Report München


0

Hayir oder Evet Ein Tag im Wahlkampf

Das Referendum spiegelt sich auch im Straßenbild von Istanbul wieder – überall Transparente und Plakate, deutlich mehr allerdings für das Evet-, das Ja-Lager von Präsident Erdogan. report München war einen Tag im Wahlkampf unterwegs und hat einen Erdogan-Anhänger wieder getroffen. Vor einem Jahr war Kubilay Öztürk noch optimistisch, was das deutsch-türkische Verhältnis anging.

Von: Bernd Niebrügge, Stefan Meining

Stand: 11.04.2017

Kurdische Volkstänze gegen Erdogan. Mitten im  weltoffenem Istanbuler Kadiköy-Viertel. Sie alle werden in fünf Tagen mit „Hayir“ - „Nein“ stimmen.

Diesmal geht alles gut. Der gleiche Stadtteil. Wenige Wochen zuvor. Als eine junge Frau Staatspräsident „Erdogan“ als „Diktator“ bezeichnet, eskaliert die Lage. Polizisten setzen Pfefferspray ein. Nehmen die Frau in Gewahrsam. Hunderte protestieren spontan gegen den Polizeieinsatz. Kein Einzelfall. Viele der „Nein“-Aktivisten fühlen sich von der Staatsmacht gegängelt.

Gül Demir | Bild: BR

"Unser Problem ist, dass unsere Parteivorsitzenden in Haft sind und ungefähr 7000 Parteifunktionäre in Haft oder Untersuchungshaft sitzen. Das behindert unsere Kampagne."

Gül Demir, Bezirksvorsitzende der HDP in Kadiköy

Das Straßenbild bestimmen die „Ja“-Anhänger. Überall in Istanbul: Erdogan. Erdogan und immer wieder: Erdogan. Wir erhalten ein Exklusiv-Interview mit dem Chef der wichtigsten Oppositionspartei in der Türkei. Er beschuldigt den Staatspräsidenten, staatliche Mittel für seine Kampagne einzusetzen.

"Sie benutzen den staatlichen Sender und alle Möglichkeiten des Staates. Die staatlichen Autos, die Flugzeuge – sie benutzen jeden Bereich und selbst die staatliche Bürokratie. Und mit solch einer Kraft machen sie Propaganda für das ‚Ja.‘"

Kemal Kilicdaroglu, Vorsitzender CHP

In den Medien ist Erdogan omnipräsent. Durchschnittlich zwei Mal am Tag werden seine Reden live im Fernsehen übertragen.

Mitten in Istanbul treffen wir Kubilay Öztürk, einen Journalisten und begeisterten Erdogan-Anhänger. Vor knapp einem Jahr haben wir ihn schon einmal getroffen. Wir schauen uns die report-Sendung aus dem Juni gemeinsam an. Damals blickte er optimistisch in die deutsch-türkische Zukunft.

Andreas Bachmann, report München: "Wie sehen Sie das deutsch-türkische Verhältnis heute?"

"Ja, wir waren der Meinung, dass sich die Beziehungen verbessern sollten. Aber unsere europäischen Freunde, vor allem die Deutschen, wobei ich vom Staat spreche, nicht vom Volk, haben ein Verhalten gezeigt, dass sich gegen die Türkei richtet, was wir nicht verstehen können."

Kubilay Öztürk

Wir haben z.B. den Putschversuch vom 15. Juli erlebt, ein Kampf um Leben und Tod für diese Nation. Wir wollten, dass unsere deutschen Freunde uns zur Seite stehen. Aber das haben wir nicht sehen können.“

Andreas Bachmann, report München: "Was erhoffen Sie sich, was wird besser, durch dieses Referendum für Sie, für die Bevölkerung in der Türkei?"

"Die Koalitionskultur ist uns fremd. Bei uns ist sowohl in der Familie, als auch im Viertel oder in der Gesellschaft der Anführer wichtig. Aber wenn sie der Gesellschaft 8 bis 10 Anführer geben, dann spalten sie sie auch in 8 bis 10 Teile. Der türkischen Nation passt das nicht."

Kubilay Öztürk

Andreas Bachmann, report München: "Was wünschen Sie sich für ihre Kinder für die Zukunft?"

"Ich bin ich für die Änderung des momentanen Systems, weil ich mir für meine Kinder eine gute Zukunft und eine gute Türkei erhoffe. Die Welt erlaubt keine schwachen Regierungen."

Kubilay Öztürk

Stabilität und Sicherheit. Das vermissen zur Zeit viele in der Türkei. Eine Folge: Viele Touristen bleiben weg. Wie hier in den Restaurants unter der berühmten Istanbuler Galatabrücke. Wir treffen Nebich. Er ist Kellner, hat von den Touristen Antalya etwas Deutsch gelernt. Er ist verunsichert, klagt – wie so viele hier - über das schlechte Geschäft mit den Touristen.

"Istanbul – normalerweise es gibt viele Touristen aus Europa, aus der ganzen Welt. Aber jetzt, ich kann sagen: Es sind 80 Prozent Touristen weniger als früher."

Nebich

Vor laufender Kamera will er nicht sagen, wie er abstimmen wird. Wie so viele. Und auch in Kubilay Öztürks Familie wird es Nein-Stimmen geben. Er akzeptiert das.

"Soll ich deswegen auf meine Schwester verzichten? Oder auf meinen Onkel. Wir sind eine Familie. Istanbul ist unsere Familie. Anatolien ist unsere Familie."

Kubilay Öztürk

Und so warten alle gespannt auf Sonntagabend. Wenn das Ergebnis dieser Schicksalswahl feststeht.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:

Sendung

  • report München Dienstag, 11.04.2017 um 21:45 Uhr [Das Erste]

0