manchen Aufschrei der deutschen Bevölkerung und den Kirchen. Distanzieren die sich auch immer gleich, wenn ein deutscher Killer am Werk war?
    Sie sollten das nicht pauschal auf alle Muslime abwälzen. Das entspricht nicht der Realität. Moscheen, in denen Hass und Gewalt gepredigt wird, werden beobachtet.
    Die Unschuldsvermutung gilt für diesen Personenkreis genauso. Aber darin stimme ich ihnen zu, wenn es entdeckt wird, muss es Konsequenzen geben. Gesetzliche Anpassungen an Abschiebungen wurden bereits gemacht. Aber die Anerkennung unseres Weltbildes ist schon so eine Sache. Wollen Sie jemanden ihr Weltbild aufzwängen? Wer sagt, ob es das Richtige ist? Sollten Migranten ihre Identität aufgeben müssen sog. Assimilierung?

    Allerdings gehen auch mir die ganzen Burka, Burkini, Schächtungs- und Beschneidungsdebatten schon zu weit. Wegen der Religionsfreiheit? Genau die sehe ich untergeordnet unter der Verfassung.

Seppl, Freitag, 22.Juli, 05:27 Uhr

180. Grenzenlos

Die FAZ berichtet, dass der Täter in seinem Verfahren für die Anerkennung als Flüchtling und im Asylverfahren nicht überprüft wurde, so wie vermutlich Zehntausende andere auch.
Wir haben eine tickende Zeitbombe im Land. Dieses und folgende Attentate haben auch diejenigen zu verantworten, die dafür verantwortlich sind, dass wir ein Land ohne Grenzen geworden sind und stattdessen auf ein nicht funktionierendes System von EU Aussengrenzen setzen.

  • Antwort von Manfred, Freitag, 22.Juli, 11:00 Uhr

    Auch für Sie nochmal zur Erinnerung:
    Die meisten Attentäter von Paris und Brüssel lebten schon lange in der EU.

  • Antwort von Schorsch, Freitag, 22.Juli, 13:02 Uhr

    @Manfred:
    Und so haben sich die Invasoren die blonden Haare alle ersessen?
    Politiker, die dies gutreden, und ihre Vasallen und Agitprops können natürlich nicht zugegeben, daß jahrzehntelang nur Irrsinn betrieben wurde. Dann würde man ja das Totalversagen der europäischen -- nicht nur der deutschen -- Politik eingestehen. Kein Politiker hat jemals Fehler zugegeben, und das, obwohl nie einer zur Rechenschaft gezogen wurde (bedauerlicherweise).
    Erst ist nicht erst die jetzige Regierung, die diesen Schlamassel angerichtet hat. Angefangen hat es unter Schmidt, der gegen besseres Wissen zugelassen hat, daß Millionen Anatolier in unser Land strömen. Schröder, Künast und das andere grünen Gemüse hat denen dann auch noch deutsche Pässe geschenkt, damit ihre Nachfolger verschleiern können, wer bei uns so unterwegs ist. Danke, danke, danke!
    Aber der deutsche Michel wacht ja nicht auf, drückt brav über 70 Prozent Steuern ab und wählt die auch noch.