Report München


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Absturz Die SPD in der Schulz-Falle

Nie zuvor setzte die SPD so sehr auf in einem Bundestagswahlkampf auf eine Persönlichkeit, wie auf ihn: Martin Schulz. Er sollte die SPD ins Kanzleramt tragen. Doch nach drei Landtagswahlen macht sich in der SPD-Katerstimmung breit. Was wurde aus dem Schulz-Effekt? Setzte die SPD aufs falsche Pferd?

Von: Sebastian Kemnitzer, Stefan Meining

Stand: 16.05.2017

Gestern in Düsseldorf: Die Wahlkämpfer Matthias Herz und Pascal Geißler hängen Plakate ab. Und diskutieren immer noch über das Wahlergebnis.

"Übel, übel! Und ich weiß nicht warum. Ich habe es immer noch nicht ganz verstanden, warum. Also in der Heftigkeit. Da werden wir noch  viel zu diskutieren haben.
"Ja hoffentlich. Da müssen wir uns die Zeit nehmen.“
"Aber jetzt tragen wir die Plakate weg.“

Die Bilanz der letzten Wochen: verheerend. Drei verlorene Landtagswahlen – zuerst im Saarland:

"Wir haben einen richtig guten, langen Atem!"

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

Dann in Schleswig-Holstein.

"Das ist etwas, was unter die Haut geht und was uns traurig macht."

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

Und jetzt in Nordrhein-Westfalen. Schadensbegrenzung á la SPD:

"Wir haben eine wichtige Landtagswahl verloren."

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

Die SPD versucht nun vor allem eins: Kanzlerkandidat Martin Schulz aus der Schusslinie nehmen. Allen voran Hannelore Kraft – für nicht einmal fünf Minuten taucht sie auf der Wahlparty auf und nimmt alle Schuld auf sich.

"Wir haben einen Wahlkampf geführt, bei dem es fast ausschließlich um landespolitische Themen ging. Darum hatte ich auch Berlin gebeten. Dafür übernehme ich persönlich die Verantwortung."

Hannelore Kraft, SPD, Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalen

In der heißen Phase des Wahlkampfes waren noch von SPD-Spitzenpolitikern noch ganz andere Töne zu hören. Natürlich gebe es einen Zusammenhang mit der Bundestagswahl.

"NRW ist immer also eine Schicksalswahl für den Bundestag. Das muss man ehrlich sagen. Alles andere wäre naiv zu glauben. Aber wir werden gewinnen."

Karl Lauterbach, SPD, Bundestagsabgeordneter

Und beim SPD-Landesparteitag verknüpfte Martin Schulz seinen Erfolg noch eindeutig mit dem Erfolg von Hannelore Kraft.

"Hannelore Kraft bliebt mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands die stärkste Kraft in diesem Lande. Sie bleibt Ministerpräsidentin! Ja und ganz klar, schaue ich an besonders auf diese 18.01."

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

Doch die Strategie in der Niederlage ist klar: Der Kandidat kann nichts dafür. So auch in Schleswig-Holstein bei der SPD-Wahlparty. Martin Schulz steht hier als Pappfigur in der Ecke – und wird in Schutz genommen. Von einfachen Parteimitgliedern -

"Er kann nichts dafür, dass wir hier so schlecht abgeschnitten haben. Das ist ein schleswig-holsteinisches Problem und mit Sicherheit nicht sein Problem."

Teilnehmerin SPD-Wahlparty in Kiel

... und natürlich auch vom Spitzenpersonal:

"Martin Schulz hat uns geholfen, er war öfters hier im Landtag. Die Veranstaltungen waren begeisternd voll. Die Menschen fanden das Klasse, auch wo wir auf den Straßen unterwegs gewesen sind. Also:  Daran hat es gewiss nicht negativ gelegen. Im Gegenteil: Es hat uns beflügelt im Wahlkampf."

Ralf Stegner, Stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender

Wir haben einen Termin bei einem der renommiertesten Journalisten Deutschlands. Wie sieht er die SPD-Sprachregelung nach den Wahlniederlagen?

"Aus der Sicht der SPD ist es erst einmal verständlich. Alles versuchen jetzt parteisoldatenmäßige Loyalität zu zeigen, demonstrativ zu zeigen und zu sagen: ‚Ich wars! Der Martin ist unschuldig!‘ Aber es kann trotzdem nicht funktionieren. Die Bürger sind zu schlau, um das nicht zu durchschauen."

Gabor Steingart, Herausgeber Handelsblatt

Es gerade einmal zwei Monate her: Martin Schulz inszeniert sich auf einem Sonderparteitag der SPD, der Höhepunkt der Schulz-Euphorie.

"Wir spüren das heute hier in diesem Saal! Euer Enthusiasmus steckt uns alle an und wird uns in den nächsten Monaten begeistern." Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

Wir zählen in seiner 80-minütigen Rede rund 25 Versprechungen – sein großes Thema: die soziale Gerechtigkeit.

"Dieser Wahlkampf ist von der SPD falsch angelegt. Sie muss soziale Gerechtigkeit verbinden mit Zukunft, mit Modernität, mit Wirtschaftswachstum und wenn sie das nicht hinbekommt, so wie Schröder und Lafontaine das hinbekommen haben, oder Helmut Schmidt und vorher Willy Brandt, einen Dualismus zu entwickeln. Schulz – diese eine Karte soziale Gerechtigkeit, die sticht vor allem im Milieu der Transferempfänger und das reicht nicht um Wahlen zu gewinnen."

Gabor Steingart, Herausgeber Handelsblatt

Und das sorgt, wie hier gestern Abend in Straubing, auch bei der SPD-Basis mittlerweile für Unmut:

"Wenn er von sozialer Gerechtigkeit spricht, von Bildung spricht: Wie will er das umsetzen? Das interessiert die Menschen."
"Die inhaltliche Positionierung, die hätte man früher machen müssen."

Riesenzustimmung zunächst auch in den Umfragen für Schulz gegenüber Merkel. Und ebenso abrupt: Der Absturz. Hat es so etwas jemals schon gegeben, fragen wir einen Meinungsforscher?

"Also ich kann mich nicht erinnern, dass es so krasse Pendelausschläge in so kurzer Zeit gab; vor allem nach oben im Frühjahr."

Nico A. Siegel, Geschäftsführer infratest dimap

Wir haben Martin Schulz im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen beobachtet. Er kommt, spricht mit ein paar Leuten, viele wirken wie treue SPD-Wähler. Eine kurze Rede und dann geht Schulz schnell wieder weiter. Bei der Abschlussveranstaltung  der SPD in Duisburg wirkte er vor seiner Rede nachdenklich. Dann spricht er gerade mal zehn Minuten. Der Applaus ist ihm hier natürlich sicher. Euphorie aber klingt anders.

"Hier ist einer wie ‚Kai aus der Kiste‘ von Brüssel nach Nordrhein-Westfalen umgesiedelt, politisch umgesiedelt, hat das eine Thema thematisiert. Die Amerikaner nennen das ’one trick pony‘ – das Pony, das nur den einen Trick kann."

Gabor Steingart, Herausgeber Handelsblatt

Inhaltlich, das hat Martin Schulz angekündigt, will er nachlegen, einen Zukunftsplan auflegen. Ein klein wenig mehr Professionalität  im Wahlkampf würde dem Kandidaten Schulz aber auch nicht schaden.

Wahlkampf

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat: "Als ich gerade hier ankam; von der Bürgermeisterin habe ich erfahren, ich bin der erste Kanzlerkandidat der SPD, ich weiß nicht ob schon einmal ein Kanzlerkandidat von einer anderen Partei hier war?“
Zuhörer: "Ja!“
Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat: "Ja? Wer war das denn?"
Zuhörer: "Die Frau Merkel!"
Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat: "Ach so!"

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Sendung

  • report München Dienstag, 16.05.2017 um 21:45 Uhr [Das Erste]

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