Franken - Buchtipps


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Ausgekocht? Veränderungen und Widersprüche in unserer Esskultur

Kochshows boomen, das Internet ist eine große Rezeptbörse und gesunde Ernährung oft ein Thema. Gleichzeitig können immer weniger Deutsche kochen. Haben wir ausgekocht? Dieser Frage gehen eine Ausstellung und ihr Begleitkatalog nach.

Von: Tilla Schnickmann

Stand: 19.07.2017

Buchcover "Ausgekocht?" des Begleitkataloges zur Ausstellung in Fürth-Burgfarrnbach | Bild: BR

Die derzeitige Ausstellung in Burgfarrnbach, einem Stadtteil von Fürth, im Museum "Frauenkultur Regional-International" beleuchtet die Veränderungen und Widersprüche in unserer Ernährungs- und Esskultur. Der ansprechende Begleitkatalog bringt auf knapp 260 Seiten 1.000 Fragen rund ums Essen auf den Tisch.

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Die Ausstellung "Ausgekocht?" im Museum Frauenkultur Regional–International im Marstall von Schloss Burgfarrnbach läuft noch bis zum 31. Oktober 2017. Der reich bebilderte Katalog umfasst knapp 260 Seiten und ist zu einer Schutzgebühr von zehn Euro im Museum zu erwerben.

Den Besucher empfängt eine raumhohe Installation aus traditionellen Küchengeräten. Manchen sind auch heute aus keiner Küche wegzudenken wie Messer, Topf oder Kanne – andere wiederum kennen wir kaum noch, etwa einen kurbelbetriebenen Schnittbohnenschneider.

Doch unser Kochkosmos hat sich verändert: Wenige Meter weiter stehen die Geräte, die in den letzten Jahrzehnten eine wahre Küchenrevolution auslösten: Kühlschrank, Mikrowelle und der Thermomix, der neueste Küchenautomat. Mit ihnen wurde aus der Herd- eine Kühlschrank-Kultur, das lange Garen wich dem schnellen Erwärmen, das individuelle Handwerk dem normierten automatischen Ablauf.

"Man ist, was man isst"

Ludwig Feuerbach prägte den Sinnspruch "Man ist, was man isst". Und so bedeutet das modifizierte Koch- und Essverhalten auch eine Veränderung von uns, dem einzelnen Individuum, wie auch der Gesellschaft, so Professor Gaby Franger, Kuratorin der Ausstellung und Herausgeberin des Begleitkataloges. Diskustieren und Bewusstmachen ist ihr Ziel. Der Titel "Ausgekocht?" wurde dabei programmatisch gewählt, denn er ist mehrdeutig.

Ja!

"Wir müssen nicht mehr Kochen, wenn wir nicht wollen. Satt werden wir auch, wenn wir uns fertiges Essen kaufen."

Aus dem Klappentext des Buches 'Ausgekocht?'

Nein!

"Exquisite Küchen- und Esskultur, Genusskochen und neue Tischgemeinschaften gehören zum urbanen Leben in den urbanen Wohlstandsregionen."

Aus dem Buch 'Ausgekocht?'

Ausgekocht?

Das ist doch wirklich ausgekocht! Ob Patentierung von Saatgut, oder die Privatisierung von Wasser – wenige internationale Konzerne steuern die Welternährung.

Ausgekocht!

Fast 800 Millionen Menschen haben nichts zum Kochen und sind unterernährt. "Ausgekocht?" zeigt Nahrung in ihrer ganzen Dimension – ob Herstellung, Einkaufen, Zubereiten, Kochen oder gemeinsames Essen samt seiner politischen, ökologischen und soziokulturelle Dimension: Denn mit dem, was wir kochen und essen, verändern wir die Welt.

Ausbeutung, Kinderarbeit, Umweltsünden

Schon mit dem Einkaufwagen rollen wir oft auf ein Minenfeld. Wie leicht unterstützen wir dabei unfreiwillig Zustände, die wir moralisch sicher nicht vertreten. Das reicht von Ausbeutung, Kinderarbeit, brutaler Tierhaltung bis zur Umweltsünde. Vom Krisenherd zum Küchenherd, das ist schwerverdauliche Kost.

Kein moralischer Kochlöffel

Doch die Kuratorinnen schwingen nicht den moralischen Kochlöffel. Den negativen Auswirkungen von internationalem Freihandel und Globalisierung stellen sie auch die Vorteile gegenüber, von denen wir genüsslich profitieren.

"Die Bedingungen für Kochen und Essen scheinen so günstig zu sein wie noch nie. Unabhängig von der jahreszeitlichen Saison vor Ort können wir zu jeder Zeit alle beliebigen Produkte kaufen, denn der Güterverkehr für Nahrungsmittel ist in hohem Maße globalisiert."

Aus dem Buch 'Ausgekocht?'

Ob Zutaten für thailändisches oder tasmanisches, mexikanisches oder mediterranes, serbisches oder syrisches Essen – alles ist erhältlich. Nie war unsere Küche so international und vielfältig.

Neue Kochgemeinschaften

Doch das große Angebot der Zutaten landet oft nicht mehr im heimischen Kochtopf. Fast food, Conveniece food und Streetfood ersetzen oft das eigene Kochen und viele Mahlzeiten werden vom Familientisch nach außen verlagert.  

"Bei uns in der städtischen Gesellschaft, mit vielen Singles und einer hohen Mobilität, wo ich nicht mehr so viel im traditionellen Familienverband esse, bilden sich neue Ess-, Tisch- oder Kochgemeinschaften. Das kann eine Hausgemeinschaft sein, das können Blind-Dates über Facebook oder das Internet sein, das können aber auch Kirchengemeinschaften sein, die neue und alteingesessene Bürgerinnen und Bürger einladen. Dadurch kommt eine neue Kommunikation und Beziehung zustande, die sehr, sehr wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist."

Gaby Franger, Kuratorin der Ausstellung 'Ausgekocht?' und Herausgeberin des Begleitkataloges

Essen als Gemeinschaft, Zusammenhalt und friedensstiftende Maßnahme – aber auch als Gradmesser einer sich verändernden Gesellschaft. Das betrifft auch das Rollenbild. Auch hier vollzieht sich ein Wechsel: Ist die Frau allein am Herd also ein überkommenes Klischee?

Das tägliche Essen – weiterhin Aufgabe der Frauen

In der Ausstellung sind Männer-Schürzen ausgestellt. Auf ihnen ist zu lesen: "Ich koche für meine Familie", oder "Ich koche zur Entspannung", oder aber: "Die Küche – mein Hobbykeller". Doch Gaby Franger schränkt ein.

"Also, Männer kommen verstärkt in die Küche. Doch wann kommen sie? Wenn es darum geht, ganz exquisit am Wochenende groß zu kochen. Also wir haben diese Welle des Genusskochens. Das Versorgungskochen, das tägliche Essen auf den Tisch bringen, das ist weiterhin zum größten Teil Aufgabe der Frauen."

Gaby Franger, Kuratorin der Ausstellung 'Ausgekocht?' und Herausgeberin des Begleitkataloges

Augenmerk auf den Frauen

Auf diesen Frauen liegt auch das Augenmerk der Ausstellung und des Kataloges: Viele kleine Portraits stellen Frauen aus der Region und darüber hinaus vor, die Nahrung herstellen, kochen und gestalten. Darunter eine Melkerin und eine Fooddesignerin, die Vorsitzenden der Slowfoodbewegung oder die Chefin einer Restaurantkette, eine Rucksack-Hikerin, Kräuterbäuerin oder Rezept-Bloggerin für Migranten. Jede mit einem anderen Blick auf Unser-Täglich-Brot.

Anregende Appetithappen

"Ausgekocht" gibt viele Einblicke in die Küchen- und Esskultur unserer Zeit, national und international. Aufgetischt werden Beiträge von rund 30 internationalen Autorinnen, gewürzt mit Kunstwerken passend zum Thema. Zwar ist die Zusammenstellung nicht stringent oder wissenschaftlich und selbstverständlich nicht umfassend, doch in jedem Fall anregend. Der Katalog ein kleiner Appetithappen, um über das nachzudenken, was wir dreimal täglich tun: Essen.


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