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Bargeld abschaffen? Der gläserne Zahler

Für Regierungen, Noten- und Geschäftsbanken ist Bargeld lästig. Einige Ökonomen fordern deshalb die Abschaffung von Münzen und Banknoten. Doch dies wäre ein massiver Eingriff in das Eigentumsrecht, sagt der Münchner Ökonom Gerald Mann.

Von: Verena Schälter

Stand: 15.06.2015

Euroscheine und -münzen auf einem Tisch | Bild: colourbox.com

Solche heftigen Reaktionen hatte Peter Bofinger nicht erwartet. Es habe "einen regelrechten Shitstorm" gegeben. Was war passiert? Der Wirtschaftsweise hatte vor einigen Wochen die Abschaffung des Bargeldes gefordert - zur Empörung vieler Deutscher. Schließlich zahlt man in der Bundesrepublik am liebsten in bar, wie eine aktuelle Studie der Bundesbank zeigt. Bofinger ist aber nicht der einzige, der für ein Ende des Bargeldes plädiert. Doch was würde das Ende des Bargelds praktisch bedeuten?

BR.de/nachrichten: Herr Mann, Kredit- und EC-Karten, Paypal oder die Digitalwährung Bitcoin sind alles keine Erfindung des letzten halben Jahres – warum kocht die Debatte um die mögliche Abschaffung des Bargeldes gerade jetzt hoch?

Gerald Mann: Ich glaube, dass die Diskussion an Brisanz gewinnt, weil es aktuell nicht darum geht, Alternativen zur Barzahlung zu finden. Vielmehr sind hier Kräfte am Werk, die ganz konkret das Bargeld abschaffen wollen.

Zur Person:

Gerald Mann war Unternehmensanalyst in einer Großbank. Später arbeitete er als Geschäftsführer und Berater im Verlagswesen sowie als freiberuflicher Dozent, unter anderem in der Volksrepublik China. Heute ist er Professor für Volkswirtschaftslehre und Gesamtstudienleiter an der FOM Hochschule in München. Er ist außerdem Autor des Buches "Bargeldverbot".

BR.de/nachrichten: Wer oder was sind diese Kräfte?

Mann: Nun, da wären zum Beispiel US-Ökonomen wie Ken Rogoff, ehemals Chefökonom des Internationalen Währungsfonds oder Larry Summers. Außerdem gibt es auch Finanzinstitutionen, die ihr Geschäftsmodell auf den bargeldlosen Zahlungsverkehr ausgerichtet haben und von einer Abschaffung profitieren würden.

BR.de/nachrichten: Dass die Finanzbranche eine Abschaffung befürwortet, leuchtet ein. Aber welche Argumentation verfolgen Rogoff und Summers?

Mann: Sie sagen, dass es einen "Ersparnisüberhang" gibt, dass also die Leute ihr Geld zu sehr horten, anstatt es auszugeben. Nun verlangen einige Institute bereits Negativzinsen. Das heißt, wer Geld bei der Bank spart, muss bezahlen anstatt Zinsen zu kassieren. Diese Negativzinsen müssten auch bei Lieschen Müller ankommen, denn nur so wird sparen weniger attraktiv und die Wirtschaft kommt in Schwung  – ich nenne das "Konsumverweigerungssteuer". Allerdings kann Lieschen Müller momentan noch ihr Geld einfach abheben und so die Negativzinsen umgehen. Würde das Bargeld abgeschafft, müsste sie zahlen.

So zahlen die Deutschen

BR.de/nachrichten: In diesem Fall wäre es ja auch für Regierungen interessant, das Bargeld abzuschaffen?

Mann: Auf jeden Fall - außerdem ist da ja noch ein anderer Aspekt: Solange es Bargeld gibt, besteht immer eine Möglichkeit eines Bankenruns. Das wäre ein absolutes Misstrauensvotum gegenüber dem Staaten- und Bankensystem.

BR.de/nachrichten: In diesem Fall könnten die Menschen nicht mehr vollständig über ihre eigenen Ersparnisse verfügen?

Mann: Genau, das wäre ein massiver Eingriff in das Eigentumsrecht. Aber wenn, dann erfolgt die Abschaffung sowieso schleichend. Zuerst werden die großen Geldscheine abgeschafft, dann sinkt die Obergrenze der Beträge, die man in bar abheben darf – in einigen europäischen Ländern gibt es solche Regelungen bereits. Schließlich werden Barzahlungen einfach nicht mehr möglich sein und damit wird jede Transaktion nachvollziehbar. Die Arbeit der schon jetzt mächtigen Geheimdienste wird noch leichter und es entsteht der "gläserne Zahler". Ich nenne das "NSA plus".

In diesen EU-Staaten wird das Bargeld immer weniger

Schweden

Schweden gilt als Vorreiter auf dem Weg zur bargeldlosen Gesellschaft. Als im Jahre 2013 in Schweden ein Räuber eine Bank überfiel, musste er unverrichteter Dinge wieder abziehen - in der Filiale war überhaupt kein Bargeld mehr vorhanden. "Bargeld braucht nur noch deine Oma – und der Bankräuber", heißt seither ein Slogan der schwedischen Bargeld-Gegner. Ob im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften oder Museen, immer häufiger wird Bargeld als Zahlungsmittel nicht mehr akzeptiert.

Dänemark

Die Notenbank Dänemarks hat angekündigt, dass sie aufgrund der sinkenden Nachfrage von Ende 2016 an keine neuen Banknoten mehr drucken will. Außerdem soll für Tankstellen, Restaurants und kleine Läden (mit der Ausnahme von Geschäften für Nahrungsmittel) der gesetzliche Annahmezwang für Münzen und Banknoten teilweise aufgehoben werden.

Frankreich

Zwar wird in Frankreich noch überall Bargeld akzeptiert, allerdings gibt es dort nun eine Obergrenze: Ab Sommer darf nur noch bis 1.000 Euro bar bezahlt werden. Außerdem sollen die großen 500er-Scheine verschwinden.

Italien

Auch die Italiener können nicht mehr unbegrenzt bar zahlen: Dort gilt, genau wie in Frankreich, ein Limit von 1.000 Euro.

BR.de/nachrichten: Entstehen dadurch aber nicht auch Gefahren durch Hacker?

Mann: Hier muss man zwei Dinge unterscheiden: Einerseits die großen Cyber-War-Angriffe, wenn also Kriege nicht mehr auf dem Schlachtfeld sondern virtuell geführt werden. Nehmen wir an, ein Land wird angegriffen und die komplette Stromversorgung lahmgelegt. Das allein würde ausreichen, um eine Panik auszulösen. Wenn es in so einer Situation aber kein Bargeld mehr gibt, kommt erst einmal niemand mehr an sein Geld, es sind keine Transaktionen mehr möglich und das Chaos wäre perfekt.

Andererseits glaube ich, dass die Gefahr für einzelne Konten oder Banken nicht größer ist als jetzt. Taschendiebstähle oder Banküberfälle finden dann eben virtuell statt. Gleichzeitig werden die Geldinstitute ihre Sicherheitsvorkehrungen kontinuierlich aufrüsten.

BR.de/nachrichten: Was wären denn die Vorteile einer bargeldlosen Gesellschaft?

Mann: Nun ja, Straftaten wie Steuerhinterziehung, Korruption, Geldwäsche oder Schwarzarbeit wären weitaus schwieriger zu begehen. Aber ob sich die so vollständig auslöschen lassen, ist schwer zu sagen. Auch die Mafia ist ja durchaus erfindungsreich.

BR.de/nachrichten: Welche Alternativen hätten die Menschen, sollte das Bargeld abgeschafft werden?

Die Menschen könnten wirtschaftliche Transaktionen mit Bargeld fremder Länder abwickeln. Edelmetalle könnten Verwendung finden oder Regionalwährungen oder Gutscheinsysteme. Menschen werden erfinderisch, wenn man ihnen das Bargeld nimmt, die geprägte Freiheit, wie es der russische Schriftsteller Dostojewskij formulierte. Aber auch der Staat hat Möglichkeiten, diese Alternativen zu unterbinden oder zu erschweren.

BR.de/nachrichten: Was glauben Sie, wie der Zahlungsverkehr der Zukunft aussieht? Wird das Bargeld abgeschafft?

Mann: Selbst wenn das Bargeld erhalten bleibt, wird der elektronische Zahlungsverkehr immer stärker zunehmen - allein schon deshalb, weil die Kosten für bargeldlose Zahlungen deutlich geringer sind. Das heißt aber nicht, dass es auch für die Verbraucher billiger wird. Es ist davon auszugehen, dass die Banken mit den niedrigeren Kosten ihre Gewinnmargen erhöhen wollen.

BR.de/nachrichten: Vielen Dank für das Gespräch!

  • Verena Schälter | Bild: BR / Henrik Ullmann Verena Schälter

    Seit 2013 als Reporterin und Autorin beim BR - Fernsehen und Multimedia


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Stefan, Montag, 15.Juni, 20:59 Uhr

7. Der beste Witz & Schweden als Vorbild

Bekommen wir dann ale Vorteile von Schweden ?
> Mittagessen an Schulen ist gebührenfrei
> Renteneintrittsalter ab 61 möglich
> Tempolimit 110
Unser Land braucht bitte keine Theoretiker wie Hr. Bofinger
> Bargeldlos ist sicher - das ist der beste Witz (der gesamte Bundestag zeiht gerade digital blank) aber wir sollen ihr Märchen glauben
Es gibt nicht nur Professoren und auch die kommen als Kleinkind zur Welt
>Kinder lernen den Umgang mit Geld nur durch haptisches Geld (Sparschwein)
>alte Menschen benötigen ebenfalls die Haptik also eine Börse und kein Tablet
Die Wahrheit
>wir sollen transparent werden
>wir sollen für das Versagen von Banken und die Pleiten von weiteren Ländern bezahlen ohne Ausweg
DIE LÖSUNG
wenn wir unser Bargeld behalten wollen, dann halten wir doch alle zusammen und verzicht in Zukunft komplett auf den Plastikmüll

Freiheit, Montag, 15.Juni, 18:32 Uhr

6. Aufgabe des Eigentums

Wenn man die Abschaffung des Bargeldes bis zum Ende durchdenkt, ist dies gleichzeig die Aufgabe des Eigentums. Der einzelne Bürger wird entmachtet, wenn die Obrigkeit es will, wird dein Konto gesperrt und du bist völlig vogelfrei.

Abschaffung des Bargeldes darf niemals Realität werden, sonst werdet ihr einfach nur noch Sklaven sein.

  • Antwort von Fryde, Montag, 15.Juni, 19:50 Uhr

    Ich sehe die Chance der Politik darin, uns zu überwachen.
    Was wir kaufen wird gegen uns verwendet, wenn es denen da oben nicht in den Kram passt.

    Zu viele Medikamente bargeldlos bezahlt: Krankenversicherung erhöhen oder gänzlich streichen.
    Zu oft an anderen Orten eingekauft: Arbeitslosenversicherungen streichen, wenn man zu dem Zeitpunkt arbeitslos sei.

    Usw. was weiß ich, was denen alles noch so einfällt. So werden wir gezwungen gesund zu leben, "gefährliche" Sportarten werden überdacht oder gemieden, weil man versichert bleiben möchte. Man wird durch den bargeldlosen Einkauf zum wirklich gläsernen Menschen, für Politik und Hacker....
    Wer weiß, wozu sie unsere Daten alles noch missbrauchen.

    Darin sehe ich eher ein Problem, neben Arbeitsplatzvernichtung. Der Staat ist der größte Arbeitsplatzvernichter....bedenken Sie bitte.

Andreas Prucker, Montag, 15.Juni, 13:53 Uhr

5. Ohne Bargeld

Ohne Bargeld bin ich Nackt aber nicht Frei. Bei der EZB steht geschrieben, dass Sie bestrebt sei, den gesammten Zahlungsverkehr zu überwachen, um Kontrolle darin ausüben zu können, welches dann Sicherheit vor was weiß ich beiten soll. Schön. Darüber machen sich jetzt alle Ihre Gedanken und ich denke an Autoritäre Traditionen. Ist die Zeit reif dafür das ein Glaube an unsere im Geld verbundene Freiheit geopfert weden soll, nur weil es keine anderen Möglichkeiten für Wachstum geben soll. Ne das ist Falsch. Es geht um den Erhalt der Bank Traditionen. Diese Geschäfte sollen so weiterlaufen wie gewohnt und da ist es ein Gutes wir verändern das Leben der Bürger. Wir verändern Ihren Glauben, Ihre Gewohnheiten und Alles an Bewegungen ist elektronisch überwacht und kontrolliert in ein Geschäft eingebunden. Gibt es auch dann die Abschaffung der Menschenrechte? Oder sind diese nur eine fiktive Vorstellung von unserem Glauben und wir hatten noch nie irgendwelche Rechte. Na dann, Gute Nacht.

Freund, Montag, 15.Juni, 13:48 Uhr

4. Bargeld Abschaffen???

Dann sollen die feinen Herren dieses Vorschlags doch bitte für folgende Punkte eine Lösung nennen.

1. Oma gibt dem Enkelkind 50 Cent in die Hand, das Kind läuft freudig in den Laden und kauft sich was. Was gibt Oma dem Enkel stattdessen in die Hand?
2. Was ist mit Kommunion, Firmung, Konfirmation, Geburtstage und Beerdigungen? Geldscheine können dann nicht mehr in die jeweiligen Karten gelegt werden.
3. Was ist mit Geburtstagsfeiern, Hochzeitsfeiern etc.? Ohne Bargeld können dann keine Geldgeschenke aus Scheinen und Münzen gebastelt werden.
4. Was ist mit Kinderflohmarkt? Wie soll die Funktionieren?
5. Ich möchte im Lokal oder beim Friseur gerne Trinkgeld geben. Wie mache ich dies ohne Bargeld.
6. Was ist mit dem Klingelbeutel in der Kirche oder dem Straßenmusikanten?
7. Was ist mit Demenzkranken oder Geistig behinderten Menschen.
8. Kostet die Abschaffung nicht auch Arbeitsplätze? Wie läuft es dann mit den Spargel- Erdbeerhäuschen, wie mit Blumenfeldern zum Selber pflücken?

christine, Montag, 15.Juni, 10:40 Uhr

3. Demokratie? Nur auf dem Wahlzettel.....

Werden wir Bürger eigentlich auch noch gefragt oder Stück für Stück enteignet? Auf so einen Mist kommen mal wieder nur die, die davon provitieren und uns Bürgern noch mehr abknüpfen und kontrollieren wollen!

  • Antwort von Ed, Montag, 15.Juni, 19:33 Uhr

    Ich bin nicht frei und kann nur wählen ,welcheMörder mir befehlen und welche Diebe mich bestehlen . Ton Steine scherben Gruß Ed