Franken - Zeitgeschichte


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Little Berlin in Oberfranken Der verspätete Mauerfall von Mödlareuth

Am 9. Dezember feiert Mödlareuth den Mauerfall – mit einem Monat Verspätung. Als nämlich im November '89 die Berliner auf der Mauer tanzten, herrschte im oberfränkischen Dorf Totenstille: Die drei Meter hohe Mauer mitten durch "Little Berlin" stand wie eine Eins – noch!

Stand: 09.12.2014 | Archiv

Eröffnung des Grenzübergangs Mödlareuth, 09.12.1989 | Bild: Mediathek des Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth

An einer 700 Meter langen und 3,30 Meter hohen Betonmauer endete im kleinen Tannbachtal unweit von Hof die westliche Hemisphäre. Wie sonst nur noch in Berlin trennte die Mauer den kleinen Ort Mödlareuth seit dem 13. August 1961 in einen Ost- und einen Westsektor.

"Wir hatten hier im Dorf zwei Brüder: einer links der Mauer, einer rechts der Mauer – einer Bundesbürger, der andere DDR-Bürger", erzählt Arndt Schaffner, Gründer des späteren Freilandmuseums in Mödlareuth. Über Jahrzehnte durften Max und Kurt Goller keinen Kontakt haben und konnten sich nur heimlich beobachten. Denn selbst Winken war den streng überwachten Mödlareuthern auf DDR-Seite verboten. Erst mit der Wende fanden sie wieder zueinander.

Grenzstein, Stacheldraht, Selbstschussanlage

Bau der Mauer mitten durch Mödlareuth

Die Teilung von Mödlareuth wurde schon vor Jahrhunderten besiegelt: Seit 1810 verläuft die Verwaltungsgrenze zwischen dem damaligen Fürstentum Reuß und dem Königreich Bayern mitten durch den Ort. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte das Dorf dann je zur Hälfte zu Bayern und Thüringen. Doch erst mit der Teilung Deutschlands wurde die Grenze undurchlässig. Der "antiimperialistische Schutzwall" mit Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen zerriss Verbindungen, Freundschaften und Familienbanden.

Freudentränen zur Grenzöffnung

Historischer Moment: Die DDR-Grenze in Mödlareuth ist offen.

Fast ein Monat nach dem Mauerfall im November '89 in Berlin tut sich auch in Mödlareuth etwas: Am 7. Dezember reißt ein Bautrupp ein Loch in die Grenzanlagen. 31 Ost- und 19 Westbewohner hatten tags zuvor für die Grenzöffnung demonstriert. Die Barrikaden werden schließlich entfernt, ein Teil der Mauer durch Eisentore ersetzt. Am 9. Dezember 1989 wird dann in Mödlareuth die Grenzöffnung gefeiert: mit der beiderseits beliebten Bratwurst, mit Bier und Glühwein. Landfrauen einer nahe gelegenen LPG versorgen die Arbeiter. Die Mödlareuther, die jahrzehntelang getrennt waren, umarmen sich. Es fließen Freudentränen.

Museumsdorf Mödlareuth

Ausstellung im Museum

Nach der Wende hat ein Museumsverein unter dem Vorsitz des Film-Journalisten Arndt Schaffner für den Erhalt der noch bestehenden Sperranlagen als Denkmalstätte gekämpft. Auf bayerischer Seite entsteht ein Museumsgebäude, in dem unter anderem Filme vom Mauerbau in Mödlareuth, vom Leben mit der Mauer und dem Happy End 1989 gezeigt werden. Jedes Jahr besuchen fast 70.000 Menschen die Gedenkstätte.

Besucher auf dem Museumsgelände

Im Mittelpunkt des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth stehen jedoch 100 Meter Originalmauer. Kontrollstreifen, Metallgitterzaun und Beobachtungstürme auf thüringischer Seite erzählen von dem dunklen Kapitel deutscher Trennungsgeschichte.

Kurioses Dorf

Halb bayerisch, halb thüringisch - Mödlareuth und seine "Museumsmauer"

Mödlareuth selbst bleibt ein Kuriosum: die eine Hälfte bayerisch, die andere thüringisch. Unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und Fahrzeugkennzeichen sind äußere Zeichen dieser Verwaltungsgrenze. Zwei Bürgermeister kümmern sich um das Wohl der rund 50 Einwohner beiderseits des Tannbachs. Heute gestaltet man den Alltag jedoch wieder gemeinsam und feiert zusammen die Feste.

Gelungener Fluchtversuch

Nur einmal versuchte ein Mann, über die Grenze in Mödlareuth zu fliehen. Mit Erfolg: Am 25. Mai 1973 kletterte ein Kraftfahrer aus dem thüringischen Landkreis Schleiz mithilfe einer selbst gebauten Eisenleiter über die Betonmauer.

Der 34-jährige Mitarbeiter der VEB Wäscheunion in Göttengrün musste regelmäßig Schichtarbeiter durch die Sperrzone fahren. Eines Nachts nutzte er die Gelegenheit, fuhr mit seinem Auto an eine von Grenzposten schwer einsehbare Stelle vor die Mauer und kletterte aufs Autodach.

Über die Eisenleiter stieg er auf die Mauerkrone und rettete sich mit einem Sprung in den Tannbach ans westliche Ufer. Als Konsequenz aus dieser Flucht wurde die Straße auf DDR-Seite gesperrt und außerhalb des Sperrgebiets neu gebaut.

Deutsch-Deutsches Museum

Alle Infos zum Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth, Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Gruppenführungen


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