Franken - Kultur


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Willi Dürrnagel Der Geschichte auf der Spur

Über 50.000 Bücher, 9.000 Ansichtskarten, 500 Bilder – das Haus von Willi Dürrnagel platzt aus allen Nähten. Doch trennen will sich der Würzburger von keinem Stück, denn jedes Einzelne dokumentiert die Geschichte "seiner" Stadt.

Von: Nathalie Bachmann

Stand: 18.03.2014 | Archiv

Willi Dürrnagel vor einem Teil seiner gesammelten Bilder | Bild: BR-Mainfranken / Nathalie Bachmann

Die Geschichte Würzburgs und auch Unterfrankens fasziniert Sie seit Jahrzehnten. War das schon immer so oder gab es da einen Auslöser?

Den gab es. 1974 sollte ein altes Gebäude im Stadtteil Sanderau, das Ehehaltenhaus, abgerissen werden. Damals gründete sich ein Initiativkreis zur Erhaltung historischer Denkmäler, ich wurde Vorsitzender. Für die zahlreichen Diskussionen musste ich gewappnet sein und habe mir deshalb jede Menge Wissen angeeignet über die Gebäude und die Stadt selber. Damals habe ich auch mit dem Sammeln begonnen.

Interessiert Sie grundsätzlich alles, was mit der Geschichte der Stadt zu tun hat?

Ja, das ist das Problem. Mein Interesse ist zu breit gefächert. Wenn ich mich zum Beispiel auf die Universität oder auf Kirchen spezialisieren würde, wär’s einfacher. So finde ich immer etwas, was mit Würzburg oder mit Unterfranken zu tun hat.

Wo suchen bzw. wo finden Sie die Gegenstände?

Ansichtskarte von der Würzburger Jahrhundertfeier am 13. Juli 1913.

Früher war ich ständiger Gast in Antiquariaten, in Antiquitätengeschäften und bei Versteigerungen. Dafür bin ich sogar bis nach Frankfurt oder München gefahren. Meine Frau hat’s gefreut – sie ist zum Shoppen und ich bin meinem Hobby nachgegangen. Mit dem Internet hat sich alles verändert. Bei Ebay müsste ich mittlerweile um die 10.000 Bewertungen haben, fast täglich ersteigere ich was Neues. In den nächsten Tagen kommen Bilder der Würzburger Maler Reuchlein und Scheuplein ein. Die Werke sortiere ich erst einmal in Kartons ein. Ich würde sie zwar lieber aufhängen, aber ich habe einfach nicht genug Wände. Oft bekomme ich auch Anrufe von Würzburger Bürgern, die wissen, dass ihre Stücke bei mir gut aufgehoben sind und so erhalten bleiben. Nach dem Motto: Statt  die Müllabfuhr lieber den Dürrnagel anrufen (lacht).

Einige Ihrer Exponate werden demnächst bei einer Ausstellung zu sehen sein.

Ja, ich konzipiere gerade eine Schau, die einen Einblick in die Würzburger Geschichte ab 1814 gibt. Eröffnet wird sie am 23. Juni in der Sparkasse in der Hofstraße, insgesamt soll sie drei Wochen laufen. Was ich genau zeigen will, muss ich noch heraussuchen. Sicherlich werden Urkunden und Siegel dabei sein, Briefbeschwerer aus der Militärzeit und Abzeichen der Würzburger Ortspolizei. Auch Bücher von Würzburger Schriftstellern werde ich zeigen und ich will einen kleinen Teil meiner 500 Bilder ausstellen. Natürlich werde ich Führungen durch die Ausstellung anbieten, denn ich habe zu jedem Exponat einen Bezug, kann eine Geschichte erzählen. Wahrscheinlich werde ich mich in den drei Wochen fast ausschließlich in der Sparkasse aufhalten (lacht).

Willi Dürrnagel

Der 67-Jährige wurde 1972 in seiner Heimatstadt Würzburg zum jüngsten Stadtrat gewählt und ist heute der Dienstälteste. Außerdem gehört er zahlreichen Vereinen an, unter anderem dem Frankenbund und dem Verschönerungsverein. 2007 bekam Dürrnagel das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.  Der ehemalige Postler sammelt alles, was mit der Geschichte Würzburgs im Speziellen oder Unterfrankens im Allgemeinen zusammenhängt. Bei Führungen, 300 waren es 2013, gibt er sein umfangreiches Wissen an Interessierte weiter. So kann man mit ihm das Würzburger Rathaus oder Straßen(namen) erkunden oder sich auf die Spuren jüdischen Lebens begeben.

Was bedeutet Ihnen Würzburg?

Das ist meine Heimat, ich kenne nichts anders. Ich bin in unzähligen Vereinen Mitglied, in einem halben Dutzend erster Vorsitzender. Zu Beginn jedes Jahres ist es immer ein bisschen heikel, da ziehen 55 Vereine ihre Beiträge von meinem Konto ein. Spaß beiseite: So halte ich immer Verbindung zu den Bürgern. Im Hinblick auf meine Arbeit als Stadtrat ist das natürlich wichtig.

Wenn Sie 200 Jahre zurückblicken, welche Epoche war Ihrer Meinung nach die spannendste?

Die Ansichtskarte zeigt den Zusammenstoß auf der Alten Mainbrücke 1813: Damals trafen Würzburger Soldaten auf französische.

Spannend war’s ja eigentlich immer. Man darf froh sein, dass man keinen Krieg miterlebt hat. Wir haben ja jetzt die längste Friedenszeit überhaupt und damit leben wir in einer glücklichen Zeit. Aber es war eigentlich immer spannend, auch die Entwicklung der Uni in Würzburg, die 1582 gegründet worden und 1896 erweitert worden ist. Allein, was sich auf dem Gebiet getan hat... Oder im gesellschaftlichen Leben ab 1900. Damals sind ja viele Vereine entstanden, auch in Würzburg. Das war auf jeden Fall eine interessante Zeit. Von der Kunst-Seite her gesehen war es meine Meinung nach die Biedermeierzeit.

Welche historische Persönlichkeit hätten Sie gerne kennengelernt?

Eine ganze Menge. Röntgen zum Beispiel oder Bürgermeister Wilhelm Joseph Behr, der eine der ersten Sparkassen begründet hat und später für seine Auffassung eingekerkert wurde. Tolle Persönlichkeiten müssen auch der Schriftsteller Leonhard Frank und der Dichter Max Dauthendey gewesen sein. Einige interessante Leute habe ich aber auch persönlich gekannt, zum Beispiel Kardinal Julius Döpfner oder viele Würzburger Maler wie Wolfgang Lenz.

1814 wurde Unterfranken bayerisch. Der Anfang eines Kleinkriegs zwischen Unterfranken und Oberbayern?

Das ist eine Hassliebe, wenn man so will. Man lästert zwar gerne über Bayern, aber eigentlich ist man ganz froh, dass man dazugehört. Der Landtagsabgeordnete Joseph Heine hatte mal den Vorschlag gemacht, Deutschland zu teilen: Alles nördlich des Mains sollte Preußen, alles südlich Österreich zugeschlagen werden. Na, da sind wir doch glücklich, dass wir hier bei Bayern sind (lacht). Wir lästern immer wieder oder beschweren uns, dass wir nicht ganz so berücksichtigt werden. Aber ich denke, Franken ist in München gut vertreten, wir können unsere Rechte schon wahren. Und neidisch müssen wir nicht sein: Wir haben hier einiges, was zu unserer Lebensqualität beiträgt, nicht zuletzt den Wein.

Das heißt, wir haben Ihrer Meinung nach letztlich vom Anschluss profitiert?

Ja. Bayern ist doch ein blühendes Land, aus der Sicht war es die beste Lösung. Franken selber könnte sich nicht so halten. Unser Gebiet ist zwar größer als das Saarland, aber so haben wir die beste Entwicklung genommen, die möglich war.


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