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Ausstellung "Never Walk Alone"

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Sportbegeisterung in Deutschland zunehmend und brachte auch viele erfolgreiche jüdische Sportler hervor, die als Helden gefeiert wurden: Ob im Turnen, beim Fechten, Ringen oder Fußball. Bis sie ab 1933 von den Nazis ausgegrenzt und verfolgt wurden. Die Ausstellung "Never Walk Alone" im Jüdischen Museum München widmet sich diesen beeindruckenden, sportlichen Persönlichkeiten - und der jüdischen Identität im Sport.

Stand: 31.03.2017

Das Wort Sport taucht 1887 erstmals im Duden auf. Hinter dem Begriff steckt: Vergnügen, Begeisterung, Stärkung des Körpers, Leistung, Wettbewerb, aber auch Mitspielen und Dazugehören.

"Im ersten Moment könnte man denken, Leibesübungen oder Sport, das ist was Universelles, da zählt nur die Leistung, da ist jeder gleich. Aber jetzt, bei der Betrachtung Deutscher jüdischer Herkunft, hat sich sehr schnell gezeigt, dass es doch von Bedeutung ist, wo man losgeht."

Jutta Fleckenstein, Kuratorin

Seit 1871 sind Juden in Deutschland gleichberechtigte Staatsbürger. Zeitgleich zur wachsenden Sportbegeisterung. Sie können ihr Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Gesellschaft ausdrücken, indem sie beim Sport mitmachen, mitmischen. Und antisemitischen Stereotypen etwas entgegensetzen.

Ende der 20er-Jahre ist Sport ein Massenphänomen. Jüdische Sportidole haben Erfolg und bekommen Anerkennung. Erfahren aber auch weiterhin Ausgrenzung. Eigene Vereine, wie Bar Kochba, werden gegründet - die große Mehrheit engagiert sich aber in allgemeinen Vereinen.

Eine der größten Fechterinnen

Helene Mayer nimmt an den Olympischen Spielen 1928 und 1932 teil. Sie ist so berühmt, dass es sogar einen Fanartikel, eine Statuette von ihr, gibt. Bis heute gilt sie als eine der größten Fechterinnen.

"Dennoch gab es zu Zeiten ihrer Erfolge, Ende der 20er-Jahre, immer wieder Rückfragen: Wie steht es mit der Zugehörigkeit dieser Fechterin? Also es wurde zum Beispiel an den Rektor ihrer Schule geschrieben: Ist Helene Mayer eigentlich Christin? Man sieht, es sind Fragen virulent und die werden dem Sportler übergestülpt und an ihm abdiskutiert."

Jutta Fleckenstein

Silbermedaille für Deutschland

Helene Mayer ist weder nach dem jüdischen Religionsgesetz noch in ihrer Selbstwahrnehmung Jüdin. Nach dem Rassengesetz der Nazis ist sie aber "Halbjüdin", weil ihr Vater Jude ist. An den Olympischen Spielen 1936 darf Helene Mayer teilnehmen, weil die Nazis sonst einen Boykott anderer Staaten fürchten. Für Deutschland gewinnt sie die Silbermedaille.

1933 hat sich das Leben für deutsche, jüdische Sportler radikal verändert, sie werden diffamiert, ausgeschlossen und verfolgt.

Boxen war im Kommen

Nach dem Krieg, als bis zu 200.000 jüdische Überlebende aus Osteuropa in sogenannte DP-Camps (Displaced Persons) leben, wird, neben Fußball, Boxen eine der beliebtesten Sportarten. Auf dem Weg in eine neues Leben, nach Amerika und Israel, steht Boxen für: Man hat überlebt, ist stark, kann sich verteidigen.

Ausgrenzung und Inklusion

Die Exponate und Objekte umkreisen das Thema Identität, erzählen unterschiedlichste Geschichten. Wie die des sowjetischen Fechtmeisters Daniel Dushman, der als jüdischer Kontingentflüchtling 1996 nach Deutschland kommt. Die Badekappe der Schwimmerin Sarah Poewe erinnert daran, wie 2004 zum ersten Mal nach 1936 eine Athletin jüdischer Herkunft im deutschen Team eine Medaille bei den Olympischen Spielen holt. Es sind Geschichten von Ausgrenzung und Inklusion.

Diskussion "Kinderschokolade"

Ausstellung

"Never Walk Alone", zu sehen bis Januar 2018 im Jüdischen Museum München

Und weil es heißt: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", wird am Ende der Ausstellung das Objekt "Kinderschokolade" gezeigt. Eine Aktion zur EM 2016, auf der Kinderbilder deutscher Fußballspieler, DFB-Stars, gedruckt wurden, die zur Diskussion führten. Weil ein paar von ihnen dunkelhäutig sind.

"Also dieses Phänomen gibt es unverändert. Und ich fand hierzu dieses Objekt 'Kinderschokolade' sehr schön. Da hat man gesehen, unglaublicherweise, das löst Diskussionen aus. Also es wird diskutiert: Kann Gündogan oder Boateng auf dieser Schachtel sein? Und das zeigt, dass anhand von Sport, anhand von Repräsentanz 'dieser Spieler vertritt uns',  plötzlich Diskussionen ausbrechen: 'Kann dieser Spieler uns vertreten? Vertritt er wirklich jeden?'"

Jutta Fleckenstein

Weiterführende Informationen

Autorin des Filmbeitrags: Fatema Mian


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