Franken - Buchtipps


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Michael Buselmeier Wunsiedel

Der Heidelberger Autor Michael Buselmeier hat einen Theaterroman über seine Zeit als junger Schauspieler 1964 bei den Luisenburg-Festspielen geschrieben. Der Titel lautet schlicht "Wunsiedel". Das Buch war für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Von: Dirk Kruse

Stand: 21.10.2011

Buchcover Wunsiedel | Bild: Wunderhorn-Verlag

Es ist der heiße Sommer 1964. Auf dem Bahnhof von Wunsiedel entsteigt der junge Schauspieler Moritz Schoppe erwartungsvoll dem Bummelzug. Er ist in die malerische Kreisstadt im Zonenrandgebiet gekommen, um hier sein erstes Engagement als Schauspieler und Regieassistent bei den Luisenburg-Festspielen anzutreten.

"Eine Zeit lang stand ich, nachdem ich die Schalterhalle durchquert hatte und die Schwingtür nachwippend hinter mir zugefallen war, vor dem Gebäude und blickte, über das runde Becken eines Springbrunnens hinweg, die von Ulmen gesäumte Bahnhofsstraße entlang, die zunächst elegant abfiel, um schließlich weit hinten, am Ende der bewohnten Welt, so schien es, wieder anzusteigen. Einladend wie ein Hohlweg, fast einschmeichelnd kam mir diese Abwärtsbewegung vor, die den am Bahnhof Eintreffenden, an gediegenen Gast-, Wohn- und Geschäftshäusern vorbei, gleichsam in die innere Stadt hineinzog, wogegen man sich so gut wie gar nicht wehren konnte, und dann schnurgerade weiter nach Süden führte, den bereits dunklen Anhöhen des Fichtelgebirges entgegen, über dem sich ein paar Wolken türmten."

Textausschnitt

Doch diese Wunsiedler Nachkriegsidylle mit Biergärten unter Kastanienbäumen, fröhlich spielenden Kindern und Geranien vor den Fenstern entpuppt sich für den Ich-Erzähler schon bald als trügerisch. Er erlebt diese zehn Wochen Wunsiedel als eine einzige persönliche und berufliche Katastrophe. Noch nie war der heimwehkranke Sohn so lange von seiner Mutter getrennt, zu der er eine äußerst enge Bindung hat. Seine Freundin Ulla betrügt ihn zu Hause in Heidelberg mit einem anderen Mann und gibt ihm den Laufpass. Und der Intendant, der den jungen Schauspieler engagiert hatte, ist gestorben, sein Nachfolger auf der Felsenbühne speist Hoppe mit klitzekleinen Nebenrollen ab und lässt auch seine moderne Bearbeitung von Goethes "Götz von Berlichingen" nicht spielen. Kein Wunder, dass Maritz Hoppe in Wunsiedel nicht heimisch wird. Zurückgesetzt, zutiefst verletzt und vereinsamt steigert er sich in einen regelrechten Furor auf das Theater hinein.

"Im Lauf der folgenden Proben, die auf viel zu knappe zweieinhalb Wochen begrenzt waren, wurde mir das ganze Ausmaß der Wunsiedler Ideenlosigkeit und Schlamperei erst bewusst. Kein Wunder, dass die Aufführung des ‚Götz von Berlichingen’ so steif und stümperhaft geriet, so kraftlos in der Führung der Personen und so ausnehmend harmlos. (…) Ich fand dieses Schlussbild empörend bieder, konfliktscheu, von einer Verlogenheit, die ich in meiner frischen Erregung nicht hinnehmen wollte. Ich sah darin nur blanken Zynismus, Kunstverachtung, ja Kunstvernichtung, und das Theater als Kunstvernichtungsanstalt."

Textausschnitt

In Thomas Bernhardscher Manier schimpft der Ich-Erzähler über eitle Schauspieler, feige Intendanten und naives Publikum. Nein, ein sympathischer Zeitgenosse ist dieser aufbrausende, sich im Recht wähnende, verletzliche wie verletzende junge Mann nicht gerade. Aber Michael Buselmeier schildert uns diesen zwischen Großsprecherei und Empfindsamkeit schwankenden Charakter, der er einmal selbst war, – denn dieser Roman hat starke autobiographische Züge – mit großer Ehrlichkeit. Zuflucht findet sein Alter Ego Moritz Hoppe allein in der Literatur. Allem voran in den Werken des 1763 in Wunsiedel geborenen Jean Paul.

"Auf den ersten Blick kaum wieder erkennbar die Gegend, Ecken und Winkel verödet. Der Durchgangsverkehr dröhnt. Das Wirtshaus ‚Zum grünen Baum’ ist verdunkelt, der Garten menschenleer, das Blätterdach gelichtet. Selbst die Wurstbude am Zaun ist geschlossen. Und der Bahnhof verrottet bei zugenagelten Türen, die Fenster blind und eingeschlagen. (…) Überall Spuren der Zerstörung, eine Trostlosigkeit, auf die ich nicht eingestellt bin. Gen Osten ein riesiger, völlig leerer Busparkplatz, auf dem ich soeben eingetroffen bin – der einzige Fahrgast, der den aus Marktredwitz kommenden Omnibus verließ."

Textausschnitt

In langen, nebensatzlastigen, aber gut lesbaren Bögen, beschreibt Buselmeier, wie sein erfolgloser Protagonist die Schauspielerei an den Nagel hängt, um sich als Autor ganz der Literatur zu widmen. Gewitzt ist dabei die zweite Erzählebene. Denn 44 Jahre später macht sich Hoppe noch einmal nach Wunsiedel, den Ort seines Lebenstraumas auf. Gelassener kann er jetzt auf sein jüngeres Ich zurückschauen und endlich in langen Wanderungen die herbe Schönheit der oberfränkischen Natur entdecken für die er damals kein Auge hatte. Sein Blick bleibt dabei aber weiterhin unbestechlich - schonungslos gegen sich selbst und gegen Wunsiedel.

Michael Buselmeier

Michael Buselmeier wurde am 25.10.1938 in Berlin geboren und wuchs in Heidelberg auf, wo er nach einer Schauspielausbildung und einem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg noch heute lebt. Er hat als freier Autor zahlreiche Gedichtbände und Romane publiziert, schreibt Texte für Rundfunk und Zeitungen und veranstaltet literarische Führungen durch Heidelberg und die Kurpfalz. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Pfalzpreis für Literatur und dem Ben-Witter-Preis. Als junger Schauspieler hatte Buselmeier tatsächlich bei den Luisenburg-Festpielen 1964 sein erstes Engagement. Davon erzählt sein Roman "Wunsiedel", der für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert war.


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