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Traumatisierte Flüchtlinge Getrennte Abschiebung von Familien in der Kritik

Familien, deren Asylantrag abgelehnt wird, können abgeschoben werden – in Einzelfällen sogar getrennt. Sozialverbände und Flüchtlingshilfsorganisationen kritisieren, die Abschiebungen seien oft rechtswidrig oder missachteten elementare Menschenrechte. Eine Folge: traumatisierte Kinder. Ein Beispiel aus der bayerischen Abschiebepraxis.

Von: Lisa Weiß und Judith Dauwalter

Stand: 19.05.2017

Symbolbild: Kritik an Abschiebungen auf einer Demonstration in München | Bild: picture-alliance/dpa

Ende März in der Flüchtlingsunterkunft im oberbayerischen Manching: Die Regierung von Oberbayern versucht das erste Mal, Familie B. nach Albanien abzuschieben. Die Mutter bricht am Flughafen zusammen – der Abschiebeversuch wird abgebrochen, die Frau wird in der geschlossenen Psychiatrie behandelt.

Arzt verbietet Abschiebung

Drei Wochen später: Wieder steht die Polizei bei der Familie vor der Tür, nimmt den Vater und die drei Kinder mit – die Mutter ist immer noch in der Psychiatrie. Dieser Abschiebeversuch endet am Frankfurter Flughafen. Denn der dortige Arzt verbietet die Abschiebung. Er berücksichtigt ein Attest der zweijährigen Tochter: Sie hat ein schweres Trauma durch den ersten Abschiebeversuch, weigert sich zu essen und verletzt sich selbst. Gabriele Störkle von der Caritas Pfaffenhofen hat das Schicksal der Familie miterlebt.

"Nach dem Abschiebeversuch kam auch der Vater. Er hat sich auch in der Beratung unterstützen lassen und Rat geholt. Es ging ihm sehr, sehr schlecht. Auch die Kinder sind stark mitgenommen"

Gabriele Störkle von der Caritas Pfaffenhofen

Traumatisierte Kinder

Ein weinendes Flüchtlingskind

Abschiebungen oder Abschiebeversuche treffen besonders die Kinder, sagt der Rosenheimer Kinderarzt Thomas Nowotny. Er setzt sich schon seit Längerem für Flüchtlingsrechte ein. Denn die Kinder können noch weniger verstehen, was da gerade mit ihnen und um sie herum passiert.

"Nach der neuen Gesetzeslage werden diese Abschiebungen nicht mehr angekündigt. Das hat eine besondere Verunsicherung. Man fühlt sich in den eigenen Räumen nicht mehr sicher. Das kann wirklich Dauerschäden verursachen, dass die Kinder nicht mehr genug essen, dass die Kinder völlig verstört sind und in ihrer Entwicklung dann auch dauerhaft behindert."

Der Rosenheimer Kinderarzt Thomas Nowotny

Verstöße gegen Menschen- und Kinderrechte

Der Fall der Familie B. entsetzt Nowotny besonders. Dass die Familie getrennt worden ist, die Eltern bei der Festnahme gefesselt wurden und Polizei und Ausländerbehörde das Trauma der Zweijährigen erst einmal missachtet haben – darin sieht Nowotny Verstöße gegen das Grundgesetz, gegen Menschen- und Kinderrechte. Er hat deshalb eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Verantwortlichen bei der Regierung von Oberbayern eingereicht.

Stellungnahme der Regierung steht noch aus

Der Bayerische Rundfunk hat mehrmals um eine Stellungnahme zu diesem konkreten Fall gebeten – eine umfassende Antwort der Regierung gab es bisher nicht, wegen personeller Engpässe im zuständigen Fachbereich. Eine allgemeine Auskunft zum Thema Familientrennung gibt das Bayerische Innenministerium:

"Grundsätzlich sind die Ausländerbehörden gehalten, Ausreisepflichtige nicht getrennt von anderen Familienmitgliedern abzuschieben. In begründeten Einzelfällen, insbesondere bei vorsätzlicher Mitwirkungsverweigerung und aktiven Widerstands- und Verweigerungshandlungen der rückzuführenden Personen, kann eine getrennte Abschiebung durch die Ausländerbehörde unter Berücksichtigung der Belange minderjähriger Kinder und Jugendlicher veranlasst werden."

Das Bayerische Innenministerium

Bislang keine getrennten Abschiebungen

In Einzelfällen können also Familien bei Abschiebungen getrennt werden. Wie häufig Erwachsene oder Kinder  durch eine versuchte Abschiebung traumatisiert werden – dazu haben die zuständigen bayerischen Ministerien keine Zahlen.

Der Rosenheimer Arzt Thomas Nowotny sagt aber: Immer wieder kommen Kinder in seine Praxis, die traumatisiert sind – wegen eines Abschiebeversuches. Und auch die Caritasmitarbeiterin Störkle erlebt in der Beratung viele Flüchtlingsfamilien mit ähnlichen Erfahrungen.

"Es war letztes Jahr um die Zeit noch gängige Praxis, Menschen, die in ambulanter Psychotherapie waren, so lange auch nicht abzuschieben. Das war dann ab Sommer 2016 vorbei. Da wurde auf ambulante Behandlung keine Rücksicht mehr genommen. Und so kann man das vielleicht auch in der Fortsetzung sehen: Es gab keine getrennten Abschiebungen – das hat sich jetzt erst im Laufe des letzten Viertel- oder halben Jahres  so entwickelt."

Gabriele Störkle von der Caritas Pfaffenhofen

Hoffen und Hilfe

Die albanische Familie, die aus Manching abgeschoben werden sollte, hofft, vorerst bleiben zu dürfen. Die Mutter ist momentan in der geschlossenen Psychiatrie, der Vater und die jüngste Tochter sind in der Kinderpsychiatrie. Und die anderen Geschwister leben derzeit in einer Einrichtung der Jugendhilfe.


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Schorsch K., Sonntag, 21.Mai, 15:13 Uhr

17. Flüchtlinge durch "Bomben"-Geschäfte

Die neue Abschiebepraxis des bayerischen Innenministers und seiner Beamten bei Justiz und Polizei ist unakzeptabel. Die AfD im Nacken, fühlen sie sich getrieben, mit allen Mitteln den Bürgern eine besonders konsequente Abschiebepraxis demonstrieren zu müssen.
Andererseits sind es gerade die konservativen Parteien, die mit Genehmigungen für Rüstungsexporte, auch in Kriesengebiete, oder mit Genehmigungen von Exporten ganzer Waffenfabriken (z.B.beabsichtigte Lieferung einer Panzerfabrik durch Rheinmetall in die Türkei) in erheblichen Maße dazu beitragen, dass die Gründe für Menschen, ihre Heimat fluchtartig zu verlassen, nicht enden, sondern in naher Zukunft noch zunehmen werden.
Meine Hochachtung gilt dem Rosenheimer Kinderarzt für sein couragiertes Handeln - es freut mich sehr, dass Menschen in unserem Landkreis wohnen, die nicht wegschauen, wenn Mitbürger, z.B. abgelehnte Asylbewerber, drangsaliert werden.

  • Antwort von Zwiesel, Sonntag, 21.Mai, 16:30 Uhr

    @Schorsch K.:
    Sehr guter Kommentar.

thorie, Samstag, 20.Mai, 19:01 Uhr

16. man macht hier ein Fass auf

für traumatisierte Kinder und Jugendliche aufgrund einer Abschiebung!

Warum angeblich "hilfsbedürftige" ihre Kinder und Jugendlichen "unbegleitet" vorschicken??? ... dass die dadurch traumatisiert werden, interessiert keinen.

  • Antwort von R.B., Sonntag, 21.Mai, 13:11 Uhr

    Waren Sie wenigstens einmal in einer Aufnahmeeinrichtung und haben sich dort die Kindern und Frauen aus Kriegsgebieten angesehen. Dass, mein werter Hr.@ thorie, reicht aus um festzustellen, dass diese Menschen ganz sicher nicht „angeblich“ und auch nicht wegen des ihnen vorgeschobenen Grundes, traumatisiert sind. Es gibt leider genug Kinder und Frauen, die ihre Eltern im Krieg verloren haben und nun in Deutschland, oder anderen EU-Ländern leben. Die Augen in die ich gesehen habe, hatten genau dieselben Blicke, die ich zuhauf aus den Auslandseinsätzen kenne; „Hohl und Leer“. Weil ich gesehen und erlebt habe, was Krieg bedeutet, ist es für mich Motivation genug, diesen Menschen zu helfen. Und Ihnen zu liebe wiederhole ich gerne den Teil eines anderen von mir geschriebenen Kommentars „Terror-Tätertyp“: „…. schäme ich mich gegenüber den vielen Menschen, die in den letzten Jahrhunderten im „Kampf“ für genau die Grundrechte ihr Leben gelassen haben, in deren Genuss wir heute Leben dürfen.“

Leonia, Samstag, 20.Mai, 07:45 Uhr

15. Unsere ach so christliche Gesinnung (ist aber nur für uns reserviert)

Sie reicht nur so weit, wie sie uns selbst nützt, denn wenn ich mir viele Kommentare hier so durchlese, frage ich mich, wo Menschlichkeit und Nächstenliebe eigentlich geblieben sind. Es ist völlig gleichgültig, ob die Kinder rechtswidrig hierher gebracht wurden und es ist dabei auch unerheblich, ob man hier glaubt, in deren Heimatland sei kein Grund für die Migration gegeben.
Ein kleines Kind ist ein schutzloses Wesen und wer angesichts der beschriebenen Umstände sich nur kaltlächelnd abwendet, braucht nach meinem Dafürhalten keinen Gedanken ans angebliche Christentum mehr verschwenden. Das ist dann nur noch reine Konvention.
Für die beschriebenen Probleme habe ich zugegebenermaßen auch keine Ideallösungen. Aber bevor eine Familie sich mit Kleinkindern auf den Migrationsweg begibt und alles hinter sich lässt, muss der Leidensdruck schon sehr groß sein. Wer hier bei uns seit Jahrzehnten lebt, weiß vielfach nicht mehr, wie sich wahres Elend anfühlt.

  • Antwort von Leo Bronstein, Samstag, 20.Mai, 14:52 Uhr

    Es ist ein perfides Spiel, aus meiner Sicht, wenn Kinder als Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen eingesetzt werden.

    Ein abgelehnter Asylantrag bedeutet nicht automatisch Abschiebung, jede und jeder in >erster Instanz< abgelehnte Asylbewerber hat die Möglichkeit gegen den Bescheid bei dem jeweiligen Verwaltungsgericht Klage einzureichen.
    Und selbst dann wird noch nicht mit Hilfe der Exekutive umgehend abgeschoben.
    Und erst nach abgewiesener Klage, nicht freiwilliger und vollziehbarer Abschiebung der Familien kann es zu den beschriebenen Trennungen kommen.

    Und gerade mit dem Wissen, dass Abschiebungen nicht umgehend mit Hilfe des staatlichen Gewaltmonopols umgesetzt werden halte ich die Einstellung von bestimmten Privatvereinigungen und eines omnipräsenten Arztes als eine menschenverachtetende Methode Kinder als moralisches Druckmittel einzusetzen.

Selim, Freitag, 19.Mai, 17:28 Uhr

14. böser Verdacht

ohmei, manchmal denk ich, dass es Menschen gibt, die halten ihre Kinder wie ein Schild vor sich.

  • Antwort von R.B., Freitag, 19.Mai, 19:29 Uhr

    @Selim, 17:28 Uhr: Ich glaube Sie haben die Thematik nicht so ganz erfasst. Es geht nicht um die Abschiebung an sich. Es geht darum, dass man die Abschiebung selbst dann durchführt wenn es bedeuten würde, dass z.B. Kinder von den Eltern getrennt werden. Also ohne vorher den sog. "gesunden Menschenverstand" einzuschalten. Ich schreibe es für Sie deshalb so deutlich, weil ich es in Köln erlebt habe. Die Kinder wurden in Hessen registriert und die Eltern in NRW. Die Kinder erhielten eine befristete Aufenthaltsgenehmigung und die Eltern wurden abgelehnt und deshalb abgeschoben. Eine getrennte Erfassung der Familie erfolgte deshalb, weil die Aufnahmeeinrichtungen voll waren und man die Menschen ohne nachzudenken in Deutschland verteilt hat. So, und jetzt würde mich ihre Antwort interessieren.

  • Antwort von Selim, Freitag, 19.Mai, 21:47 Uhr

    Ich gebe gerne zu, dass sich mein Kommentar nicht wriklich auf den Artikel bezogen hat.
    Mir sind halt die Bilder in Erinnerung, als Kinder rumgereicht wurden, um schneller in einen Zug zu kommen.
    Und da hört für mich der Spaß auf.
    IDeshalb wundere ich mich eigentlich, dass mein Kommentar angenommen wurde kicher.

    Und auch noch so eine lange Antwort. Kicher.

  • Antwort von Leonia, Samstag, 20.Mai, 07:37 Uhr

    @Selim, wenn ich das jetzt richtig interpretiere, haben Sie hier, wo es um das Schicksal von Menschen, vor allem auch von Kindern geht, nur ganz allgemein Ihren Frust abgelassen? Weil es Ihnen gerade danach war und weil Sie ohnehin damit gerechnet hatten, dass die Social-Media-Manager des BR Ihren Kommentar nicht veröffentlichen? Ist das jetzt üblich im ach so christlichen Abendland, vor allem im Land, das sich gern als besonders christlich bezeichnet, in Bayern oder nennt man das nicht eigentlich trollen?

  • Antwort von Zwiesel, Samstag, 20.Mai, 08:34 Uhr

    @Selim:
    Ihre Antwort auf R.B. machts nicht besser. Auch Ihr Kichern darüber, dass der Kommentar veröffentlicht worden ist, zeigt nur Ihr wirkliches Denken. Schlussfolgernd kann man auch noch feststellen, dass Sie nicht nur das Thema, sondern auch die Kommentarfunktion bewusst missbrauchen. Ich glaube nicht, dass Ihnen nicht bewusst war, dass es z. B. um die Trennung von Familien geht. Auch Ihre Aussage zu den Kindern, die rumgereicht wurden, um schneller zum Zug zu kommen entlarvt Sie in Ihren wirklichen Ansichten. Erwarten Sie, dass sich die Flüchtlinge ordentlich anstellen, ggf auf den nächsten Zug warten, dass sie die Kinder hinter sich lassen, sie verstecken, um Ihre Gefühle nicht auch nur im Kleinsten zu erregen? Erwarten Sie dass die Presse die Bilder retuschiert? Bei Erwachsenen wären diese Bilder für Sie wohl schmerzfrei zu ertragen?

  • Antwort von Selim, Samstag, 20.Mai, 13:53 Uhr

    Amen

  • Antwort von Selim, Samstag, 20.Mai, 14:51 Uhr

    Schon interessant, was dieser - zugegeben etwas am Thema vorbei - Eizeiler von mir
    für Reaktionen erzeugt.
    Zwiesel erkennt gar mein "wirkliches Denken" daraus.
    Erstaunliche Interpretationsfähigkeiten.
    - kicher -

  • Antwort von Zwiesel, Sonntag, 21.Mai, 16:47 Uhr

    @Selim:
    Nein, ich habe nicht Ihr wirkliches Denken erkannt, Sie haben es selbst geschrieben. Oder haben Sie nicht geschrieben was Sie denken?

R.B., Freitag, 19.Mai, 17:10 Uhr

13. Abschiebung

Das Menschen die versuchen im Rahmen des Migrations- oder Asylverfahrens nach Deutschland zu kommen, u.U. aufgrund behördlicher und/oder gerichtlicher Beschlüsse wieder in ihre Länder abgeschoben werden, liegt in der Natur der Verfahren. Es ist schon ein Unding, wenn Menschen in Kriegsgebiete abgeschoben werden. Aber wie muss ein Mensch veranlagt sein, wenn er Familien getrennt abschieben lässt? Das mag zwar rechtlich alles korrekt sein, aber es gibt auch eine moralische Verantwortung und die gilt meiner Meinung nach gerade dann wenn es um das Kindeswohl geht. Dann bleibt die Familie eben hier, bis die ärztliche Behandlung abgeschlossen ist. Dieses Verhalten bestätigt unter anderem auch, den Umgang mit den Kindern in unserer Gesellschaft.