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Ver.di-Streik in Graben "Brot und Spiele" bei Amazon

Auch heute wird wieder am Amazon-Standort Graben bei Augsburg gestreikt. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat dazu aufgerufen. Doch längst nicht alle Mitarbeiter finden Arbeitsbedingungen und Bezahlung so schlecht wie die Gewerkschaft.

Von: Christoph Arnowski

Stand: 03.12.2015

Für eine halbe Stunde stand gestern nachmittag bei Amazon in Graben alles still. Nicht wegen des für heute angekündigten Streiks. Sondern weil es das Unternehmen so will. Statt Arbeit an der Packstation gibt es zu Beginn der Spätschicht erstmal ein Minikonzert. Mit Jürgen Drews, dem König von Mallorca. Und das ausgerechnet in der Zeit des Jahres, in der die Amazon-Mitarbeiter am meisten zu tun haben. Aber um die Beschäftigten zu motivieren, geht die deutsche Tochter des amerikanischen Versandhändlers eben ungewohnte Wege. Das Bett im Kornfeld zur Weihnachtszeit ist nur einer von ihnen.

ver.di: "Brot und Spiele"

Motivationskonzert bei Amazon mit Jürgen Drews

„Brot und Spiele“ nennt das etwas abfällig Thomas Gürlebeck von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Er kritisiert scharf, dass Amazon nicht bereit ist, einen Tarifvertrag abzuschließen.  „Wir beweisen jeden Tag, dass man auch ohne Tarifvertrag ein guter Arbeitgeber sein kann“, entgegnet Anette Nachbar, die Sprecherin von Amazon Deutschland.  Der Versandhändler  und die Gewerkschaft, das sind zwei Welten, die da aufeinander prallen. Ver.di will das Modell der Tarifpartnerschaft, das den Gewerkschaften in Deutschland jahrzehntelang als alleiniger Vertreter der Arbeitnehmerschaft Macht und Einfluss sicherte, nicht aufgeben. Amazon hält Verträge mit einer Gewerkschaft für nicht zeitgemäß, setzt auf direkte Vereinbarungen mit der Belegschaft und gewährt beispielsweise allen unbefristeten Mitarbeitern einen Teil ihres Gehalts in Aktien.

Nicht alle sind unzufrieden

Streik bei Amazon: Streikende Mitarbeiter hinter einem Transparent mit der Aufschrift "Work fair, have fun, make Tarifvertrag" | Bild: BR/Thomas Pösl zum Artikel Warnstreik in Graben Gewerkschaft wirft Amazon Heuchelei vor

Die Beschäftigten des Online-Versandhändlers Amazon in Graben waren am Donnerstagfrüh erneut in den Ausstand getreten. Die Gewerkschaft Verdi hatte sie mit Beginn der Frühschicht zum Warnstreik aufgerufen. [mehr]

Edina Liptak findet das gut. Die 31 Jahre alte gebürtige Ungarin arbeitet seit Oktober 2012 bei Amazon. „Ich habe noch nie so gut verdient wie im Moment", erzählt die gebürtige Ungarin, die vor sieben Jahren nach Deutschland gekommen ist.  „Und ich war zuvor in verschiedenen Logistikunternehmen deutschlandweit tätig. Ich bin mit dem Lohn und meinem Vertrag zufrieden.“ Im Monat kommt sie auf 1500 Euro netto. Ihr Job: Mit Hilfe eines elektronischen Scanners, der ihr ständig anzeigt, in welchen Reihen und Regalen des riesigen Warenlagers sich die bestellten Artikel befinden, diese zusammentragen und an die Verpackungsabteilung weiterleiten. Während ihrer Schicht, die von 6:45 Uhr bis 15:05 dauert und nur von einer 35 minütigen Pause unterbrochen ist, kommen da schon zehn, zwölf Kilometer Wegstrecke zusammen. Doch das macht der jungen Frau nichts aus. Nur eine zweite Pause würde sie sich wünschen.

Ganz anders der Mitarbeiter, den wir im Augsburger ver.di-Büro treffen. Und der mit mir nur spricht, weil ich ihm Anonymität zugesichert habe.

"Man ist ständig unter Druck gesetzt, noch mehr Leistung zu bringen, das ist nie genug. Es kommt niemals ein Vorgesetzter und sagt,  heute ist das super, mach weiter so."

Amazon-Mitarbeiter

Der 45-Jährige ist überzeugt, dass die meisten so denken, sich aber nicht trauen, das zu sagen.

Auch bei Amazon gibt es Aufstiegschancen

Mein Eindruck ist ein anderer. Ich kann während der Dreharbeiten jeden Beschäftigten ansprechen. Das habe ich in über 25 Jahren Reportertätigkeit  so noch in keinem Unternehmen erlebt. Die Pressesprecherin zieht sich währenddessen komplett zurück. Und ohne Kamera sind viele Mitarbeiter bereit, zu reden. „Ich finde den Auftritt von Jürgen Drews nicht gut“, sagt ein älterer Beschäftigter, „das Geld sollten sie lieber uns geben“. Ein junger Kollege dagegen, ein gelernter Bürokaufmann aus Augsburg, der hier vorübergehend  zwei Monate jobbt, sagt:

"Ich war echt überrascht. Ich hatte oft gehört, dass Amazon wie ein Gefängnis ist, wo man während der Arbeitszeit nichts trinken und auch nicht auf die Toilette gehen darf. Jetzt weiß ich, solche Behauptungen sind völliger Blödsinn. Und die Bezahlung ist nicht schlecht."

Amazon-Mitarbeiter

Laut Unternehmensangaben kommt ein Mitarbeiter mit allen Zusatzleistungen wie Boni und Mitarbeiteraktien nach zwei Jahren durchschnittlich auf 2311 Euro brutto pro Monat.

Rundum zufrieden ist auch Dubow Muse Keynan. Der 24-Jährige kam 2010 aus Somalia nach Deutschland. 2012 hat der inzwischen anerkannte Asylbewerber bei Amazon angefangen. Die ersten fünf Monate hat er an der Packstation gearbeitet. Ein Job, den man nach einem Tag Einweisung ausüben kann, egal ob man einen Schulabschluss hat oder nicht. Der Versandhändler zahlt diesen Arbeitskräften in Graben im ersten Jahr 10,89 Euro brutto die Stunde, ab dem dritten Jahr 13,01  Euro. Doch der Somalier verdient längst mehr, denn er hat sich in die übernächste Tätigkeitsstufe hochgearbeitet. Als Vorarbeiter ist er inzwischen Ansprechpartner für 15 bis 20 Kollegen. „Für mich ist es hier bisher supergut gelaufen.“

Besucherrundgänge erlauben Einblicke

„Es ist ein Skandal, dass Amazon das Recht der Beschäftigten auf existenzsichernde und garantierte Arbeitsbedingungen missachtet.“ Verdi-Mann Gürlebeck bleibt bei seiner Kritik. Solange das Unternehmen Tarifverträge ablehne, werde man auch in der Weihnachtszeit weiter Streiks organisieren. „Wir zahlen auch ohne Tarifvertrag gute Löhne, wir arbeiten vertrauensvoll mit den Betriebsräten zusammen, wir respektieren die Mitarbeiter und ermöglichen Ihnen auch Weiterbildungsmöglichkeiten.“, entgegnet Amazon-Sprecherin Nachbar.

Wer hat Recht? Seit diesem Jahr kann sich jeder Interessierte selbst ein Bild machen. Der Amazon Standort Graben bei Augsburg bietet inzwischen Besuchertouren an.


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Petra Fischer, Montag, 14.Dezember, 00:14 Uhr

8. Pause

Es gibt 2 Pausen mit je 30 min.!

Oljaca, Samstag, 05.Dezember, 09:40 Uhr

7. Endlich

Es wurde auch mal Zeit, dass nicht nur negativ geschrieben wird. Man muss bedenken, dass wir mit Amazon einen Arbeitgeber in Deutschland hat, der jedem eine Chance gibt und sogar gut bezahlt. Ich kenne einige, die dort arbeiten und zufrieden sind, da ja überall Leistungen gefordert werden. Verdi will Amazon ruinieren sowie sie es mit anderen Betrieben schon gemacht haben. Wer so unzufrieden ist, sollte kündigen und anderen, die gerne arbeiten würden diese Chance überlassen!

Silvia, Freitag, 04.Dezember, 11:34 Uhr

6. Danke

....endlich mal ein guter Bericht. Bei uns in Bad Hersfeld (FRA3) ist es genauso wie im Bericht beschrieben. Ich bin nun 6 Jahre bei Amazon und mir gefällt es dort. In dieser Zeit konnte ich mir einiges an Wissen über Abläufe und Prozesse aneignen. Bin überall einsetzbar, außer als Staplerfahrer....aber wer weiß. Jedenfalls bin ich mit dem Lohn zufrieden. Habe vorher für 6,50 € /h gearbeitet.
Auch das Miteinander ist recht locker. Mit den Kollegen und auch Leads/Manager. Da wird auch mal ein bissel gescherzt und herzhaft gelacht. Und das finde ich super.
Natürlich gibt es auch mal eine Situation, wo man eine Entscheidung (Arbeitseinteilung) nicht versteht. Aber das ist in anderen Firmen nicht anders.
AMAZON ist keineswegs unmenschlich. Im Gegenteil. ..es wird viel Rücksicht genommen. Gerade auf Mitarbeiter mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Allen ein schönes Fest!!!!

  • Antwort von Wolf, Freitag, 04.Dezember, 17:38 Uhr

    Sie stehen bei Amazone auf der Gehaltsliste, soviel ist klar, die Frage ist nur wo...wohl eher im Bereich Marketing???

  • Antwort von Silvia, Samstag, 05.Dezember, 12:03 Uhr

    Nein....ich bin ein normaler Mitarbeiter, der überall einsetzbar ist. Und auch gerufen wird, wenn man gebraucht wird. Und das ist ein tolles Gefühl.

Klauz Zabel, Freitag, 04.Dezember, 08:22 Uhr

5. Danke an den br

Vielen Dank für diesen erlichen und neutralen Beitrag. Ich arbeite dort und ich bin sehr froh darüber. Amazon hat mir mit über 50 noch eine Chanse mit Aufstiegsmöglichkeiten gegeben. Verdi unterstützt hier die Leistungsverweigerer und nimmt alle die da gerne arbeiten in Sippenhaft. Das ist die überwältigende Mehrheit. Sie erleidet durch die falschen Anschuldigungen massive nachteile in ihrem Sozialen Status dadurch, dass man sich bei jeder Gelegenheit für seine Arbeit rechtfertigen muss.

Schüllner, Freitag, 04.Dezember, 05:58 Uhr

4. Endlich!

Endlich mal ein Bericht, das nicht durch Copy and Paste der Informationen von Ver.di entstanden ist!
Ich kann aus direkter Erfahrung sagen, dass meine Partnerin (seit 4 Jahren bei Amazon in Graben) sehr gut verdient und dort sehr glücklich ist :-) Doch das Geld alleine macht einen Arbeitsplatz nicht attraktiv...Auch das Kollegenumfeld und die Vorgesetzten tragen einen Gutteil dazu bei... Und da können sich viele deutsche Firmen mal nen saftiges Stück davon abschneiden! Wo, in der Augsburger Region, bekommt ein AN (über 50, ohne Schul/Berufsabschluss) überhaupt eine Chance auf einen Arbeitsplatz? Die Kritiker und deren "Mitläufer" also die Ver.di Akteure betreiben einen Wettbewerb, bei dem es augenscheinlich darum geht, für möglichst wenig Leistung möglichst viel aufs Konto zu bekommen... und das auch noch vertraglich abgesichert?? Ver.di betreibt eine Spaltung der Belegschaft vom allerfeinsten... und da ist dem Hr. Gürlebeck (Regionalleiter Augsburg) wohl einiges an Mitteln Recht...