Report München


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Der Preis des Erfolges Kein Platz für Polizisten, Rettungssanitäter und Altenpfleger in Großstädten

Es sind die Folgen einer gescheiterten Wohnungspolitik: Normalverdiener werden abgedrängt in die Peripherie, müssen einen Großteil des Einkommens für Miete und den Weg zur Arbeit ausgeben. Doch die Verdrängung aus den Städten hat langfristig schwerwiegende Folgen. Wer wegzieht, diskutiert nicht mehr mit, engagiert sich nicht mehr in Schulen, Kirchen und Vereinen – zurück bleiben Reiche und Sozialhilfeempfänger.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 18.07.2017

Was haben ein Polizeihauptkommissar mit fünf Kindern, ein Rettungssanitäter, ein Altenpflegehelfer und eine Hilfskraft im Altersheim gemeinsam? Sie alle können sich deutsche Großstädte nicht mehr leisten.

Dramatisch ist die Situation für Suzana Valet, die Wohnbereichshelferin in einem Münchner Altenheim bekam nach 26 Jahren Mietzeit eine Eigenbedarfskündigung. Doch mit 2200 Euro Haushaltseinkommen hat ihre dreiköpfige Familie keine Chance auf eine Wohnung in München.

Suzana Valet  | Bild: BR

"Wenn ich meinen ganzen Lohn für die Wohnung gebe, wovon soll ich dann leben? Ich habe einen Mann, der ist Rentner, der kriegt nicht viel Rente, mein Kind, der ist 24, er geht weiter in die Schule, will weiter studieren. Von welchem Geld sollen wir leben?"

Suzana Valet, AWO Altenheim Haidhausen

Die Städte boomen, Steuereinnahmen steigen, das gilt für München, für Hamburg, Frankfurt aber auch für Städte wie Freiburg im Breisgau. Sogenannte Schwarmstädte. Welche Folgen der Run auf die Städte hat, untersucht der Architekt und Stadtplaner Professor Wulf Daseking. Er lehrt am Institut für  Soziologie der Universität Freiburg und berät weltweit Großstädte.

Prof. Wulf Daseking | Bild: BR

"Ich frage jeden Handwerker, der hereinkommt, wo er wohnt. Das Thema ist dabei, die können sich die Stadt nicht mehr leisten. Und mit dem Rausziehen dieser normalen Leute kommt das Problem, für die Stadt selbst, nicht im Augenblick, sondern etwas später. Denn es ist der Mittelstand, der im Prinzip die Stadt hält. Wenn diese Leute nach draußen gehen, ist ein bestimmter Bevölkerungsteil nicht mehr da, der sich in Stadtpolitik einzumischen hat."

Prof. Wulf Daseking, Institut für Soziologie, Universität Freiburg

Selbst für Polizisten im gehobenen Dienst wird es eng in Städten wie München. Auch sie müssen raus aus der Stadt. Polizeihauptkommissar Alexander Hoschkara hat mit fünf Kindern vor kurzem ein Reihenmittelhaus im Speckgürtel Münchens bezogen. Die Familie ist froh, dass sie überhaupt was gefunden hat. Aber ohne finanzielle Unterstützung der Schwiegereltern käme der Polizist nicht über die Runden, weil die Frau nach der Geburt für zwei Jahre Baby-Pause macht.

Alexander Huschkara | Bild: BR

"Wir zahlen jetzt hier warm 2300, und das ist einfach im Grunde nicht mehr bezahlbar, das muss man einfach so sagen. Also wenn ich mich vergleiche mit meinem Bruder, mein Bruder ist Heizungsbauer, der wohnt in Niederbayern, der zahlt seine Haus ab, mit 700 € im Monat."

Alexander Hoschkara, Polizeihauptkommissar

Polizisten, die mit ihrem Gehalt in München nicht auskommen, sind eher die Regel, als die Ausnahme, sagt der Personalratsvorsitzende der Münchner Polizei.

Jürgen Ascherl | Bild: BR

"Polizisten mit Nebenjob, richtig. Wir haben sehr viele Kollegen, die einen Nebenjob haben, angefangen über irgendwelche Kfz-Teile verfahren im Lastwagen, oder Aushilfe an der Tankstelle oder sonstige Geschichten. Das heißt, viele Kollegen haben Nebenjobs." Jürgen Ascherl, Personalratsvorsitzender Polizei München

Oder sie verlassen die Stadt und gehen in die Peripherie. Aber das hat Folgen für die Stadtgesellschaft.

"Irgendwann wird München eine Stadt der Superreichen sein."

Jürgen Ascherl, Personalratsvorsitzender Polizei München


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