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Abschiebung nach Afghanistan Ahmad Shakib Pouyas Kampf ums Bleiben

Die Mozart-Oper "Zaide" ist ein Projekt des Vereins "Zuflucht Kultur". Sie handelt von Vertreibung und Flucht, ein Schicksal, das viele der Ensemblemitglieder hautnah selbst erleiden mussten. Auch Hauptdarsteller Ahmad Shakib Pouya aus Afghanistan, der seit 2010 in Deutschland lebte. Doch weil die BRD Ende 2016 seine alte Heimat zum Herkunftsland mit sicheren Regionen erklärte, sollte er am 22. Dezember 2016 abgeschoben werden.

Stand: 06.02.2017

In Afghanistan ist die Zivilbevölkerung nach wie vor Terror und Unterdrückung ausgesetzt. Pouya droht dort der Tod, weil er Protestlieder gegen die Taliban schrieb. In Deutschland fiel Ahmad Shakib Pouya niemandem zur Last, hat niemandem Schaden zugefügt. Pouya, der von Beruf Zahnarzt ist und sechs Sprachen beherrscht, leistete neben dem Musizieren jahrelang ehrenamtliche, soziale  Dienste. Als Musiker erlangte der 33-Jährige trotz Flüchtlingsstatus beachtliche Popularität, spielte sogar vor Bundespräsident Joachim Gauck und bat ihn, Bürger dieses Landes werden zu dürfen.

Doch Pouyas Kampf ums Bleiben entwickelte sich zum Thriller. Knapp vor seinem ersten vorgesehenen Abflug am 22. Dezember geschah "ein kleines Wunder", wie er es nennt: ihm wurden wenige Wochen Aufschub gewährt. Grund war jedoch nur die bevorstehende Münchner Opernpremiere. Pouya wollte keinen Rechtsbruch begehen und reiste zum spätest möglichen Termin am 20. Januar "freiwillig" aus. Zu diesem Zeitpunkt  stand fest, dass sein Fall sechs Tage später vor der Härtefallkommission verhandelt werden solle. Doch Aufschub bis zu diesem entscheidenden Termin gewährte ihm die Ausländerbehörde nicht. Einen Tag nach seinem Abflug wurde Pouyas Akte geschlossen. Begründung: er habe Deutschland "freiwillig" verlassen.  

Das "Zaide"-Ensemble  umgab ihn seit  2014 wie eine schützende Familie. Obwohl Oper schlechthin als schwer zugängliches Genre gilt, schlägt "Zaide" Brücken mitten ins aktuelle Leben. Trotz des 200 Jahre alten Mozart-Fragments, das dafür als Vorlage diente, werden Krieg und Flucht zur bitter erlebten Gegenwart - vor und hinter den Kulissen.

"Tatsächlich wurde der syrische Vater unsere Hauptdarstellerin erschossen und sie brach damals zusammen ... und diese Geschichten von Abschiebung, Krieg und Flucht, die halten natürlich immer Einzug, zwangsläufig. Es kommen WhatsApp-Nachrichten in Proben mit Schreckensbotschaften ... die uns ... bewusst machen, dass das eben kein Theater, sondern ein Spiegel der Gesellschaft ist ... und ich hoffe, dass unsere Politiker zur Vernunft kommen, sehen, dass Afghanistan kein sicheres Herkunftsland ist."

Cornelia Lanz, Initiatorin/Sängerin

24.000 Menschen unterzeichneten innerhalb von vier Tagen eine Petition gegen Pouyas Abschiebung. Doch gehen musste er trotzdem, obwohl er sich bestens integriert hatte und dadurch für viele Flüchtlinge zum Vorbild wurde. Diese Härte erzeugt unter den verbleibenden Flüchtlingen Desorientierung und Angst. Doch auch eine große Schar von Helfern erschüttert "der Fall Pouya" nicht zuletzt im Glauben an demokratische Grundregeln.

"... Wenn Menschen nachts aus dem Bett geholt werden, ohne Ankündigung, und wohin gebracht werden, wo sie nicht sein wollen, dann ist das Deportation. Und da habe ich so meine Zweifel, dass unser Rechtsstaat funktioniert. ... Wenn jemand wie er abgeschoben wird. Wer kann dann bleiben? ..."

Bianka Huber, Flüchtlingshelferin IG Metall

Viele Helfer sehen dabei auch ihr ehrenamtliches Engagement mit Füßen getreten. Doch die ungebrochene Solidarität, die aus den gewachsenen Freundschaften mit den Flüchtlingen entstanden ist, lässt hoffen, dass die Rechnung der Politiker auf Dauer nicht aufgeht. Albert Ginthör, Geiger aus dem "Zaide"-Orchester, begleitete Pouya sogar nach Kabul, um ihm dort beizustehen, obwohl das  Auswärtige Amt deutsche Staatsbürger eindringlich vor Reisen nach Afghanistan warnt. Gleichzeitig suggeriert die aktuelle, rigorose Abschiebepraxis dort Sicherheit für afghanische Staatsbürger, die aufgrund dieser Zustände Schutz bei uns suchen.

Autorin des Filmbeitrags: Birgit Eckelt


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