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Dokumentarfilm "Die Farbe der Sehnsucht"

"Wir sehnen uns nach Liebe, Anerkennung, Freiheit, Heimat - aber kaum sind wir irgendwo angekommen, sehnen wir uns zurück oder noch weiter weg. Die Sehnsucht treibt uns durchs Leben." So empfindet es der renommierte Münchner Filmemacher Thomas Riedelsheimer.

Stand: 31.03.2017

Er hat die Sehnsucht erforscht und hat sich dazu in Länder wie Portugal, Deutschland, Japan, Mexiko und Katar begeben. Das Ergebnis dieser Reise ist ein beeindruckender Dokumentarfilm, der demnächst ins Kino kommt: "Die Farbe der Sehnsucht"

Ein unentschiedenes Gefühl

Die Sehnsucht. Was ist das eigentlich? Ein schönes Gefühl? Eines, das schmerzt? Es ist ein Dorthinwollen, wo man nicht ist. Ein Begehren, was man nicht hat. Ein Thema großer Dichter. Kleiner Leute. Aller. Das "sich Sehnen" gehört zum Menschsein. Kann in Kunst und Poesie, oder auch in Verzweiflung münden.

Gewohnt bildgewaltig, mit diesem besonderen "Thomas Riedelsheimer-Blick", spürt der vielfach ausgezeichnete Filmemacher einem unentschiedenen Gefühl nach.

"Das ist vielleicht so ein bisschen wie mit Melancholie, es hat so was Bittersüßes. Es gibt auch Leute, die den Film zum Beispiel sehr traurig finden. Das geht mir nicht so, weil ich sehe überwiegend diese Kraft, die hinter diesen einzelnen Menschen steckt. Ich glaube, die haben alle zusammen sehr viel Energie und sind sehr kraftvoll. Das ist ein positives Gefühl. Insofern ist die Sehnsucht sicher so ein zweischneidiges Ding. Es ist ja schon interessant, dass wir schon fast wie so eine Sucht haben, uns nach immer etwas anderem zu sehnen. Im Englischen sagt man 'the grass is always greener on the other side of the hill'. Also dieses: was wir haben ist zwar schön, aber es kann noch besser sein. Wir sind nie so richtig im Jetzt und Hier und im Moment, sondern haben immer die Sehnsucht. Entweder früher war es besser oder vielleicht ist es besser in der Zukunft."

Thomas Riedelsheimer

Was für Geschichten Thomas Riedelsheimer weltweit gefunden hat! Von einem Taucher etwa, der in der Unterwasserwelt Mexikos die Zeit anzuhalten scheint. Von einem Abiturienten aus München, der seinen Platz in dieser Welt sucht. Von einem ehemaligen Polizisten, der an einem japanischen Selbstmordfelsen Menschen daran hindert, sich in die Tiefe zu stürzen. Oder von einer Dichterin, die Poesieunterricht für Mittellose gibt und ihnen so zur eigenen Stimme verhilft.

In Katar trifft Riedelsheimer die sudanesische Gastarbeiterin und Schriftstellerin Layla Salah. Sie wünscht sich zu rennen. Fahrrad zu fahren. Sich einen Schmetterling auf den Hintern tätowieren zu lassen. Ihre Rolle als Frau in einem arabischen Land lässt die Erfüllung dieser Sehnsüchte kaum zu. So wirft Riedelsheimer in seinem Film universelle Fragen auf: Wo wollen wir sein? Wie wollen wir leben? Was heißt das: "Freiheit"? Was ist das: "Heimat"?

Heimat sind Beziehungen

In einem Einwandererviertel in Lissabon trifft er Dona Mingas, die über heimische Rhythmen von den Kapverden träumt. Und den jungen Rapper Tazy, der nur diese eine Heimat in Lissabon hat, auch wenn er als "Black" nie richtig dazugehört hat.

"Es ist die Frage, inwieweit Heimat auch an Boden gebunden ist oder an Landschaft. Da gibt es Theorien, dass Heimat im Prinzip 'Menschen' sind. Das finde ich auch in dieser ganzen Diskussion über Heimat und Vertreibung sehr spannend, sich auch da Gedanken drüber zu machen, was Heimat eigentlich ist und wie Heimat auch aufgebaut wird. Die Frauen von den Kapverden tanzen einen bestimmen Tanz. Viele von ihnen haben diesen Tanz auf den Kapverden nie getanzt und dann sind sie in der Fremde und dann werden auf einmal alle bestimmten Dinge gefeiert, weil man in der Fremde versucht, diesen Zusammenhalt direkt an Rituale zu binden und ein Stück Heimat mitzunehmen."

Thomas Riedelsheimer

Unsichtbares sichtbar

Thomas Riedelsheimer verdichtet mit seiner Kamera. Er dichtet. Nicht mit Worten. Mit Bildern. In diesem und auch schon in seinen preisgekrönten Vorgängerfilmen wie "Touch the Sound", "Rivers and Tides" oder "Seelenvögel" macht er das Unsichtbare sichtbar, das Flüchtige konkret. Holt das Dazwischenliegende auf die Leinwand. In seinem aktuellen Film zeigt er mehr als nur die eine - er zeigt die vielen Farben, die die Sehnsucht haben kann.

Weiterführende Informationen

Die Farbe der Sehnsucht
Regie: Thomas Riedelsheimer
Kinostart: 01.06.2017

Autorin des Filmbeitrags: Michaela Wilhelm-Fischer


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