Franken - Buchtipps


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Fritz Stiegler Valentina

Valentinas Geschichte ist erfunden und doch nicht erfunden. Die ukrainische Zwangsarbeiterin lebte die letzten Kriegsjahre in Franken. Nicht exakt so, aber so hätte ihre Geschichte im Lager Langenzenn sein können: Fritz Stiegler erzählt sie in seinem Roman "Valentina".

Von: Corinna Mielke

Stand: 08.08.2012

Buchcover "Valentina" | Bild: Brunnen-Verlag; Bild: BR-Studio Franken

Franken 1943: Valentina, die junge ukrainische Zwangsarbeiterin, kommt ins Arbeitslager Langenzenn bei Nürnberg. Sie ist der täglichen Gewalt, den Demütigungen und der Willkür der Lageraufseher ausgesetzt - bis ihr während eines Ernteeinsatzes die Flucht gelingt. Sie findet Unterschlupf bei einer beherzten Bauernfamilie. Als neue Magd Irmgard getarnt bleibt sie bis Kriegsende unentdeckt, obwohl die Dorfbewohner etwas ahnen.

Autor Fritz Stiegler kennt sich aus im bäuerlichen Leben, er wurde nicht gefragt, ob er nach der Volksschule gerne Bauer werden möchte, das war selbstverständlich.

Und so lauschte der Heranwachsende aus dem fränkischen Gonnersdorf beim Mittagessen der einen Geschichte, die die Familie so schwer verwinden konnte.

"Wenn meine Großeltern und Eltern beieinander hockten, ist die Sprache fast immer auf das Thema Krieg gekommen - und auf das Thema Zwangsarbeiter: Bei uns war ein französischer Zwangsarbeiter am Hof, ohne den der Hof nicht gelaufen wäre, weil alle Knechte eingezogen worden sind."

Autor Fritz Stiegler

Franz, den Zwangsarbeiter, hat die Familie in den letzten Kriegstagen im Heuboden versteckt, als die Amerikaner schon fast in Sichtweite waren. Doch der Franzose verlor die Nerven, stellte sich, und verlor kurz vor Kriegsende noch sein Leben.

"Den hätten die in dem Loch nie gefunden."

Autor Fritz Stiegler

Für Fritz Stiegler war diese wahre Geschichte eine ideale Vorlage für seine 344 Seiten starke Erzählung. Und auch seine Protagonistin gibt es wirklich: Stiegler ist über die Nürnberger Nachrichten an eine gewisse Valentina aus der Ukraine gestoßen, die im Arbeitslager inhaftiert war.

"Wir haben zwei Mal telefoniert. Sie hat sehr gut Deutsch gesprochen, war Lehrerin, und hat mir ihren Werdegang erzählt."

Autor Fritz Stiegler

Gedenkstein Arbeitslager Langenzenn bei Nürnberg

Drei Jahre hat Fritz Stiegler, der in der Region als Mundartautor bekannt ist, an dem Roman gearbeitet. Jedes Detail sollte stimmen. Er wollte ein Zeitbild abliefern, wie es im Dorf unter den Nazis war. Das bedeutete genaueste Recherche, wie zum Beispiel eine Totgeburt damals behandelt wurde - nämlich mit Rizinusöl - oder wie sich das Lagerleben wirklich abgespielt hat.

"Der Leser will wissen, wie's riecht, wie's schmeckt, wie's ausschaut. Und auch wenn es richtig wehtut, muss man es trotzdem schreiben. Und da hab ich dann keine Hemmschwelle mehr gehabt."

Autor Fritz Stiegler

Etwas vorsichtiger agierte er bei den real existierenden Personen. Ein Dorf ist ein Dorf und das bleibt auch so, sagt Stiegler.

"Es gibt Nachfahren von den Wärtern im Lager; es gibt die einen, die wissen was vom andern und da muss man aufpassen, dass man da nicht zum Nestbeschmutzer wird."

Autor Fritz Stiegler

Aber dennoch ist es viel besser, die Wahrheit einfach zu benennen, findet Stiegler, der zwar kein Nestbeschmutzer sein will, aber weiß, dass er ein Talent zum Querschläger hat.

Tatsächlich ist Stiegler mit "Valentina" eine Milieustudie gelungen, die wirklich näher zu bringen vermag, wieso es selbst auf dem Land - oder gerade auf dem Land - so schwer war, dem perfiden Nazi-Geflecht zu entgehen. Wohltuend dabei, dass Stieglers mitverwobene eigene Familiengeschichte – obwohl durch die Pazifistische Großmutter die Seite der Guten verkörpernd  – dennoch keine undifferenziert strahlende ist.

Info & Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Fritz Stiegler: Valentina. Roman - nach einer wahren Begebenheit. 368 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, ISBN 978-3-7655-1237-7

Dass ihn die Verlage anfangs wie einen bloßen Bauernfünfer behandelten, nimmt Stiegler halb verwundert und halb belustigt zur Kenntnis. Abgehalten hat ihn das nicht. Mit Neugier und Zähigkeit verwirklicht er seine Projekte, mit Herzensintelligenz und Empfindungsfähigkeit. Und so schreibt er auch: unakademisch, nicht immer sehr geschmeidig, aber glaubwürdig. Vielleicht schlägt da ein bisschen die unangepasste Großmutter Marie bei ihm durch.

Zum Autor

Fritz Stiegler

Fritz Stiegler lebt als Landwirt im fränkischen Gonnersdorf. Er ist in der Region bekannt als Autor von Mundartlyrik und Prosa. Er schrieb die Vorlagen für die Musicals "Magdalena" (2007) und "Die weiße Witwe". Derzeit schreibt er an einem neuen Musical, das von dem unterschätzen Flugpionier Gustav Weißkopf handeln wird. Er war zu Gast bei "Gernstl in Mittelfranken" (BR, 31.3.2011) und wurde unter anderem mit dem "Frankenwürfel 2007" ausgezeichnet. Fritz Stiegler ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.


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Schloeger aus Langenzenn, Montag, 17.November, 16:10 Uhr

2. Comödie Fürth

Hallo Herr Stiegler!
Wir waren gestern in der Comödie, es war wirklich ganz toll!! Mal etwas anders als man es kennt. Die Gruppen kennt man ja,aber so wie gestern hab ich es noch nicht gehört auf jeden Fall ganz super,ihre lustigen Gschichla dazu ein gelungener Abend.Ich ruf Sie mal an vielleicht können wir mal ein Autogramm für unseren Stefan holen.Herzlichen Gruß aus Langenzenn Fam. Schlöger

Hans-Jürgen Zeis, Sonntag, 19.Januar, 11:11 Uhr

1. Zwangsarbeiter

Ein dunkles Kapitel. Es gäbe viel zu schreiben, doch nichts Schönes. Meist nur Anklagen. Anklagen auch gegen viele Bauern, die Zwangsarbeiter wie willkommene Arbeitssklaven behandelt haben. Bei mir arbeitete in den 80er Jahren eine Frau Poniatowa aus Stalingrad, welche mit 14 Jahren verschleppt wurde. Sie kam zu einem Bauern in Schwaben. Nie mehr mochte sie einen Deutschen sypathisch finden. Zu schwer lastete die unmenschliche und nie ausgesprochene Behandlung auf ihr. Dann kam Joszef Hofmann aus Posen zu mir. Viele Jahre arbeiteten wir zusammen. Welch ein feiner Mensch! Er wurde mit 16 Jahren aus Posen verschleppt, kam zu den MAUSER Werken. Wenn Bombenangriffe waren, mussten sie weiterarbeiten. Kein Bunker! Viele Prügel. Mit den zwei Hälften einer Rasierklinge kochten sie sich eine Tasse Suppe. Der Strom kam aus der Lampenfassung. 1945 nach Plünderung und auch Bewaffnung und Bandenbildung, kamen sie unter amerikanischer Leitung wieder ins (Valka) Lager. Mit viel Glück ließ sich eine ordentliche Rente erreichen. Gerne gedenke ich an ihn.