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Tote Flüsse, große Umweltschäden Wie Biogasanlagen zum Sicherheitsrisiko werden

Rund 8000 Biogasanlagen gibt es in Deutschland. Viele davon sind ein Sicherheitsrisiko, ihre Gülle ist, wenn sie ausläuft, ein giftiger Cocktail für Flüsse und Seen. Mehrere Hundert Unfälle gab es in den letzten Jahren. Die Politik hat das Problem schon lange erkannt: Seit eineinhalb Jahren liegt eine fertige Verordnung vor – doch sie steckt im Streit zwischen den zuständigen Ministerien fest.

Von: Sebastian Kemnitzer, Fabian Mader

Stand: 13.10.2015

Äußerlich sieht man es der Else nicht an – aber tatsächlich ist ein Teil des Flusses seit einiger Zeit praktisch tot. Wegen einer großen Menge an Gülle – ein tödlicher Cocktail für fast alle Lebewesen in dem Fluss. Fischer Olaf Niepagenkemper hat das Sterben der Fische erlebt.

Olaf Niepagenkemper, Fischereiverband NRW: „Die Fische versuchen an der Wasseroberfläche nach Luft zu schnappen. Das funktioniert nicht wirklich und nach einiger Zeit, wenn der Sauerstoff, wenn die Sauerstoffarmut erhalten bleibt, sterben sie halt an Erstickungstod.“

Die Gülle, die diesen gewaltigen Naturunfallverursacht hat, kam laut Staatsanwaltschaft Osnabrück aus diesem Hof mit Biogasanlage in Niedersachsen, rund 20 Kilometer entfernt. 

Olaf Niepagenkemper, Fischereiverband NRW: „Biogasanlagen, die sich in Gewässerauen befinden, sind eine große Gefahr für diese. Denn es passieren immer wieder Havarien und es muss dafür gesorgt werden, dass diese Gefahr minimiert wird.“

Biogasanlagen sollen eigentlich umweltschonend Energie produzieren. Tatsächlich sind sie viel zu oft für Umweltzerstörung verantwortlich. Zum Beispiel dieses Jahr an der Kollbach in Bayern.

Wie häufig Biogasanlagen Gewässer verunreinigen – das ist bisher nicht bekannt. Denn die Daten werden nicht zentral erfasst. Auf unsere Anfrage an alle Landesregierungen bestätigen uns allein diese vier Bundesländer offiziell 483 Unfälle in den letzten fünf Jahren. Vermutlich sind es noch viel mehr. Denn diese Länder machen überhaupt keine Angaben.

Gewässerverunreinigungen durch Biogasanlagen

Helge Wendenburg, Ministerialdirektor Umweltministerium: „Es gibt schon die ganze Zeit über erhebliche Probleme mit Biogasanlagen, weil die Inhaltstoffe, die Biogasgülle, die übrig bleibt nach der Gasproduktion, sehr toxisch ist für unsere Fließgewässer und zu erheblichen Fischsterben führt.“

Direkt an einem Bach liegt diese Biogasanlage in der Oberpfalz. Wir begleiten Gutachter Thorsten Grantner – er kontrolliert die Anlage.

Thorsten Grantner, Gutachter für Biogasanlagen:„Wenn es zu einer Havarie kommt, sprich, wenn ein Behälter vollständig birst und ausläuft, dann würde der Bach mit Sicherheit umkippen. Hier würde aber als Notfallmaßnahme noch ein Wall definitiv Sinn ergeben ,ja, die Behörde hätte den aus meiner Sicht auch beim Bau der Anlage, bei der Erstgenehmigung, definitiv auch anordnen können.“

Noch immer gibt es keine bundesweite Regelung, wie Biogasanlagen abzusichern sind. Vieles entscheiden die Behörden vor Ort. Für Gutachter Thorsten Grantner ein Problem.

Thorsten Grantner, Gutachter für Biogasanlagen: „Die schlimmsten Ausreißer sind aus meiner Sicht, wenn es bereits einen Gewässerschaden oder einen Unfall gegeben hat, oder wenn der Sachverständige vor Ort Mängel, schwerwiegende Mängel, festgestellt hat und die der Betreiber nicht abstellt. Da muss aus meiner Sicht die Behörde aktiv werden. Das ist nicht immer der Fall. Man wundert sich dann doch, was möglich ist.“

report München: „Das heißt konkret, es gibt Anlagen, die sind schon ausgelaufen, haben aber weiterhin keine Umwallung?“

Thorsten Grantner, Gutachter für Biogasanlagen: „Genau, das ist richtig.“

report München: „Man wartet einfach, bis es das nächste Mal passiert...“

Thorsten Grantner, Gutachter für Biogasanlagen:„Da wartet man, bis es das nächste Mal passiert, ja, das ist Realität.“

Wolfgang Stachowitz prüft Anlagenbetreiber auf ihr Wissen – viele sind aus seiner Sicht überfordert. Gemeinsam mit Versicherungsunternehmen hat er einen freiwilligen Biogasanlagen-Führerschein herausgebracht.

Wolfgang Stachowitz, Sachverständiger für Biogasanlagen: „Im ersten Jahr waren es, glaube ich, 30 Prozent, die durchgefallen sind, und im zweiten Jahr weit über 25 Prozent.“

report München: „Was heißt es, wenn 30 Prozent dann durchfallen bei diesem Führerschein, das sind ja Leute, die eine Biogasanlage eigentlich betreiben.“

Wolfgang Stachowitz, Sachverständiger für Biogasanlagen: „Eigentlich müssen die das wissen, die dürfen da nicht durchfallen.“

Biogasanlagen – ein Sicherheitsrisiko? Wir fragen den größten Verband der Branche.

Claudius da Costa Gomez, Fachverband Biogas: „Wir haben Tausende von Biogasanlagen, die sehr gut betrieben werden, die in einem guten technischen Zustand sind, und dann haben wir eben einige wenige, wo es Probleme gibt. Und da muss dann genauer hingeschaut werden und da sehen wir schon auch ein Problem in Verzug.“

Wir treffen Helge Wendenburg, Ministerialdirektor im Umweltministerium, er will offen über interne Verhandlungen mit uns sprechen. Er sagt: Schon seit eineinhalb Jahren liegt eine fertige Verordnung auf dem Tisch – sie würde Biogasanlagen sicherer machen.

Helge Wendenburg, Ministerialdirektor Umweltministerium: „Wir schreiben darin eben vor, dass wir eine Sachverständigen-Prüfung haben wollen, dass die Biogasanlagen umwallt werden müssen, damit wir im Falle einer Havarie die Stoffe zurückhalten können und wir schreiben auch ein bestimmtes Lagerverhalten vor.“

Noch immer ist die wichtige Verordnung nicht in Kraft. Denn der Bundesrat will auch für Güllegruben bei Tierställen höhere Sicherheitsstandards. Das Bundeslandwirtschaftsministerium ist dagegen, sagt Wendenburg – der Streit ist völlig verfahren.

Helge Wendenburg, Ministerialdirektor Umweltministerium: „Das Landwirtschaftsministerium blockiert, dass die Bundesregierung dem Maßgabe-Beschluss des Bundesrates zustimmen kann. Und wir kommen nur ins Kabinett, wenn alle Ministerien zustimmen.“

Verzögert das Landwirtschaftsministerium mehr Sicherheit für Biogasanlagen? Wir fragen nach, dort heißt es, man suche einen Kompromiss für die gesamte Verordnung:

„Dieser soll einerseits den wichtigen Anliegen der Umweltseite Rechnung tragen; andererseits muss er aber auch tragbar für die Landwirtschaft sein.“

Während die Politik noch diskutiert, zerstören auch diesen Sommer wieder Biogasanlagen ganze Bachabschnitte. Experten haben dafür kein Verständnis:

Thorsten Grantner, Gutachter für Biogasanlagen: „Jetzt im Juli im Arnstorf der Unfall war also definitiv nicht lustig. Das hätte verhindert werden können. Also Definitiv. Tut mir in der Seele weh, ich bin ein ökologisch orientierter Mensch und wir machen eben hier keine Posse.“

Biogasanlagenbetreiber Jakob Bauer baut nun freiwillig eine Schutzwand – er will vor allem eins…

Jakob Bauer, Betreiber einer Biogasanlage: „Ruhig schlafen können. Und im Prinzip, das ich sage, okay wenn was passiert, mir kann keiner einen Vorwurf machen. Ich habe alle Maßnahmen ergriffen.“

Damit der Bach neben seiner Biogasanlage sauber bleibt.


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