Wissen - Klimawandel


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Schmelzende Polkappen, steigende Pegel Rekord-Eisschmelze am Nordpol bestätigt

Das Eis wird dünn, viel schneller als gedacht: Die Pole sind massiv vom Klimawandel betroffen. Das einst ewige Eis schmilzt und die Gletscher schrumpfen. Für die Arktis bewahrheitet sich in diesem Jahr eine Rekordschmelze.

Stand: 13.07.2017

Es muss nicht erst ein Eisberg am Nordseestrand vorbeidriften, bis wir merken, wie eng unser Verhältnis zu Arktis und Antarktis ist. Die Polarregionen spüren sie längst, die Gegenwart des Menschen: Der Klimawandel lässt das Eis schwinden.

Schelfeis in der Antarktis

Die Aufnahme vom 12.07.2017 zeigt die Geburt eines gigantischen Eisberges in der Antarktis | Bild: Projectmidas/NASA/dpa zum Artikel Antarktis Riesiger Eisberg A68 driftet aufs offene Meer

Im Juli ist ein gewaltiger Eisberg in der Antarktis abgebrochen: Die schwimmende Eisinsel von rund 175 Kilometern Länge und fünfzig Kilometern Breite bewegte sich lange kaum von der Stelle. Nun nimmt der Eisberg Kurs auf das offene Meer. [mehr]

Ein besonders großes Stück Schelfeis, das im Juli 2017 in der Antarktis abbrach, macht den Klimaforschern zusätzliche Sorgen. Nicht der gigantische Eisberg selbst, doch wenn das Schelfeis brüchig wird, fließen die Inlandsgletscher schneller ab. Beim steten, langsamen Fluss der Gletscher zum Meer bildet das Schelfeis, das auf der Meeresoberfläche schwimmt, wo der Gletscher an die Ufer reicht, eine natürliche Bremse für die Gletscherbewegung. Wird diese Barriere zu klein, hält sie dem Druck der fließenden Gletscher nicht mehr stand. Mehr Eis fließt ab - und das könnte den Meerespegel steigen lassen.

Rekord-Eisschmelze für 2016 in der Arktis bestätigt

Sommer 2015 in der Arktis: dünnes Eis

Das überdurchschnittlich warme Jahr 2015, das weltweit Monat für Monat Hitzerekorde zu verzeichnen hatte, hat auch der Arktis schwer zu schaffen gemacht: Schon im Sommer 2015 fiel die Eisschmelze um den Nordpol besonders stark aus. Nicht nur die Ausdehung der Eisfläche lag unter dem mehrjährigen Mittel, das Eis war auch auffallend dünn.

Extrem warmer Winter 2015/16 in der Arktis

Darauf folgte der warme Winter 2015/16: Im Januar 2016 maßen die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven in der Arktis Temperaturen, die um sechs Grad Celsius über dem Januar-Durchschnitt lagen, im Februar waren es sogar acht Grad über dem langjährigen Monats-Mittel. Entsprechend langsamer als sonst wuchs das arktische Meereis:

Eisfläche der Arktis im Sommer 2015 und im folgenden Winter

Im Februar, wenn die Eisbedeckung ihr jährliches Maximum erreicht, waren nur 14,25 Millionen Quadratkilometer der Arktis mit Eis bedeckt - fast eine Million weniger als im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. Messungen der Eisdicke mit dem Satelliten Cryo-Sat-2 zeigten, dass auch das Wintereis viel dünner als normal ist. Messungen von US-Forschern nördlich von Alaska bestätigen diese Daten: Wo normalerweise das Eis anderthalb Meter dick ist, misst es in diesem Frühjahr nicht mal einen Meter.

Der geringe Eiszuwachs im vergangenen Winter hat die Befürchtungen der Meereisforscher des AWI bestätigt: Bei ihrer jährlichen September-Bilanz, wenn die Schmelzsaison zu Ende geht, stellten sie fest, dass die Fläche des Arktischen Meereises auf eine Größe von knapp 4,1 Millionen Quadratkilometern abgeschmolzen ist. Dies ist die zweitkleinste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen. Weniger Meereis gab es nur im Negativ-Rekord-Jahr 2012 mit 3,4 Millionen Quadratkilometern. Nordost- und Nordwestpassage sind derzeit gleichzeitig für Schiffe befahrbar. Ebenfalls ungewöhnlich: In der Nähe des Nordpols zeigt das Meereis in diesem Jahr viele offene Wasserflächen.

Jahr für Jahr weniger Eis

Abwärtstrend seit 1980

Über die Jahre zeichnet sich ein anhaltender Trend ab: Seit 1980 nimmt die Ausdehnung des Meereises in jedem Jahrzehnt weiter ab: Im Januar wird die eisbedeckte Fläche pro Dekade um fast drei Prozent kleiner, im Februar um 2,6 Prozent. Und nicht nur das Meereis schwindet zusehends, auch die großen Eisschilde und Gletscher auf den arktischen Landmassen rings um den Nordpol und auf dem antarktischen Festland schmelzen.

Beide Pole verlieren Eismasse

Eis-Volumen

Nach Berechnungen von Forschern hat das grönländische Eisschild ein Gesamtvolumen von rund 2,96 Millionen Kubikkilometern und das der Antarktis von etwa 27 Millionen Kubikkilometern. Ein Kubikkilometer (km³) entspricht dem Rauminhalt eines Würfels, der eine Kantenlänge von einem Kilometer besitzt. Ein Kubikkilometer Eis hat ein Gewicht von 920 Millionen Tonnen.

Die polare Eisschmelze ist schneller als je zuvor in den vergangenen zwanzig Jahren, warnte das AWI schon im Sommer 2014: Messungen des ESA-Satelliten CryoSat-2 zeigten, dass die Eisschilde in in Grönland und der Antarktis inzwischen zusammen rund 500 Kubikkilometer Volumen pro Jahr verlieren - fast 500 Milliarden Tonnen.

Der größere Anteil entfällt mit 375 Kubikkilometern auf das grönländische Eis. Seit 2009 habe sich der jährliche Eisverlust in der Westantarktis verdreifacht und in Grönland verdoppelt. Für den Osten der Antarktis konnten die Wissenschaftler einen Eiszuwachs nachweisen - der jedoch die Verluste im Westen nicht aufwiegen kann.

Weiche Gletscher-Rutschbahn

Gletscherspalte in Grönland

Hat die Gletscherschmelze erst einmal begonnen, beschleunigt sie sich selbst - durch das entstehende Schmelzwasser. Es bildet Seen und Flüsse auf den Gletschern, die sich immer weiter ins Eis fressen. Sickert das Wasser durch Eisspalten in die Gletscherbasis, saugt sich der Boden unter dem Gletscher voll und wird instabil. Denn Grönlands Gletscher ruhen nicht auf felsigem, festen Untergrund, sondern auf porösem Sediment. Der Effekt: Der Gletscher rutscht schneller und beschleunigt damit den Eisabbau rapide. Das zeigten Wissenschaftler der University of Cambridge im Herbst 2014 in Simulationen.

"Das grönländische Eisschild ist nicht annähernd so stabil wie wir denken."

Poul Christoffersen, University of Cambridge

Das Eis verabschiedet sich massenweise

Die Polkappen büßen nicht nur an Eisfläche ein, auch die Dicke der Eisschilde nimmt ab. Das zeigte eine Untersuchung der Eisdicke mit Satellitendaten aus den Jahren von 1992 bis 2011, an der Forscher der beiden Münchner Universitäten beteiligt waren. In den beiden Jahrzehnten haben die Eisschilde in der Antarktis und Grönland etwa 4.000 Milliarden Tonnen an Masse verloren. Deren Schmelzwasser hat den Meeresspiegel um rund elf Millimeter steigen lassen, was etwa einem Fünftel des Gesamtanstiegs entspricht.

Permafrostboden taut auf

Nicht nur Meereis und Gletscher schmelzen, auch der Permafrostboden taut auf, in dem große Mengen organischen Materials gelagert sind. Beim Auftauen werden Unmengen an Methan frei - ein Treibhausgas, dass um ein Vielfaches schädlicher wirkt als Kohlendioxid.

Ein Forscherteam untersuchte 2013 die Permafrostböden in der Antarktis und zeigte auf, wie verheerend deren Auftauen ist:

Das Wasser steigt

zum Artikel Weltklimabericht des IPCC Steigende Meerespegel erwartet

Der Weltklimarat hat eine Zusammenfassung seines dreiteiligen Klimareports präsentiert. Darin werden die Gefahren der Erderwärmung drastischer als je zuvor demonstriert. Doch der Bericht macht auch Hoffnung. [mehr]

Und der Meeresspiegel steigt weiter, schon jetzt in jedem Jahr um mehrere Millimeter. Wie weit noch? Die Prognosen verschiedener Studien aus den vergangenen Jahren schwanken zwischen 60 Zentimeter und anderthalb Meter bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Auch der Weltklimarat IPCC warnt davor, dass bis 2100 die Meerespegel um bis zu 82 Zentimeter steigen könnten.

Verschwindet ein Gletscher, reißt es andere mit

Die Amundsen-See und sechs vom Abschmelzen gefährdete Gletscher in der Antarktis

Der für die Westantarktis entscheidende Thwaites-Gletscher könnte in 200 bis 1.000 Jahren verschwunden sein, das ergab im Frühjahr 2014 eine Computersimulation von Forschern der Universität von Washington in Seattle auf Basis von Radaraufnahmen und Satellitenmessungen. Der Thwaites-Gletscher, der in die Amundsen-See mündet, dient als Stütze der benachbarten Eismassen. Kollabiert er, könnten weitere Gletscher rasch folgen und den globalen Meeresspiegel um rund 60 Zentimeter ansteigen lassen, so die Forscher.

Eine andere Studie von 2014 von Wissenschaftlern der Universität von Kalifornien in Irvine untersuchte Daten aus vier Jahrzehnten und kam zu dem Schluss, dass alle sechs in die Amundsen-See mündenden Gletscher den Punkt "of no return" schon überschritten hätten. Nach dieser Studie wird allein das Eis dieser Gletscher das Meer um rund 1,2 Meter ansteigen lassen.

Bis 2300 ist ein Anstieg von 3,5 Metern möglich

Die Forscher von Climate Analytics in Berlin ermittelten im Jahr 2012 Langzeitprognosen für die Pegel bis zum Jahr 2300: Wird die Erwärmung auf zwei Grad begrenzt, würde der Meeresspiegel immer noch rund 2,7 Meter über dem Niveau des Jahres 2000 liegen. Wenn es gelänge, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, würden die Pegel bis 2300 "nur" um etwa 1,5 Meter ansteigen. Eine Katastrophe wäre dagegen eine Erwärmung um bis zu drei Grad: Dann wäre mit einem Anstieg von durchschnittlich 3,5 Metern zu rechnen.

Flutkatastrophen und Klimaflüchtlinge

Malediven: Ein Inselstaat, der nicht absaufen will

Wenn die zwei großen Süßwasserreservoirs der Erde schmelzen, drohen weltweit Flutkatastrophen. Tief liegende Regionen wie Bangladesch könnten komplett überflutet werden. Aber auch die flachen Küstenregionen Polens oder der Inselstaat Malediven sind gefährdet. Und die deutsche Insel Sylt muss schon jetzt jedes Jahr frischen Sand heranbaggern, weil die Fluten die Insel buchstäblich abtragen. Dazu wird das Ökosystem Ozean aus dem Gleichgewicht gebracht, weil beispielsweise der Salzgehalt des Wassers abnimmt.

Landunter: Die ersten Klimaflüchtlinge

  • Wie viele Menschen genau ihre Heimat verlassen, weil sich das Klima dort verändert hat, weiß niemand. Das liegt daran, dass es keine genaue wissenschaftliche Definition für Klimaflüchtlinge gibt. Unbestritten ist aber: Menschen nehmen reißaus, weil ihnen das Trinkwasser fehlt, Trockenheit den Böden zu schaffen macht oder ihr Hab und Gut immer wieder weggeschwemmt wird.
  • November 2005: 980 Menschen werden von den Carteret-Inseln (Papua Neuguinea) auf 100 Kilometer entfernte Inseln umgesiedelt - die ersten Klimaflüchtlinge.
  • 2005: Die 11.000 Bewohner der Inselkette Tuvalu (Pazifischer Ozean) erbitten Klimaasyl. Australien verweigert die Aufnahme.
  • 19. Februar 2007: Arktische Stürme überschwemmen wiederholt die Siedlung Shishmaref (Alaska). Die Bevölkerung gibt auf und packt die Koffer.
  • seit 2008: Der Präsident der Malediven spart, um Land in Indien oder anderswo im Ernstfall zu kaufen. Denn den 385.000 Maledivern steht das Wasser bis zum Halse.
  • Immer mehr Menschen verlassen die Südpazifikinsel Nauru wegen ständiger Überflutungen.
  • Indonesien will auf seinen unbewohnten Inseln Klimaflüchtlingen Zuflucht gewähren, obwohl rund 2.000 der insgesamt rund 17.000 indonesischen Inseln bis Mitte des Jahrhunderts ebenfalls verschwinden könnten.
  • August 2014: Die Familie Alesana aus dem Inselstaat Tuvalu, der vom steigenden Meeresspiegel bedroht ist, bekommt Asyl in Neuseeland. Damit sind sie die weltweit ersten anerkannten Flüchtlinge des Klimawandels, denn Neuseeland hat die Gefahr des Klimawandels im Antrag mit berücksichtigt . Ein Präzedenzfall ist das aber nicht, die Familie hat Verwandte in Neuseeland und die Kinder sind ebenfalls dort geboren.


  • "Klimawandel live: Riesiger Eisberg in Antarktis abgebrochen": am 12. Juli 2017 um 18.30 Uhr in der "Rundschau", BR Fernsehen
  • "Eisbär ohne Eis - Klima wandelt Lebensräume": am 20. Januar 2014 um 22 Uhr in "Faszination Wissen", BR Fernsehen
  • "Wenn das Eis in der Arktis schmilzt": am 25. September 2012 um 18.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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