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"Akademiker" im Bundestag Manchmal nur die halbe Wahrheit

Abitur? Frei erfunden. Jura-Studium? Nur auf dem Papier! Die SPD-Abgeordnete Petra Hinz ist mit ihrem gefälschten Lebenslauf aufgeflogen. Aber auch andere schönen ihre Vita. Offenbar gilt es in der Politik als Makel, ohne Studium oder Berufsabschluss dazustehen.

Von: Moritz Pompl, Sandra Demmelhuber

Stand: 10.08.2016

Reichstag in Berlin | Bild: picture-alliance/dpa

Im Bundestag sitzen 631 Abgeordnete. Wer sich auf der Homepage umsieht, kann unter dem Reiter „Studienfächer“ nachlesen, wer was studiert hat. In der Summe kommt man dort auf 719 Studienfächer. Es gibt also Abgeordnete, die sich mit zwei oder mehr Fächern schmücken. So wie beispielsweise Frank Schwabe von der SPD. In seiner Biografie steht: „Studium der Volkswirtschaftslehre in Osnabrück und der Landespflege, Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Essen.“

Hört sich alles ganz gut an, es gibt aber einen kleinen Schönheitsfehler: Schwabe hat nämlich in keinem der vielen Fächer einen Abschluss gemacht - was die Homepage des Bundestags allerdings nicht erwähnt. Nachlesen kann man das aber auf Wikipedia – auch wenn der entsprechende Abschnitt „ohne Abschluss“ immer mal wieder auf mysteriöse Weise verschwindet...

Schummeln für die Karrierre

Nach einer Recherche der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gab Schwabe schließlich zu, dass sich sein Büro darum "kümmerte". Im Vergleich zu Petra Hinz keine Fälschung - aber eine Schönung allemal. Die Liste lässt sich übrigens fortsetzen. Schauen wir einmal auf Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Grünen-Fraktion: Erweiterte Oberschule, Abitur. Theologiestudium.“ Studienabschluss? Nein.

Weiter geht es mit Annette Widmann-Mauz, CDU: „Studium der Politik- und Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.“ Studienabschluss? Ebenfalls nein.

Einige Politiker haben offenbar das Gefühl, dass sie ohne Studienabschluss nichts zählen. Dabei gibt es viele Politiker, die es weit gebracht haben, obwohl sie ihr Studium abgebrochen oder „nur“ eine Ausbildung gemacht haben. Claudia Roth von den Grünen zum Beispiel.

"Ich hab nach dem zweiten Semester das Studium der Theaterwissenschaft abgebrochen, weil ich ein Angebot bekommen habe als Dramaturgie-Assistentin."

Claudia Roth

Mit Taxischein in den Bundestag

Gut, bei den Grünen, könnte man sagen, da gehört ein schräger Lebenslauf zum guten Ton. Man erinnere sich an Joschka Fischer, der nur einen Taxischein in der Tasche hatte.

Aber auch in den anderen Parteien gibt es genügend Beispiele für eine erfolgreiche Politikerkarrierre ohne Studium: Klaus Brähmig von der CDU ist Elektrohandwerksmeister und der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering hat die Volksschule besucht und dann eine Lehre zum Industriekaufmann gemacht. Daraus machte er auch kein Geheimnis: "Da muss man gar nicht Mathematiker sein, da reicht halt Volksschule Sauerland, um zu wissen: kann nicht hinhauen."

"A gscheiter Beruf"

Fest steht aber auch: Es werden immer weniger Nicht-Studierte im Bundestag. Vor 50 Jahren waren es noch 20 klassische Arbeiter. Heute sind nur noch zwei dabei: ein Bergmann und eine Schlosserin, Eva Bulling-Schröter von der Linken.

"Es gibt sogar Leute, die sagen, ha, die hat wenigstens an gescheiten Beruf."

Eva Bulling-Schröter

"An gscheiten Beruf", den haben natürlich auch die vielen Juristen, die im Bundestag sitzen. Aber sie werden immer zahlreicher: Allein 117 der Abgeordneten haben Jura studiert, steht zumindest in ihren Lebensläufen. Mit dem Durchschnitt in der Bevölkerung hat der Bundestag also weniger denn je zu tun, obwohl in ihm die „Vertreter des Volkes“ versammelt sein sollten.

Sabine Leidig von der Linken würde sich mehr Elektriker, Maurer oder Krankenschwestern wünschen: "Weil damit natürlich auch Erfahrungen aus den unterschiedlichen Bereichen in den Bundestag eingebracht werden. Also wer im Krankenhaus gearbeitet hat, der kann eben sehr authentisch und nachvollziehbar über diese Verhältnisse reden.“

Mit Jürgen Coße, der bald für seine Parteikollegin Hinz oder für Peer Steinbrück in den Bundestag nachrücken wird, kommt jetzt ein bisschen Nachschub. Coße ist Bürokaufmann und schreibt auf seiner Homepage: 

"Von meinem Vater, einem ehemaligen Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall, und meiner Mutter habe ich auch gelernt, was es heißt, sich als Nicht-Akademiker in der Politik zu behaupten."

Jürgen Coße

Bildergalerie: Wenn Politiker Arbeiter werden


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