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Filmtipp DOK.fest - "Alles gut"

"Alles gut!", das sagt man, wenn man ausdrücken möchte, alles sei in Ordnung. Für manche ist es eine Art Durchhalteparole, die sie sich selbst vorsagen. Und für viele Kinder ist es schlicht der Wunsch zu glauben, dass alles gut wird.

Stand: 04.05.2017

"Alles gut" ist der Titel eines Dokumentarfilms, in dem die Regisseurin Pia Lenz zwei Kinder begleitet - Kinder, die zu Geflüchteten wurden. Er zeigt ihre Wege, in einem neuen Zuhause anzukommen, mit ihren schwierigen Lebensumständen zurechtzukommen. Pia Lenz gelingt ein tief berührender Film in Zeiten, in denen viele Menschen keine große Lust mehr haben, von Flucht und den Folgen zu hören. Dieser Film ändert das. Er ist mehr als sehenswert.

Aus dem Blickwinkel von Kindern

Ghofran ist 11 und hatte unfassbares Glück. Ihre Familie konnte dem syrischen Krieg entfliehen und hat es nach Deutschland geschafft. Aber glücklich? Das ist Ghofran nicht. Sie hat einfach nur quälendes Heimweh. In Deutschland ist alles komisch. Nicht sie ist fremd, alle anderen sind es.

Djaner ist 8. Er kommt aus Mazedonien. Zurück dorthin will er nicht mehr. Hier in Deutschland darf er Kind sein. Darf eine Schule besuchen. Darauf ist er stolz. Als Roma-Junge hat er in Mazedonien kaum Zukunftschancen.
Über ein Jahr lang begleitete die Regisseurin Pia Lenz Djaner und Ghofran mit ihrer Kamera. Erlebte deren Hochs und Tiefs und auch die Orientierungslosigkeit hautnah mit. Eine intensive Zeit.

"Da gibt es zum Beispiel eine Szene, da gibt es einen Laternenumzug. Da sind alle anderen deutschen Kinder mit Eltern und er ist alleine. Und seine Mutter kommt auch nicht und dann singen die alle diese Lieder und er kann den Text nicht. Als dann alle sangen, man merkt auch, dass diese Stimmung richtig über ihn kam und da hat er irgendwann einfach meine Hand gegriffen aus so einem Moment heraus, des Sich-alleine-Fühlens und da musste ich fast selber anfangen zu weinen und habe natürlich auch seine Hand genommen."

Pia Lenz, Regisseurin

"Gute" Flüchtlinge? "Schlechte" Flüchtlinge?

Djaner hat als Mazedonier kaum Chancen, mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem Bruder in Deutschland bleiben zu können. Die Familie schwebt in dieser Unsicherheit und Not. Und draußen in der Welt diskutiert man über "gute" Flüchtlinge und "schlechte".

"Natürlich kommen jetzt auch ins Kino eher Leute, die Interesse daran haben, sich auf so einen Film einzulassen. Trotzdem habe ich auch schon sehr unterschiedliche Ansichten und auch Gefühle mitbekommen von den Zuschauern. Manche waren fast sauer auf die Mutter von Djaner, indem sie sagten: 'Wieso kommt die hierher, wieso ist die so verantwortungslos und bringt ihre Söhne in diese Situation?' Da war ich im ersten Moment fast sprachlos, weil ich das Gefühl hatte, ich würde im Film durchaus vermitteln, dass diese Mutter einfach keine andere Wahl hat. Und dass sie eben wie eine Mutter handelt. Wie eine syrische Mutter oder wie eine deutsche Mutter handelt sie eben wie eine mazedonische Mutter. Sie möchte für ihre Söhne einfach ein sicheres Leben haben. Und das versuche ich dann zu sagen, wenn jemand versucht, mit einer Nationalität oder mit einer Chance auf Bleiberecht zu argumentieren. Wenn man die Lebenswelt wirklich kennenlernt und weiß, mit welchen Nöten und Ängsten diese Familie ankam, dann ist die Nationalität völlig egal."

Pia Lenz

Vom Ankommen und Bangen

Pia Lenz nimmt ihre Zuschauer auf behutsame Weise in das Innenleben ihrer Protagonisten mit. Es sind Momente, die so deutlich machen, in welcher Lage Menschen - Kinder! - stecken, die keine Wahl haben.

Ghofran braucht Zeit, aber langsam kommt sie an. Ihre erste Abwehr gegen diese seltsame Welt, in der Mädchen sich schminken und Fahrrad fahren, baut sich durch den Alltag Stück für Stück ab. Sie knüpft an, lernt deutsch und singt irgendwann am Schluss des Filmes voller Inbrunst im Schulchor.

Die Kraft des Einzelnen

Und Djaner lebt ständig in Angst. Ist maßlos mit allem überfordert. Dann kommt der Tag, an dem er mit seiner Mutter und dem Bruder abgeschoben werden soll. Aus Verzweiflung taucht die Familie unter und Djaner kann zu seiner großen Trauer erst einmal nicht mehr in die Schule zu gehen. Da gründen die Eltern aus Djaners Klasse eine Fahrgemeinschaft und fangen ihn damit ein wenig auf.

"Ich wollte das Engagement zeigen. Was dort passiert ist an der Schule, in diesem kleinen Rahmen zeigt: Einzelne können trotzdem was tun, auch wenn das große andere System aus Behörden und Bürokratie einfach weiter läuft. Aber der Einzelne kann trotzdem was schaffen."

Pia Lenz

Das Mantra "Wir schaffen das" schwingt in Pia Lenz' bemerkenswertem Dokumentarfilm immer auch mit. Und endlich fragt auch jemand: Wie schaffen DIE das eigentlich? Alles gut - nein, das ist es bei Weitem nicht. Aber vielleicht kann es das werden.

Auf dem DOK.fest München mit Filmgespräch

Mittwoch, 10.05.2017, um 18 Uhr im City 2
Freitag, 12.05.2017, um 16 Uhr im City 3
Sonntag, 14.05.2017, um 16 Uhr im HFF-Kino 1

www.dokfest-muenchen.de

Autorin des Filmbeitrags: Michaela Wilhelm-Fischer


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