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Olga Grjasnowa Neuer Roman: "Gott ist nicht schüchtern"

Widerstreitende kulturelle Einflüsse, Flucht und Ankommen sind ihr Metier: Olga Gjrasnowa, Berliner Schriftstellerin, geboren und aufgewachsen in Baku. In ihrem dritten Buch schildert sie das Schicksal syrischer Flüchtlinge.

Stand: 16.03.2017

Olga Grjasnowa | Bild: Olga Grjasnowa

Mit elf Jahren kam Olga Grjasnowa als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Eine Zäsur in ihrem Leben, sagt die heute 31-Jährige, aber keine dramatische Fluchterfahrung, wie sie etwa ihre Großmutter erlebt hat.

"Als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist und die Nazis immer näher rückten, wohnte meine Großmutter damals noch in Weißrussland, in einer großen jüdischen Familie. Mit dem Fortschreiten des Kriegs und dem Angreifen der Nazis, musste sie fliehen, alleine mit ihrem neunjährigen Bruder. Sie mussten eine Strecke von über 2500 Kilometern zurücklegen, von Weißrussland nach Aserbaidschan, bis sie Sicherheit gefunden haben. Das ist natürlich eine hochdramatische und sehr belastende Flucht und die Geschichten habe ich immer wieder erzählt bekommen, schon als kleines Mädchen."

Olga Grjasnowa

Gestraft von einem sinnlosen Krieg

Buchcover "Gott ist nicht schüchtern" von Olga Grjasnowa

Das hat Olga Gjrasnowa geprägt. Und beschäftigt sie auch in ihrem neuen Roman "Gott ist nicht schüchtern". Auch darin geht es um eine Flucht. Eine Flucht aus Syrien. Die Idee dazu entstand nach der Begegnung mit ihrem heutigen Mann, einem syrischen Schauspieler. Versatzstücke seiner Biographie haben Eingang in den Roman gefunden, wie etwa die Schauspielschule in Damaskus, die die Protagonistin Amal besucht oder das Exil in Beirut. Amals Weg kreuzt sich im Roman immer wieder mit dem des syrischen Arztes Hammoudi. Als Chirurg sieht er in einem improvisierten Untergrund-Hospital im syrischen Deir ez-Zor Tausende sterben. Darauf spielt auch der Titel des Romans "Gott ist nicht schüchtern" an. Ein Zitat aus dem Koran.

"Das ist die zweite Sure, die besagt, dass Gott auch strafen kann und ich meine, das ist irgendwie sehr passend für den Titel des Buches."

Olga Grjasnowa

Aleppo, Syrien

Denn gestraft - grundlos -  von einem sinnlosen Krieg, fühlen sich alle in Syrien, sagt die Autorin. Direkt und schonungslos erzählt sie aus der Sicht der Schauspielerin Amal und des Arztes Hammoudi von zunehmender Diktatur, von Protesten, Gewalt , Willkür, Misstrauen und vom Widerstand. Und schließlich von der dramatischen Flucht der beiden, die sich in Berlin wieder begegnen. Zwei Menschen,  die alles verloren haben und nun von vorne anfangen müssen. Etwas, das auch Olga Gjrasnowa kennt.

"Auch mein Ankommen in Deutschland war eher mit gemischten Gefühlen verbunden, vor allem kamen wir aus der Großstadt und landeten auf dem Land, was natürlich zu sehr vielen Veränderungen führte, mit denen wir uns nicht unbedingt sofort wohlfühlten. Aber nach und nach wurde das. Ich glaube, was es einem in Deutschland schwer macht, sind die Behörden."

Olga Grjasnowa

Sieben Monate Recherche in Istanbul

Syrische Flüchtlinge in Istanbul

Die machen es im Roman auch Amal und Hammoudi schwer. Noch mehr aber kämpfen sie mit der Herablassung der Menschen ihnen gegenüber. "Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist in jedem Atemzug spürbar", schreibt Olga Gjrasnowa in "Gott ist nicht schüchtern". Diese Herablassung Flüchtlingen gegenüber, hat die Autorin auch in Istanbul gespürt, wo viele syrische Flüchtlinge stranden. Sieben Monate hat sie dort verbracht, um für ihren Roman zu recherchieren.

In allen Einzelheiten, teils melodramatisch, schildert Olga Gjrasnowa die Flucht ihrer beiden Protagonisten nach Deutschland. Sie erzählt von Schlauchbooten, kaputten Rettungswesten und vielen Toten. So realistisch, dass es manchmal an die Grenze des Erträglichen geht. Die Geschichte von Amal und Hammoudi ist eine von vielen Geschichten, die so oder so ähnlich von Flüchtlingen erlebt wurden und werden. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein neues Leben, sagt Olga Gjrasnowa. Vor allem aber die Erkenntnis:

"Dass manche Fluchtgeschichten durchaus universell sind und dass sie eben nicht nur Syrern oder Juden oder Roma passieren können, sondern durchaus jedem von uns zustoßen können. Und dass wir vielleicht unsere Arroganz durchaus ablegen können und versuchen, wirklich auf die Menschen zu hören und zuzuhören."

Olga Grjasnowa


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