Merkels Niederlage Wie die Kandidatenkür zum Koalitionschaos wurde
Es war ihr Kandidat, es war ihr Bundespräsident und trotzdem: Das Scheitern von Christian Wulff hat der Kanzlerin lange nichts anhaben können – bis Sonntagabend. Bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten muss Angela Merkel ihre vielleicht größte politische Niederlage einstecken. Die kleine FDP düpiert die große Union, setzt im Schulterschluss mit SPD und Grünen Joachim Gauck als Kandidaten durch – gegen den Widerstand von Angela Merkel. report MÜNCHEN über den Fast-Koalitionsbruch und die Schmach der Kanzlerin.
Sie gilt als die mächtigste Frau der Welt. Als begnadete Strategin, die Deutschland mit kühlem Kopf durch die Euro-Krise führt. Eine, die über den Niederungen der Berliner Politik zu schweben scheint.
Doch vor zwei Tagen musste Angela Merkel eine der bittersten Niederlagen ihrer Karriere einstecken. Gedemütigt vom eigenen Koalitionspartner: der FDP.
Sonntagabend im Kanzleramt. Die Vorsitzenden von Union, FDP, SPD und Grünen stellen Joachim Gauck als gemeinsamen Kandidaten vor.
Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin: „Meine Damen und Herren, ich bin sicher, dieser Mann kann uns wichtige Impulse geben für die Herausforderungen unserer Zeit und der Zukunft.“
Doch ihr Gesicht sagt etwas anderes. Der PR-Profi Karl-Heinz Heuser ist Spezialist für Krisenkommunikation, berät die Chefs großer Konzerne, erklärt ihnen, wie sie ihre Unternehmen durch schwierige Zeiten führen. Das Krisenmanagement der Kanzlerin bewertet er so:
Karl-Heinz Heuser, Deutschland-Chef Burson-Marsteller: „Der Gesichtsausdruck von Frau Merkel bei der Pressekonferenz am Sonntagabend signalisiert gegenüber der FDP: Ich bin verärgert. Das macht ihr mit mir auch bitte nicht noch einmal.“
Denn Merkel wollte Gauck nicht. Er wurde ihr von der FDP aufgezwungen. Stundenlang stand die Koalition deshalb am Abgrund. Doch wie konnte es so weit kommen?
Zwei Tage zuvor, Freitag, 11.30 Uhr. Der Ausgangspunkt der Krise. Vor einer halben Stunde hat Christian Wulff seinen Rücktritt erklärt. Jetzt will sich die Kanzlerin äußern.
Karl-Heinz Heuser, Deutschland-Chef Burson-Marsteller: „Frau Merkel wurde von dem Rücktritt von Christian Wulff überrascht. Das sieht man an ihrer Mimik und das sieht man auch an ihrer angespannten Haltung, als sie den Raum der Pressekonferenz betreten hat.“
Merkel geht offensiv auf SPD und Grüne zu:
Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin: „Wir wollen Gespräche führen mit dem Ziel, in dieser Situation einen gemeinsamen Kandidaten für die Wahl des nächsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland vorschlagen zu können."
Durch Merkels direktes Angebot fühlt sich er übergangen: FDP-Chef Philipp Rösler. Er pocht auf seine besondere Rolle in der Regierung. Erst sprechen die Koalitionspartner.
Philipp Rösler, FDP, Bundesvorsitzender: „Danach werden wir auf die anderen Parteien zugehen. Vielen Dank!“
Das Kandidatenkarussell nimmt an Fahrt auf: Von Anfang an ist Joachim Gauck im Gespräch – und ein halbes Dutzend weitere Namen.
Freitag, 18.00 Uhr. Am Kanzleramt treffen die Vorsitzenden von CSU und FDP ein, zu einer ersten Sondierungsrunde. Nach vier Stunden endet das Gespräch. Ohne Ergebnis.
Samstagmorgen, 9.30 Uhr. Die Verhandlungen gehen weiter. Zwei Stunden werden sie diesmal dauern.
Hinter den Kulissen rüstet die FDP zu einem Schlag gegen Angela Merkel.
Heute Nachmittag besuchen wir den stellvertretenden FDP-Parteivorsitzenden Holger Zastro in seinem bayerischen Urlaubsort. Er hat für Gauck Strippen gezogen.
Holger Zastrow, FDP, stellvertretender Parteivorsitzender: „So viele Telefonate, wie in den letzten Tagen wir innerhalb der Parteiführung hatten, hatte ich noch nie. Das ist ganz klar, auch innerhalb so einer kurzen Zeit so oft mit Philipp Rösler gesprochen hab ich auch noch nie. Aber es haben natürlich unheimlich viele auch Parteifreunde sich gemeldet. Die haben gesagt: Jetzt müsst ihr das aber auch nutzen. Ihr müsst jetzt auch mal Kreuz zeigen.“
Sonntag, 13.00 Uhr. Die Situation wird immer verfahrener. Wieder rollen die Limousinen vors Kanzleramt. Wieder keine Einigung.
Am Nachmittag beraten Union und FDP getrennt voneinander. Die Stimmung zwischen den beiden Koalitionspartnern: zunehmend gereizt.
Dann, um 15.43 Uhr eine Nachricht, die einschlägt wie eine Bombe: FDP unterstützt Gauck. Die Rache der Liberalen: Sie machen gemeinsame Sache mit Rot-Grün.
Holger Zastrow, FDP, stellvertretender Parteivorsitzender: „Wir haben oft genug auf die CDU gehört. Wir haben oft genug in den letzten Jahren Kompromisse gemacht. Aber jetzt ist auch mal Schluss.“
Die Ereignisse überschlagen sich: Union lehnt Gauck ab, melden die Agenturen erneut. Die Koalition vor dem Aus.
20.30 Uhr. Es kommt zum Showdown. Der mächtigen Merkel fehlen die Druckmittel. Sie lädt SPD, Grüne und Liberale ins Kanzleramt. Während die Journalisten warten, sieht Merkel ein: Es ist aussichtslos. Die Kanzlerin gibt auf. Union akzeptiert Gauck.
Diesmal ist es anders als sonst: Diesmal haben Philipp Rösler und seine Liberalen die scheinbar übermächtige Kanzlerin gedemütigt. Weil die FDP es so will, muss Angela Merkel ab Sonntagabend für Gauck sein.
Auch in den eigenen Reihen gerät sie jetzt unter Druck. Viele sagen: Ihr langer Widerstand gegen Gauck war ein Fehler.
Klaus-Peter Willsch, CDU, Bundestagsabgeordneter: „Dass man in so einem Verfahren nicht einmal irgendeine offizielle Nachricht von Partei oder Fraktionsspitze kriegt, das finde ich schon ein bisschen ungewöhnlich. […] Ich werde das auch ansprechen in der nächsten Woche, weil ich das wirklich nicht in Ordnung finde.“
Selten war die Regierungschefin so getrieben wie an diesem Wochenende. Selten so fremdbestimmt. Und es wird dauern, bis sie ihre Koalition wieder im Griff hat.
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