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Seyran Ates "Selam, Frau Imamin"

Auf Initiative von Seyran Ates eröffnet am 16. Juni in Berlin die liberale Ibn Rushd-Goethe Moschee, in der Frauen und Männer gleichberechtigt in einem Raum beten können. In ihrem neuen Buch beschreibt Ates den langen Weg dorthin.

Stand: 08.06.2017

Seyran Ates und Mitglieder ihrer Gemeinde | Bild: picture-alliance/dpa

"Wir haben die Türen offen für alle Orientierungen, für alle Lesarten und für alle Richtungen des Islam. Wir haben unter uns Sunniten, Schiiten, Aleviten und Sufis, das ist auch eine Besonderheit."

Seyran Ates

Und es gibt noch eine Besonderheit in der neuen "Ibn Rushd- Goethe Moschee", die am 16. Juni in der Hauptstadt eröffnen wird, sagt die Berliner Juristin Seyran Ates. Frauen und Männer werden dort zukünftig gemeinsam beten. In einem Raum, der vor kurzem eigens dafür in einer evangelischen Kirchengemeinde in Berlin Moabit angemietet wurde. Für die 54-jährige Anwältin und Frauenrechtlerin geht mit der Gründung dieser liberalen Moscheegemeinde ein langgehegter Traum in Erfüllung.

"Ich war von 2006 bis 2009 Mitglied der deutschen Islam-Konferenz und durfte dort erleben, wie die Verbände sehr dominant die Deutungshoheit nicht nur über den Islam, sondern auch die Bevormundung aller in Deutschland lebenden Muslime an sich gerissen hatten. Es ging so weit, dass wir Einzelpersonen, gerade auch Frauenrechtlerinnen, immer damit konfrontiert waren, dass man uns gesagt hat, wir sind keine richtigen Muslime und das war dann für mich wirklich überzeugend zu sagen, dass wir uns auch organisieren müssen."

Seyran Ates

Buchcover "Selam, Frau Imamin" von Seyran Ates

Die Idee für die Gründung einer liberalen Moscheegemeinde war geboren, doch bis zur Umsetzung dauerte es noch acht Jahre. Den Weg dahin beschreibt Seyran Ates in ihrem neuen Buch "Selam, Frau Imamin", das am am 16. Juni erscheint.

"Leider Gottes hab ich erst jetzt Leute gefunden, die mutig genug waren, mit mir das auch einzugehen, denn eine Moschee gründen, einen Verband, einen islamischen Verband, kann man nicht alleine. Dazu braucht man eine Gemeinde."

Seyran Ates

Der Gemeinderaum der Evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten in Berlin Moabit

Mittlerweile hat Seyran Ates sechs Mitstreiter gefunden, um das ehrgeizige Projekt zu verwirklichen, das in Kontrast zu der in Deutschland gängigen islamischen Religionspraxis stehen soll. In den meisten Moscheen, die überwiegend vom türkischen Staatsislam beherrscht seien, hätten liberale Muslime keinen Platz. Denn die Imame dort hätten ein gespanntes Verhältnis zur Gleichberechtigung, zur Homosexualität und zur Religionsfreiheit, sagt Seyran Ates. Sie selbst plädiert für eine geschlechtergerechte Auslegung des Korans. Das ist nicht neu. Dieser reformislamische Ansatz wird schon lange in der Forschung diskutiert, ist jedoch in Deutschland noch nie in der Praxis erprobt worden. Das soll sich in der "Ibn Rushd- Goethe Moschee" ändern.

Ausbildung zur Imamin

Frauen haben zwar in vielen islamischen Ländern die Möglichkeit, andere Frauen oder Mädchen religiös zu unterweisen. Die Leitung eines Freitagsgebetes aber stellt für den orthodoxen Islam immer noch ein Tabu dar, obwohl es nicht durch den Koran verboten ist. Ein Tabu, das Seyran Ates gebrochen hat. Sie hat sich in Istanbul zur Imamin ausbilden lassen.

"Weil ich gemerkt habe, dass in der öffentlichen Debatte, im Diskurs und auch in der Auseinandersetzung für Erneuerungen oder Reformen im Islam man einfach Kenntnisse braucht. Und die Fachkenntnisse hat man am besten wenn man selbst im Fach ist."

Seyran Ates

Dass sie einmal selbst Imamin werden würde, hätte Seyran Ates vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten. Sie stand lange Zeit eher im Ruf einer Islam-Kritikerin.

"Ich hab mich immer gegen dieses Wort 'Islam-Kritikerin' gewehrt, von Anfang an. Vor allem haben diesen Begriff die Verbände uns auferlegt oder mir auch auferlegt. Ich war immer Feministin und das bin ich auch heute und hab immer wieder betont, dass ich Religionskritik-wenn überhaupt- übe und das tue ich in alle Richtungen. Und ich erlaube mir innerhalb meiner Religion auch kritisch zu denken. Ich hab in meiner Biographie 2003 schon geschrieben, ich kämpfe nicht gegen den Islam sondern gegen das Patriarchat und dieser Satz gilt heute noch."

Seyran Ates

Seyran Ates besichtigt in Berlin in der Kirche St. Johannes nach der Unterzeichnung eines Vertrages den künftigen Gebetsraum.

Ihre Ansichten gefallen nicht Jedem. Seyran Ates lebt mit ständigen Drohungen. Auch jetzt kurz vor der Eröffnung der neuen liberalen Moscheegemeinde, hagelt es wieder Hassmails. Ins Bockshorn jagen lasse sie sich nicht, sagt Seyran Ates. Denn gerade in Zeiten des Terrors, in denen viele Menschen nur Negatives mit dem Islam assoziierten, sei es notwendig, eine Gegenbewegung zu schaffen, um dem Religionsverständnis der konservativen Islam-Verbände in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Ihnen und der Gesellschaft zu zeigen:

"Dass wir wirklich viele sind und nur dadurch, dass wir auch noch mehr werden ,als viele auch dastehen, wir uns gegenseitig schützen und dass die schweigende Mehrheit wirklich eine Stimme braucht."

Seyran Ates


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