Franken - Kultur


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Aktivistin im Interview "Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen"

Sie wurde zusammengeschlagen, mit dem Tod bedroht, beschimpft und verhaftet. Und doch kämpft Kasha Jacqueline Nabagesera jeden Tag aufs Neue für die Rechte von Homosexuellen in Uganda, weil sie keine Ungerechtigkeit ertragen kann.

Von: Christian Schiele (Interview und Übersetzung)

Stand: 28.09.2013

Kasha Jacqueline Nabagesera | Bild: BR-Studio Franken/Christian Schiele

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr erreichte Kasha Jacqueline Nabagesera eine E-Mail aus Nürnberg. Sie konnte erst gar nicht glauben, was sie da las. Den Internationalen Menschenrechtspreis sollte sie bekommen, schrieb ihr Martina Mittenhuber, die Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsbüros. Für ihr mutiges Engagement, für das sie zuhause meist nur Spott und Hohn und Häme erntet. Ein Jahr später ist sie nun zur Preisverleihung nach Nürnberg gekommen, in diese Stadt mit so viel Geschichte, wie sie sagt. Zwar ist sie müde, sehr müde sogar, doch der volle Terminkalender soll abgearbeitet werden. Trotz der sichtbaren Erschöpfung erklärt sie entschieden und engagiert, warum sie ihre Stimme für die Rechte der Homosexuellen erhebt. Leise, aber bestimmt erzählt sie von ihren Zielen und warum sie nie woanders als in Uganda leben möchte, obwohl sie dort verfolgt, drangsaliert und mit dem Tod bedroht wird.  

BR.de: Hier in Deutschland sind Homosexuelle zwar noch nicht völlig gleichgestellt, doch sie können hier relativ offen leben, händchenhaltend durch die Straßen laufen und sich in der Öffentlichkeit küssen. Es gibt schwule Bürgermeister und einen schwulen Außenminister. Sind das für Sie paradiesische Zustände?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Ja, so sollte es auch bei uns zuhause sein. Dafür kämpfen wir. Wenn ich an Orte wie diesen hier komme, wo die Leute frei sind, dann lerne ich viel. Es hilft mir auch, hier zur Ruhe zu kommen und einfach mal frische Luft schnappen zu können. Ich gehe hier tatsächlich spazieren. Zuhause gehe ich nie einfach so auf die Straße. Also das ist wunderbar, spazieren zu gehen in dem Wissen, dass ich nicht ständig über meine Schulter blicken muss.

BR.de: Warum trauen Sie sich in Uganda nicht auf die Straße?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Weil ich in der Vergangenheit zusammengeschlagen wurde und mich das traumatisiert hat. Und weil ich glaube, dass ich lebendig eine bessere Aktivistin sein kann als tot. Ich vermeide es deshalb, mich in Gefahr zu begeben. Ich setze mich aufs Motorrad und ziehe einen Helm über oder setze mich ins Auto, wenn ich meine Wohnung verlassen möchte. Denn ich will nicht, dass meine Nachbarn wissen, dass ich ihre Nachbarin bin.

BR.de: Trotzdem haben Sie im Fernsehen und im Radio immer wieder offen für die Rechte von Homosexuellen gesprochen. Welche Reaktionen haben Sie daraufhin bekommen?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Sehr unverschämte. Die Leute haben mich hinterher beschimpft. Der Staat hat bei den Sendern angerufen, sie eingeschüchtert und ihnen damit gedroht, sie zu schließen. Einige Sender mussten eine Strafe zahlen, weil wir da waren. Einige Moderatoren wurden suspendiert, weil sie angeblich für Homosexualität geworben hatten. Wir gehen trotzdem auf Sendung, weil wir einfach nicht den Mund halten können. Wenn wir die Möglichkeit erhalten, unsere Botschaft zu übermitteln, dann tun wir das. Weil wir wollen, dass die Menschen ein Bewusstsein dafür bekommen, wer wir sind.

BR.de: In Uganda werden Homosexuelle von den Medien zwangsgeoutet. 2010 veröffentlichte die ugandischen Zeitung "Rolling Stone" Namen und Fotos von Menschen mit dem Hinweis, sie seien homosexuell. Auch Ihr Name war dabei. Die Überschrift des Artikels lautete: "Hängt sie auf". Was haben Sie gedacht, als Sie das gelesen haben?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Als ich den Artikel sah und als ich die Schlagzeile las, dachte ich: Wir können nicht stillhalten, wir müssen etwas dagegen tun. Es war zwar nicht das erste Mal, dass die Medien Menschen zwangsgeoutet haben. Aber dieses Mal rief die Zeitung dazu auf, uns zu töten und druckte unsere Adressen ab. Außerdem hat mich die Zeitung zitiert, obwohl ich nie mit ihr gesprochen habe. Angeblich habe ich ihr gesagt, dass wir Kinder unter zwölf Jahren für unsere Sache anwerben. Deshalb zogen wir vor Gericht.

BR.de: Die Medien stützen sich auf die Meinung der ugandischen Bevölkerung, die Schätzungen zufolge zu 98 Prozent Homosexualität ablehnt. Woher kommt das?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Das hat viele Gründe. Mein Land ist sehr religiös. Pfarrer, religiöse Führer, Fundamentalisten, aber auch die Politiker bringen die Menschen gegen uns auf. Sie nutzen eine äußerst angreifbare, kleine Gemeinschaft für ihre eigenen Zwecke aus. Und sie haben einfach die Macht, die Menschen hören ihnen zu und bewundern sie. Sie erzählen der Bevölkerung, wir würden ihre Kinder rekrutieren. Sie erzählen ihnen, dass wir krank sind und ihre Kinder infizieren. Wegen ihrer Ignoranz wissen die Menschen leider nicht, wie sie mit Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen umgehen sollen. Sie glauben das, was sie erzählt bekommen. Deshalb ist die Ablehnung so groß.

BR.de: Gleichgeschlechtlicher Sex ist in Uganda heute schon verboten und kann mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden. Ein Gesetzesvorschlag könnte die Lage für Schwule und Lesben aber noch verschärfen – bis hin zur Einführung der Todesstrafe. Woher nehmen Sie ihre Motivation, offen dagegen anzukämpfen?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Ich kann einfach keine Ungerechtigkeit ertragen und ich glaube, dass ich etwas dagegen tun kann. Ich kann das zwar nicht alles alleine schaffen, deshalb habe ich ein weltweites Netzwerk. Die Welt ist groß genug, dass jeder darin einen Platz finden kann. Warum sollte ein Teil der Gesellschaft nicht akzeptiert werden? Warum wollen wir darüber entscheiden, wer akzeptiert wird und wer nicht? Ich möchte dahin kommen, dass die Menschen glücklich sind und keine Angst mehr haben müssen. Und das lässt mich jeden Morgen aufstehen.

BR.de: Wenn Sie aufgestanden sind, wie sieht dann ihr Alltag in Uganda aus?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Jeder Tag ist anders. Mein Tag kann sehr friedlich sein und ich kann ungestört meiner Arbeit nachgehen. Dann aber gibt es Tage, an denen die Medien über Homosexuelle berichten und wir öffentlich diffamiert werden. An manchen Tagen nehme ich an Versammlungen teil oder erledige etwas für eine unserer Kampagnen. Oder ich gehe ins Parlament, um dort eine Debatte zu verfolgen, die uns betrifft, muss Interviews geben oder einen Flug erwischen. Manchmal muss ich jemanden retten, der in der letzten Nacht zusammengeschlagen oder vergewaltigt wurde. Ich gehe aus dem Haus, ohne zu wissen, ob ich wieder zurückkomme. Ich verabschiede mich jedes Mal von meinem Hund, wenn ich die Wohnung verlasse – weil ich nicht weiß, ob ich ihn nochmals sehen werde.

BR.de: Fühlen Sie sich sicher, wenn Sie in Ihrer Wohnung sind?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Ich lebe natürlich in Angst. Deshalb wissen meine Nachbarn nicht, wo ich lebe. Selbst mein Vermieter weiß nicht, dass ich in seinem Haus wohne. Weil mein Bruder alles für mich geregelt hat. Ich selbst habe keine Verträge unterzeichnet.

BR.de: Ihre Familie und ihre Freunde unterstützen Sie also bei Ihrem Kampf?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Ja. Ich habe ein großes Netzwerk an Unterstützern um mich herum. Das motiviert mich und bestärkt mich, weil ich weiß, dass ich eine Schulter zum Anlehnen habe, wenn die Zeiten schwierig werden. Und ich habe einen jüngeren Bruder, der mich sehr unterstützt, auch finanziell.

BR.de: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, in ein anderes Land zu ziehen?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Nein. Ich glaube, es gibt keinen schöneren Ort als Uganda. Ich möchte auf jeden Fall in diesem wunderbaren Land bleiben. Wir erleben zwar jeden Tag aufs Neue Menschenrechtsverletzungen, wir stecken ökonomisch in einer Krise und die soziale Lage ist sehr unsicher. Aber ich fühle mich dort wohl, weil ich in der Nähe von Freunden und meiner Familie bin.

BR.de: Nun sind Sie nach Nürnberg gekommen, um den Internationalen Menschenrechtspreis entgegenzunehmen. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Der Preis gibt meiner Gemeinschaft von Schwulen, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuellen in Uganda Hoffnung. Und er macht auch mir Hoffnung, weil ich weiß, unsere Arbeit wird anerkannt, auch wenn sie zuhause nicht wertgeschätzt wird. Immerhin schaut die Welt zu, schätzt unsere Bemühungen und steht solidarisch zu uns. Der Preis bedeutet aber auch Sicherheit für uns. Die Regierung weiß nun, dass die Welt uns beobachtet.

BR.de: Amnesty International geht davon dass, dass es eher kontraproduktiv ist, wenn das Thema Homosexualität in Uganda in westlichen Medien behandelt wird. Denn damit könne das Thema auch wieder in die ugandische Öffentlichkeit gelangen und dies könne dort zu einer Verschlechterung der Lage Homosexueller führen. Hilft Ihnen der Preis oder ist er auch ein wenig kontraproduktiv?

Kasha Jacqueline Nabagesera: Als ich zuletzt einen solchen Preis bekommen habe – vor zwei Jahren wurde mir in Genf der Martin Ennals Award verliehen – war die Geschichte in Uganda in allen Medien. In den landesweiten Zeitungen, im Fernsehen, auch in den sozialen Netzwerken. Die meisten sprachen sich gegen mich aus. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn es dieses Mal wieder so käme. Wahrscheinlich geht es schon am Montag los. Aber: Wenn wir zuhause schon keine Anerkennung für unsere Arbeit bekommen, warum sollten wir die restliche Welt davon abhalten, unsere Arbeit wertzuschätzen. Der Preis wird uns guttun, weil er uns stärker macht und motiviert. Und das brauchen wir, damit unsere Bewegung weitermachen kann, bis wir unsere Ziele erreicht haben.

Das Interview führte Christian Schiele


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