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Klaus Cäsar Zehrer "Das Genie"

Kaum jemand kennt das Schicksal von William James Sidis, dem schlausten Menschen der Welt. Nun hat der Schwabacher Schriftsteller Klaus Cäsar Zehrer dem tragikomischen Leben des Sidis einen umfangreichen Roman gewidmet. Er heißt "Das Genie" und ist im renommierten Diogenes Verlag erschienen.

Von: Dirk Kruse

Stand: 18.10.2017

Es gibt Momente im Leben eines Schriftstellers, da findet nicht der Autor seinen Stoff, sondern der Stoff seinen Autor. So erging es dem aus Schwabach stammenden Klaus Cäsar Zehrer.

"Ich habe etwas ziellos im Internet rumgesurft und stieß beim Hin- und Herklicken auf eine dieser vielen dubiosen Internetlisten. Und das war eine Liste der angeblich zehn intelligentesten Menschen aller Zeiten. Und da standen einige drauf, die ich gut kannte: etwa Albert Einstein, Isaac Newton oder Leonardo da Vinci. Aber auf Platz eins war ein Name, von dem ich noch nie gehört habe: William James Sidis. Angeblich mit einem IQ zwischen 250 und 300 - was wirklich absolut astronomisch ist. Und da wurde ich neugierig und habe nach ihm gegoogelt. Und das war der Anfangsfaden, an dem ich mich weiterentwickelt habe. Und da war dann so eine Geschichte dahinter. Das war vor neun Jahren und seitdem beschäftige ich mich damit."

Autor Klaus Cäsar Zehrer

Die unglaubliche Geschichte des Amerikaners William James Sidis, der 1898 in New York geboren wurde und 1944 in Boston starb, ist die eines hyperintelligenten Wunderkindes. Mit zwei Jahren konnte der kleine William schon lesen und schreiben, sprach mit fünf Jahren bereits ein gutes Dutzend Sprachen und besaß ein fotografisches Gedächtnis für alles Gelesene. Dann wurde der Wunderknabe eingeschult und von den überforderten Lehrern immer weiter in die nächste Klasse versetzt.

"Der Wechsel in die vierte Klasse machte nichts besser. Das Niveau war immer noch lächerlich, das Lerntempo zäh, die Wiederholungen lästig, die Schüler behäbig, ihre Fragen dumm und Billy entweder nicht in der Lage oder nicht bereit, seine Meinung für sich zu behalten. Fand er das Thema einer Unterrichtsstunde langweilig, dann lenkte er es durch Zwischenrufe in eine Richtung, die ihn mehr interessierte. Oder er übernahm gleich ganz die Rolle des Lehrers und dozierte über das, was ihm gerade durch den Kopf ging. Eine Woche später saß er in der Fünften."

Zitat aus 'Das Genie'

Mit acht Jahren nach Harvard

"Er hat die sieben Jahre Grundschule innerhalb von sieben Monaten absolviert und saß dann erstmal zuhause, weil man nicht wusste, was man mit diesem Kind tun soll. Er hat dann in zwei Jahren vier Bücher geschrieben und eine eigene Sprache erfunden. Mit acht Jahren kam er dann in die High-School. Die hatte er nach sieben Wochen hinter sich und hat die Zulassungsprüfung zur Harvard University bestanden. Das als Achtjähriger. Und das ist keine Erfindung eines Romanciers, sondern das sind historisch belegte Fakten. Das war so."

Autor Klaus Cäsar Zehrer

Am ausgeprägtesten aber sind die mathematische Fähigkeiten von William Sidis. Mit elf Jahren hält der Jungstudent in Harvard einen weltweit beachteten Vortrag über die vierte Dimension. Doch dann kommt die Krise: Der von den Paparazzi verfolgte Sidis zieht sich zurück, macht nie einen Abschluss, wird Radikalpazifist und versucht ein bescheidenes Leben fernab des Scheinwerferlichts führen. Das gelingt ihm schwer. Vom gehypten Wunderkind wird er nun von der Presse zum totalen Loser erklärt.

"Es ist alles real. Natürlich sind die einzelnen Szenen, die Dialoge und die Zusammenhänge fiktional. Aber im Wesentlichen ist, was in diesem Buch erzählt wird, mehr oder weniger so passiert. Und auch die einzige Geliebte, die William James Sidis hatte – leider eine unglückliche Liebe: Martha Foley – das war alles so. Ich habe auch Fotos von ihr. Ich kann das auch alles zeigen und beweisen. Da gibt es Dokumente und Belege. Die Geschichte ist mehr oder weniger eins zu eins."

Autor Klaus Cäsar Zehrer

Stoff für Hollywood

Info und Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Zürich 2017, Diogenes Verlag, 552 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-257-06998-3

Auf 650 spannenden, amüsanten, anrührenden und niemals langweiligen Seiten erzählt Klaus Cäsar Zehrer in seinem Roman "Das Genie" die unglaubliche Biographie des heute vergessenen William James Sidis. Ein Stoff, der geradezu nach einer Hollywood-Verfilmung schreit. Zehrer beschreibt diese Geschichte chronologisch in Form einer Tragikomödie.

"Mein erster Ansatz war viel verschachtelter, viel komplizierter, mit verschiedenen Zeitebenen, mit verschiedenen Erzählerstimmen. Und das habe ich dann zur Seite gelegt, weil es gar nicht notwendig ist. Der Stoff selber ist so interessant und so spannend, dass man da auf solche erzählerischen Tricks gar nicht zurückgreifen muss. Einfach von vorne bis hinten durcherzählen, möglichst gut erzählen, möglichst interessant erzählen und möglichst spannend erzählen. Und dann darauf vertrauen, dass die Geschichte an sich schon interessant genug ist."

Autor Klaus Cäsar Zehrer

Und das ist Klaus Cäsar Zehrer aufs Schönste gelungen. "Das Genie" ist süffige unterhaltsame Literatur, die glänzend recherchiert und plastisch geschrieben ist. Ein ebenso fesselnder wie lehrreicher Pageturner.


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