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Culture Coaches Kulturvermittler als Integrationshilfe

Kulturelle Missverständnisse abbauen und so die Integration von Flüchtlingen entscheidend vorantreiben, das ist das Ziel des Projekts "Culture Coaches", das Zohre Esmaeli ins Leben gerufen hat.

Stand: 16.07.2017

Vielfalt der Kulturen - Zusammen leben | Bild: Culture Coaches

Zohre Esmaeli ist vor knapp 20 Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Damals war sie 13 Jahre alt und schüchtern, heute ist sie 32 und ein Modell, das zwischen Mailand, New York und Paris jettet. Als sie vor fast zwei Jahren die Bilder der Schutzsuchenden sah, denen viele Menschen in Deutschland zu helfen versuchten, berührte es sie sehr

"Als Ex-Flüchtling sind meine Erinnerungen wieder hochgekommen und habe gedacht: Wie kann ich diese Menschen, dieser Gesellschaft helfen, die mir ein neues Leben geschenkt hat?"

Zohre Esmaeli

"Migranten brauchen einen roten Faden"

Indem sie dieser Gesellschaft sagt, was ihrer Familie damals gefehlt hat, um sich zu integrieren. So möchte Zohre Esmaeli den Integrationsprozess für alle Beteiligten heute verbessern.

"Migranten brauchen einen roten Faden. Als wir kamen, da war keine Basis für uns, wir sind einfach gekommen und ins kalte Wasser geschmissen worden. Das war sehr schwierig. Für uns Kinder war es einfach, Kinder sind neugierig, lernen schnell, aber die Erwachsene bleiben meisten stehen."

Zohre Esmaeli

Zohre Esmaeli

Auf der Basis der Überlegungen von Zohre Esmaeli ist "Culture Coaches" entstanden, eine gemeinnützige Organisation, unterstützt von der Bürgerstiftung Berlin. Es geht darum die Migranten, speziell aus muslimischen Ländern, kulturell da abzuholen, wo sie gerade stehen. Coaches sollen den Flüchtlingen die Gepflogenheiten in Deutschland erklären, aber auch zeitgleich verstehen wie die Sachen im Herkunftsland geregelt sind, um die Brücke zwischen beiden Kulturen zu schlagen. Beispiel: Schule.

"Es wird in Schulen immer wieder bemängelt, dass die Eltern sich für ihre Kinder nicht interessieren."

Dr. Lothar Kramm, Leiter von Culture Coache

Das sei aber ein Fehlurteil.

"Weil in diesen Kulturen, in dem Moment, wo die Kinder in die Schule kommen, der Erziehungsauftrag abgegeben wird an die Schule. Und die Eltern kämen nicht im Traum auf die Idee die Lehrer zu kritisieren, weil es sind Autoritäten. Wenn man das weiß, dann kann man mit den Lehrern anders damit umgehen, als wenn man denkt: Naja, das interessiert sie sowieso nicht."

Dr. Lothar Kramm

Verstehen löst nicht alles, aber ohne Verstehen geht nichts. Was logisch klingt, erfordert viel Feingefühl und eine herausragende interkulturelle Kompetenz. Derzeit sucht "Culture Coaches" noch nach bikulturellen Menschen, die diese Qualitäten haben. Nach einer Ausbildung zum Coach, sollen sie dann ehrenamtlich in ganz Deutschland tätig sein. Die Idee ist, dass sie über große  Plattformen wie Handelskammern oder Verbände gebucht werden. In Schulen, Flüchtlingsheimen oder auch Firmen sollen sie dann alle Themen ansprechen, auch die mit Konfliktpotenzial.

"Da geht es um Thema Ehe und Familie, Selbstbestimmung der Frau, Ehrverletzung und wenn wir das politische Feld streifen, dann geht es um Freiheit, Demokratie, Religionsfreiheit, Antisemitismus, Recht auf sexuelle Selbstbestimmung usw."

Dr. Lothar Kramm

"Dafür Sorge tragen, dass nicht eine Spaltung der Gesellschaft entsteht"

Die Ideengeberin Zohre Esmaeli hat am eigenen Leib erfahren müssen, was es mit Menschen macht, mit einer neuen Kultur überfordert zu sein.

"Meine Eltern sind strenger geworden und haben mich eingeengt, nicht weil sie mich gehasst haben, sondern weil die nicht wussten, wie in dieser Gesellschaft umgehen. Sie haben das Vertrauen nicht gehabt."

Zohre Esmaeli

Aber ist es die Aufgabe Deutschlands sich auf die jeweiligen Kulturen der neuen Einwohner einzustimmen? Sollten nicht sie diese Leistung erbringen? "Culture Coaches"-Leiter Lothar Kramm sieht es differenzierter. Klar müssten die Migranten Deutsch lernen und sich an den hiesigen Regeln halten, aber:

"Wollen wir ihnen dabei helfen oder sagen wir: hier ist das Grundgesetz und lern’s auswendig und anschließend verhältst Du dich so. Ein großer Teil wird hier bleiben, also müssen wir dafür auch Sorge tragen, dass wir möglichst viel dafür tun, dass daraus nicht eine Spaltung der Gesellschaft entsteht. Das dürfen wir nicht wollen."

Dr. Lothar Kramm

Langfristig hoffen Zohre Esmaeli und Lothar Kramm, dass die "Culture Coache"s von engagierten Ehrenamtlichen zu bezahlten Profis werden und von den Behörden bundesweit eingesetzt werden.


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