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München-Haidhausen Die Revolteure mit dem Savoir-vivre

Nein. Und partout nicht. Das hört man hier in Haidhausen häufig. Keine Stammstrecke! Gegen Olympia! Nix dritte Startbahn! Mon dieu, sperren sich diese Revoluzzer im und um das Franzosenviertel herum denn gegen jeden Wandel?

Von: Veronika Beer

Stand: 01.04.2014

Der Münchner Stadtteil Haidhausen | Bild: picture-alliance/dpa

An schwülen Sommertagen flattert die Sonne über das Trottoir zur Bar Fortuna, wo sich zwischen Studenten und jungen Familien, bei Café au lait und Kardamomkuchen das Haidhauser Savoir-vivre entfaltet. Das Licht wird bald hinter den Mietshäusern abtauchen, die vom Krieg verschont geblieben sind. Türkische Obstläden gesellen sich in den sternförmig zusammenlaufenden Straßen des gründerzeitlichen Franzosenviertels rund um den Pariser Platz zu Ökobabymode und einem bayerischen Japaner. Nachts pulsiert hier das Leben: Auf 160 Einwohner kommt eine Kneipe.

Weiter nördlich am ehemaligen Kloster lockt Gitarrenmusik in die Hinterhöfe, die früher den Gärtnereien dienten. "Obacht!", heißt es: "Kultur im Quartier". Inmitten der dörflichen Herbergshäusl verteilen die Hiesigen schon wieder selbstgemachten Kuchen und Kaffee aus bunten Thermoskannen. Doch der friedliche Schein trügt.

Blutige Schlachten bayerischer Krieger

Sedanstraße, Metzstraße, Balanstraße, Lothringer Straße - alle benannt nach Orten blutiger Schlachten im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, um die bayerischen Soldaten zu ehren. Waffengeschäfte gibt es noch immer. Auch Rottweiler. Und wenn's sein muss, verteilen die Haidhauser mit großem Amusement ihre Denkzettel: Nirgendwo sonst in München haben so viele Menschen die Olympiabewerbung abgelehnt und auch einen Flughafenausbau oder jahrelange Baustellen für eine zweite S-Bahn-Stammstrecke abgeschmettert. "Aufstand wagen", prangt in blutroter Schrift auf den Fassaden. Oder "Unzufrieden? Dann revoltier" mit drei Ausrufezeichen.

Die Haidhauser wehren sich dagegen, dass noch mehr wichtige Sachen hopps gehen. Zu viel ist schon passiert hier oben auf der Isarhochterrasse. Nichts mehr zu sehen von Brauereien, in denen die Tagelöhner Arbeit fanden. Oder von Kramerläden. Was geblieben ist, wird umso mehr in Ehren gehalten. Die gotische Gasteigkirche St. Nicolai etwa oder das Müllersche Volksbad, eines der wenigen Jugendstil-Bäder in Deutschland aus der Zeit um 1900. Ein wunderbarer Ort, um zu entspannen und von einer Revolution zu träumen.

Weg mit dem Dreck

Johann Baier wohnt seit 1966 am Johannisplatz. Der Vorsitzende der "Freunde Haidhausens" erinnert sich noch gut daran, wie sich das Quartier der Arbeiter und einfachen Leute in den Folgejahren schleichend veränderte. Handwerker rückten an, um im Glasscherbenviertel die Altbauten zu sanieren. Spätklassizismus, Neurenaissance, Neubarock. Der Zweite Weltkrieg hat immerhin 60 Prozent von ihnen übrig gelassen - so viel wie in keinem anderem Münchner Stadtteil.

Die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS) machte sich in den 70er-Jahren daran, das Viertel rundum herauszuputzen. Die Bausubstanz verbesserte sich; bröckelnde Fassaden und finstere Hinterhöfe verschwanden. Mit dem Gasteig und den Patentämtern zogen wenig später auch Menschen mit besserem Einkommen zu. Banken und Reisebüros ersetzten Milchläden, Bäckereien, Fahrradgeschäfte. Doch von Luxussanierung zunächst noch keine Spur. Ein Wandel zum Guten. Die so charakteristische Mischung aus niedrigen Herbergshäuschen und mehrgeschossigen Mietshäusern von 1900 blieb bestehen und ein Leben darin erschwinglich.

Wenn Johann Baier heute bei einer seiner Stadtteilführungen von Haidhausen erzählt, muss er anmerken, dass sich die Bevölkerungsstruktur massiv geändert hat. "Wenn die Älteren wegsterben, können sich deren Kinder die Wohnungen nicht mehr leisten - so gern sie das wollten. Sie müssen an den Stadtrand." Ein trauriger Trend. Die Erben können oder wollen die laufenden Kosten nicht stemmen, verkaufen an Investoren, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Die Folgen sind allgegenwärtig: Baustellen, Kernsanierungen, Mietexplosionen.

Zum Glück verflüchtigten sich die Pläne einer Tiefgarage unten dem Johannisplatz; die haushohen Ahornbäume durften bleiben. Doch gleich gegenüber droht erneut Gefahr: Für einen mehrstöckigen Bau der Volkshochschule soll ein Häuschen an der schmalen Schloßstraße weichen. Aus Alt mach' Neu.

"Hier haben die Leute für eine Großstadt noch enorm viel Kontakt zueinander. Nachbarschaftshilfe und Hinterhoffeste schaffen ein besonderes Flair, das man sonst nur vom Dorf kennt."

Johann Baier, Vorsitzender des Vereins Freunde Haidhausens

Heimatliebe am Wiener Platz

Dennoch ist es das Viertel geblieben, an dem sein Herz hängt. Das spürt er, wenn er vor der alten Haidhauser Kirche steht, im alten Dorfkern, wo früher vier Bauernhöfe um den einstigen Dorfanger bewirtschaftet wurden. Oder am Weißenburger Platz mit seinem Springbrunnen im Blumenrondell.

Ergriffen war Baier, als sich heuer die Haidhauser auf dem Wiener Platz drängten, um wie alle fünf Jahre beim Maibaumaufrichten zuzuschauen. An die 200 Leute hatten für den schmucken Stamm gespendet, die meisten 50 Euro oder mehr. Und Johann Baier hüpfte das Herz, als er dem Bezirksausschuss und der Stadt mitteilen konnte, dass die versprochenen Zuschüsse nicht gebraucht würden: "Das schaffen wir allein."

"Die Haidhauser hängen sehr an ihrem Viertel. Sie sind selbstbewusst, sehr zugänglich, kommunikativ und überwältigend generös."

Johann Baier

Ein gutes Miteinander und "ein Schuss" Revolution passen gut zusammen. Auch Baier vertritt den Standpunkt: "Wenn Menschenen unwürdig behandelt werden, muss gehandelt werden." Das sieht unter anderem die starke grüne Fraktion im Bezirksausschuss Au-Haidhausen so. Und die Bürger, die nicht müde werden, zum Wohle aller gegen Ungerechtigkeit und Unsinn zu kämpfen. "Wenn etwa der Rusch nicht gewesen wäre - wir hätten unsere Herbergshäusl verloren", sagt Baier zum Abschied.

Heiße Kämpfe, fremde Nachbarn

Dieser Max Rusch ist gerade dabei, an seinem niedrigen Haus an der Walserstraße den Briefkasten zu leeren. In den 1980er-Jahren hatte er im Bezirksausschuss gepoltert: Die Herbergshäusl bleiben! Dass es eine Schande wäre, wenn man wie geplant das Areal zwischen dem 200 Jahre alten Üblackerhaus zur Wolfgangstraße hin und all den Hinterhof-Häusln dahinter platt machen würde. Die Gebäude alle waren allesamt in einem miserablen Zustand; teils standen nur mehr Fragmente. "Trotzdem nichts zum Wegbaggern", warnt Rusch und erinnert sich: "Im Ausschuss haben wir ganz schön heiß gekämpft. Es hat sich rentiert."

Er selbst ist im Haus seiner Eltern und Großeltern geboren. 1929 war das, als gegenüber der alte Schustermeister mit seinen fünf Kindern wohnte und Geigenmusik durch die offenen Fenster drang. Heute kennt Rusch nur noch wenige Nachbarn. Die Alteingesessenen sind rar geworden. Stattdessen beobachtet er inzwischen jeden Samstag Umzugsaktionen. Lauter nette Leute, die herziehen, aber: "Man wird sich halt fremder."

Ein Häppchen für die Haie

Vis-à-vis ist Baustelle. Eine Erbgemeinschaft hatte vor einigen Jahren "an die Haie" verkauft, sagt der 85-Jährige und meint die Investoren. Als drüben Bagger den Dachstuhl niederrissen und "wunderschöne alte Holzbalken" in die Müllcontainer flogen, schepperten bei den Ruschs die Tassen in den Küchenschränken und prophezeiten das Schlimmste. Doch der Neubau ist nicht höher geworden und auch nicht hässlich. Oder, wie Rusch sagt: "Da war kein verrückter Architekt am Werk." Zum Abriss gab es auch aus seiner Sicht keine Alternative. "Wenn man in Häuser 50 Jahre nichts hineinrichtet, werden sie eben krank wie ein alter Mensch." Und auch, wenn die Wohnungen größer und teurer geworden sind - es bleiben Mietswohnungen, immerhin. Ein Wandel mit gesundem Menschenverstand. Damit gehen hier alle d'accord.

"Wer das Glück sucht, muss die nördliche Wörthstraße bei Abendsonne entlangspazieren. Spazieren, nicht radeln, kein Auto. Sonst sieht man nichts von all der Schönheit."

Max Rusch, gebürtiger Haidhauser

Um sein eigenes Häusl hat Rusch keine Angst. Die Tochter wird es übernehmen. Sie hat ihr handwerkliches Talent vom Vater. Und kämpfen kann sie auch.


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