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Ja zum Feuerwerk Laut, sinnlos - aber zu schön, um es zu lassen!

"Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst!" Der Philiosoph Theodor Adorno hat's gesagt. Schon allein deswegen muss es stimmen! Obwohl es Adorno für so eine Analyse eigentlich gar nicht braucht. Ein Plädoyer für den Böller - und gegen die Argumente seiner vielen Feinde.

Von: Ulrike Schweizer

Stand: 30.12.2015

In Versailles fing es an.
In Frankreich - am Hof Ludwigs XV.
Mitte des 18. Jahrhunderts: die Geschichte des Feuerwerks in Europa.

Die Geschwister Ruggieri aus Italien - allesamt Pyrotechniker - kamen an den französischen Königshof und bescherten König und Adel ein bis dato unbekanntes, beeindruckendes Spektakel: Das erste Feuerwerk auf europäischem Boden. Ganz in grün!

Seitdem feiert jedes Dorf mit Glitzern und Knallern - zum Beispiel den Jahreswechsel. Mittlerweile nicht mehr nur in grün!

Woher bloß kommt der Böller-Hass?

Doch die Erfolgsgeschichte des Feuerwerks - sie bricht gerade in sich zusammen: Egal, welche Zeitung man in diesen Tagen aufschlägt, egal welche Nachrichtensendung gerade im TV läuft: Presse, Politiker, Gewerkschafter, Natur- und Umweltschützer - gefühlt alle wettern gegen die bunte Knallerei.

Beliebte Kurzsätze von Böller-Gegnern - eine Auswahl

Böllern ist sinnlos. Böllern ist laut. Böllern ist teuer. Böllern ist gefährlich. Böllern erschreckt die Tiere. Böllern verwirrt die Arbeitnehmer im Schichtdienst. Böllern ist umweltschädlich.

Die Gewissensfrage: Muss das denn wirklich sein?

Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele forderte vor kurzem sogar ein Verbot von Silvester-Böllern: Weil der Terror von Paris immer noch in vielen Köpfen sei und die Knallerei die Menschen zu sehr erschrecke.

"Die Leute wissen ja nicht, was das ist, was so fürchterlich bumst."

Hans-Christian Ströbele

Auch Hubert Weiger vom Bund Naturschutz mag kein Feuerwerk:

"Bei allem Verständnis über die Freude auf das neue Jahr, das Geld sollte nicht sinnlos in Böller investiert werden."

Hubert Waiger, BN-Landesvorsitzender

"Muss das denn sein?!"

Da steht man in der Menge - beim Jahreswechsel - und 'wumms' - explodieren links und rechts die Böller und Raketen! Die Feuerwerksverweigerer werden deshalb sicherlich allesamt zu Hause bleiben - an Silvester. Und wenn sie denn überhaupt aus dem Fenster schauen, werden sie die Lichtergarben und Feuerblumen belächeln und sie als Prekariats-Spektakel geißeln. Oder schauen sie in Wahrheit doch dankbar hin, wenn andere ihr Geld verbrennen?

Trotz Gewissenfrage: Und wir tun es doch!

Trotz dieser gefühlten Übermacht der Böller-Verweigerer: Jeder dritte Deutsche will dieses Jahr Raketen "abfeuern" - über die Hälfte der Deutschen findet das Böllern gut. 130 Millionen Euro wurden 2014 für Raketen ausgegeben. 2015 wird es wohl noch mehr Geld sein. Das ergab eine aktuelle Umfrage. Böllern mag sinnlos sein. Genauso wie schöne, schnelle Autos, Rauchen, Alkohol und das zwanzigste Paar Schuhe.

Nie waren Raketen und Böller übrigens sicherer als heute. Dafür sorgt auch die Bundesanstalt für Materialforschung - eine Art TÜV für Feuerwerkskörper. Die rät: Kaufen Sie CE-geprüftes Feuerwerk und halten Sie sich an die Anleitung. Böllern in der Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Altersheimen, Reet- und Fachwerkhäusern ist zudem seit 2008 verboten.

"Leben und leben lassen"

Wer sein teures Geld also gerne in Feuer und Rauch investiert, dem soll es vergönnt sein. Diese Menschen erfreuen sich eben gerne an dem kurzen, bunten, krachenden Wumms - das für den Moment betrachtet - doch wunderschön ist! Der Jahreswechsel-Moment, der jedem, auch wenn er es nicht zugeben mag, im Grund etwas bedeutet. Ein kurzer Moment der scheinbaren Gewissheit, dass ab morgen doch vielleicht sicherlich eventuell alles anders wird. Garniert mit einer neonpinken Silvesterrakete!

Feuerwerk ist und bleibt Tradition

Wenn am 31. Dezember um 00.00 Uhr wieder ein Jahr zu Ende geht, wird das im westlichen Kulturraum traditionsgemäß gefeiert. Seit über 2.000 Jahren. Gerne und laut! Von Amsterdam bis Zürich. Das war schon so, als es noch gar keine Böller gab. Da wurde eben anders Krawall gemacht: mit Glocken und Schellen, mit Dreschflegeln und Geschrei. Im Alpenbereich ist die Silvesternacht eine Rauhnacht. Böse Geister sollen durch den Lärm vertrieben werden; das neue Jahr soll schließlich gut beginnen. Den Ruggieri-Brüdern sei Dank geschieht das in modernerer Zeit mit bunten, lauten Feuerblumen.

Keine weiteren Verbote und Gewissensfragen

Und das soll gerne so bleiben. Warum mit dieser Tradition brechen? Wegen der Feinstaubbelastung? Wegen der vielen Verletzungen? Wegen der vielen Millionen die einfach so ... verpulvert werden? Wenn wir dieses Fass aufmachen, dann sollten wir ab sofort alles hinterfragen, was uns tagtäglich begleitet. Brauche ich tatsächlich dieses neue Paar Schuhe - oder sollte ich das Geld besser spenden? Lasse ich das Auto heute stehen? Dann stellen wir uns unserer Scheinheiligkeit. Auch ein schöner Neujahrsvorsatz!


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Felix, Samstag, 02.Januar, 00:58 Uhr

17. Kommentar Nr 3

So, um meinen Blutdruck wieder auf ein normalen Level zu bringen, beende ich meinen Kommentar an dieser Stelle.

Vielleicht mag der ein oder andere ja seine Aussagen/Meinung nochmal überdenken.
Wie gesagt, danke BR für den gut gemachten, realistisch betrachteten Artikel.

Ein gesundes und frohes Jahr 2016
Felix

Felix, Samstag, 02.Januar, 00:57 Uhr

16. Kommentar Nr 2

laut 1. Sprengstoffverordnung §23 Abs. 2 ("...Am 31. Dezember und 1. Januar dürfen sie [Pyrotechnische Gegenstände der Kategorie 2] auch von Personen abgebrannt werden, die das 18. Lebensjahr vollendet haben.") zwei Tage im Jahr (für die Meisten ja nur ein paar Stunden, da sie entweder von der Kommune beschränkt werden oder eben nur um den eigentlichen Jahreswechsel zu feiern) den Spaß gönnen und sich einfach am ordnungsgemäßen (!) Umgang mit Feuerwerk zu erfreuen. Für unsachgemäßen Umgang habe ich kein Verständnis und auch illegale Feuerwerkskörper sollten sich besser nicht in den Händen ihrer oft unerfahrenen Verwender befinden! Ganz ehrlich... Wer von Ihnen "Feuerwerksgegnern" stellt sich am Abend des 31.12. nicht auf die Straße oder ans Fenster und betrachtet mit seinem Glas Sekt das wunderbare Schauspiel am Himmel?
Meistens stehen doch die Leute, die am lautesten über Feuerwerk herziehen in vorderster Reihe und geben "aah, ooh" - Laute von sich. (Weiter im nächsten Kommentar)

  • Antwort von Steffen Jonda, Montag, 04.Januar, 13:46 Uhr

    Mal ein paar Fakten.
    Der Abbrand von Feuerwerk der Kategorie F2 (Silvesterfeuerwerk) ist vom 2.1 bis 30.12. VERBOTEN. In den zwei Tagen darf Feuerwerk abgebrannt werden.
    Einschränkungen greifen NUR für Feuerkwerskörper mit REINER Knallwirkung.
    Wer also am 01.01. vor 22:00 Uhr (Nachtruhe) noch ein schönes Feuerwerk abbrennen möchte soll und darf das legal tun.
    Die "Ruhezeit" ist NUR für den 31.12. aufgehoben (da gibt es sie nicht, sonst könnte kein Feuerwerk um 00:00 Uhr am 1.1. abgebrannt werden).
    Kurz gesagt, wer sich Vulkane und römische Lichter in den legalen Verkaufszeiten holt, am 31.12. um 00:01 Uhr hochschiesst handelt legal. Wer am 01.01. um 23:59 Uhr den letzten (geräuschlosen) Vulkan zündet, ebenfalls. Die "18:00 - 01:00 Uhr"-Einschränkungen gelten NUR für Artikel mit reiner Knallwirkung (also Flashbang-Batterie, Vogelschreckbatterie, Frösche, Chinaböller, neuerdings ein Doppelschlag-Böller). Alles andere ist erlaubt, vom 08:00 Uhr 31. bis 22:00 Uhr 01.01.

Felix, Samstag, 02.Januar, 00:55 Uhr

15. Kommentar Nr. 1

Guten Abend.

So, da nun Silvester wieder vorbei ist, muss man sich ja anders mit Feuerwerk beschäftigen und dann stolpert man beim Lesen einiger Berichte auch mal über einen echt guten wie hier vom BR.
Erstmal im Voraus: ich bin Pro Feuerwerk und jedes Mal stolz auf meine Kreationen am Himmel, die in Verbindung mit der Musik ein wunderbares Bild und eine unvergessliche Erinnerung zurücklassen.
Es mag Menschen geben, die sagen ich puste mein Geld in die Luft, doch denen sei gesagt: es ist ja wohl mein Geld und ich liege niemandem damit auf der Tasche. Des Weiteren wird oft von Belästigung geredet. Oh man. Das sagen dann am Besten noch die Leute, die einem am Bahnhof den Zigarettenqualm ins Gesicht pusten (ist übrigens auch Geldverschwendung) und jeden Tag im Jahr schön laut Musik hören und dort noch Respekt und Akzeptanz fordern. Das ist in Meinen Augen eine noch viel größere Belästigung als ein paar Millionen Menschen, die sich... (weiter im nächsten Kommentar)

Kathi, Freitag, 01.Januar, 00:45 Uhr

14. Wahnsinn!

Was da in der letzten halben Stunde nonstop alles rausgepulvert und verballert wurde! Allein in unserem mickrigen Wohngebiet. Da hats anscheinend keine Armen getroffen!
Dass mich jetzt keiner falsch versteht: Ich möchte hier auch nicht die Meinung vertreten, dass man mit Rücksicht auf die überall stattfindenden Kriege das Ballern verbieten sollte. Ich fand das schon in friedlicheren Zeiten blöd und unnötig. Ich glaube auch nicht, dass man durch einen Feuerwerksverzicht die Welt finanziell retten kann.
Interessant fand ich heute nur, wer am meisten verpulvert hat: Die, die sich immer beschweren, dass ein neues Heft und ein voller Klebestift für die Schule so irrsinnig viel kosten und dass doch der Staat da mal was für die "Lernmittelfreiheit" tun müsse und die, die jeden Tag mehrfach durchrechnen, was ihnen an Geld durch die Asylanten entgeht.
War wohl eine kleine Trotzreaktion...

Guten Rutsch!

Konni, Donnerstag, 31.Dezember, 10:22 Uhr

13. wieder Ruhe

Ich freue mich schon so richtig auf heute Abend. Da muss es nämlich in unserer Nachbarschaft totenstill sein. Schließlich verballern unsere Nachbarn seit Dienstag vormittag, als jeder namhafte Supermarkt und Discounter der Umgebung das Zeug günstig rausgegeben hat, ihre Kracher. Den ganzen Tag lang. Immer wieder. Mitten im dichtesten Nebel. Bis nachts um eins. Vorgestern, gestern und heute früh. Es kann jetzt schon kein einziger böser Geist mehr in unserer Straße sein. Schließlich sind ja Deppen nicht unbedingt böse Geister.
In diesem Sinne: Einen guten Rutsch - und Dank an die Winterdienste!