Report München


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Der Fall "Bayern-Ei" Angehörige fordern lückenlose Aufklärung

Die Firma Bayern-Ei soll einen Salmonellenausbruch in mehreren Ländern mit massenhaft Erkrankungen und mindestens einem Toten ausgelöst haben. Nun haben sich erstmals Angehörige des Verstorbenen öffentlich geäußert.

Von: Philipp Grüll, Frederik Obermaier, Verena Schälter

Stand: 14.02.2017

Es ist gemütlich in der Stube von Familie Schmidl in Innsbruck. Ein Holztisch, dazu passende Stühle. Auf einer Kommode stehen frische Blumen und Fotos – Erinnerungen. Hannelore Laimgruber und Eva Schmidl sitzen oft hier und reden: über ihren Vater und Schwiegervater, Albert Schmidl.

"Er war so fit, dass er seinen Alltag bewältigen konnte, ohne dass Du Angst haben musstest, dass irgendwas ist."

Eva Schmidl, Schwiegertochter des Verstorbenen

Er sei "voll im Leben gestanden", ergänzt Tochter Hannelore Laimgruber. Doch seit fast zweieinhalb Jahren ist der Stuhl, auf dem Albert Schmidl immer saß, leer.

Spur führt nach Niederbayern

Der Grund dafür liegt offenbar in Niederbayern: bei der Firma Bayern-Ei. Das Unternehmen ist einer der größten Ei-Erzeuger Deutschlands, mit riesigen Ställen für mehr als eine Million Hühner. Die Staatsanwaltschaft Regensburg geht davon aus, dass die Firma salmonellenbelastete Eier nach halb Europa exportiert hat – auch nach Innsbruck. Dort soll eine Großküche, die für Essen auf Rädern kocht, die Eier aus Niederbayern verarbeitet haben.

Von dort hat der damals 94-jährige Albert Schmidl sein Essen bekommen – mit fatalen Folgen. Im Sommer 2014 verschlechtert sich sein Zustand rapide. Gegenüber report München und Süddeutscher Zeitung äußern sich erstmals seine Angehörigen.

"Angefangen hat es mit Durchfall, wobei der dann schon ziemlich heftig war. Meine Schwägerin hat ihn ins Krankenhaus gebracht."

Eva Schmidl, Schwiegertochter  

Der Befund: Salmonellen. Sechs Wochen dauert sein Martyrium. Am 3. September 2014 stirbt Albert Schmidl.

Staatsanwaltschaft Regensburg erhebt Anklage

Fliegenplage Tabertshausen | Bild: BR

Unter anderem wegen seines Todes hat die Staatsanwaltschaft Regensburg vor Kurzem Anklage erhoben – gegen Stefan Pohlmann, den Besitzer von Bayern-Ei. Er soll gewusst haben, dass die Eier in seinem Stall salmonellenbelastet waren und sie trotzdem ausgeliefert haben. Pohlmann – ein Name, der wie kaum ein zweiter für Lebensmittel- und Tierschutzskandale steht. Im Jahr 2006 berichteten Medien bundesweit über eine Fliegenplage im niederbayerischen Dorf Tabertshausen. Ausgelöst hatte sie Pohlmanns Firma, weil sie den Hühnerkot nicht richtig entsorgte.

Fliegenplage, Käferplage und Salmonellen

Mitte der 90er-Jahre löst eine Pohlmann-Farm eine Käferplage im US-Bundesstaat Ohio aus – mit zigtausenden bissigen Käfern, geschlüpft aus Hühnermist. Etwa zur selben Zeit stehen Pohlmann senior und junior in Deutschland vor Gericht, weil sie hochgiftiges Nikotin auf Hennen sprühen ließen – gegen Schädlinge. Der Vater bekommt Berufsverbot: Er sei "charakterlich ungeeignet", so das Urteil. Das Verfahren gegen Sohn Stefan wird gegen Zahlung von 100.000 DM eingestellt.

Doch diesmal könnte es eng werden. Die Ermittler werfen dem Besitzer der Firma Bayern-Ei unter anderem gefährliche Körperverletzung in 187 Fällen vor, einmal davon mit Todesfolge. Pohlmann junior droht nun eine mehrjährige Haftstrafe.

Ministerin unter Druck

Zum Problem wird der Fall aber auch für Bayerns Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU). Sie hatte sich früh festgelegt und ist bis heute nicht von ihrer Aussage abgerückt:

"Die Behörden haben ihren Job gemacht, sie machen ihren Job und sie machen ihn gut."

Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU), 11.06.2015

Für die Angehörigen des mutmaßlichen Opfers ist die Haltung der Ministerin und der bayerischen Behörden eine "bodenlose Frechheit", wie Albert Schmidl junior sagt, der Sohn des verstorbenen Österreichers. Die Schwiegertochter, Eva Schmidl, empfindet "einfach Zorn". Denn mittlerweile hat sich gezeigt: Die Ministerin war wohl zu voreilig. Seit längerem wird gegen zwei Behördenmitarbeiter ermittelt. Sie sollen die Firma vor unangekündigten Kontrollen gewarnt haben. Ein Amtstierarzt wurde zwischenzeitlich sogar verhaftet, weil er laut Staatsanwaltschaft eine Probe manipuliert hat.

Produktion lief weiter – trotz Salmonellenfunden

Dazu  kommt: Trotz Salmonellenfunden durfte die Firma 2014 lange Zeit weiter Eier ausliefern – hunderttausende, jeden Tag. Zwar nahmen die Behörden nach Warnungen aus dem Ausland Anfang August Proben.

Doch als das Ergebnis Salmonellen vorlag, ließen sie den Großteil der Eier auf dem Markt. Nur die am 4. und 5. August gelegten wurden zurückgenommen.

Und: Trotz Salmonellenverdacht lief die Produktion zunächst weiter. Nach einer weiteren Probe am 26. August mit positivem Ergebnis nahmen die Behörden wieder nur eine Tagescharge zurück. Mit anderen Worten: Über Wochen kamen Millionen Eier aus einem salmonellenverdächtigen Stall auf den Markt.

Staatsanwaltschaft: 86 Erkrankte allein in Deutschland

Als das BR-Politikmagazin Kontrovers und die Süddeutsche Zeitung den Fall Bayern-Ei öffentlich machten, betonte Scharf außerdem: Für eine Warnung der Bevölkerung habe es keinen Grund gegeben.

"Die Eier hätten als Handelsklasse A in Bayern an den Endverbraucher gelangt sein müssen, der Verbraucher hätte gefährdet sein müssen, beides war zu diesem Zeitpunkt, zu keinem Zeitpunkt der Fall."

Ulrike Scharf (CSU), Bayerische Verbraucherschutzministerin, 11.06.2015

Doch die Staatsanwaltschaft geht mittlerweile von 64 Erkrankten in Bayern, elf in Sachsen und drei in Hessen aus. Dazu kommen mehrere Fälle in weiteren Bundesländern.

Auch außerhalb Bayerns fordern Politiker Aufklärung

Seit das vor Kurzem bekannt wurde, fordern auch Verbraucherschutzpolitiker außerhalb Bayerns dringend Aufklärung.

"Die Tatsache, dass wir gravierende Überwachungsmängel dort hatten, hat bei mir im Bundesland dazu geführt, dass Menschen auch hier lebensgefährlich gefährdet waren. Ich finde, das ist ein Skandal, das ist schlimm und das muss dringend untersucht und aufgearbeitet werden."

Volkmar Zschocke, B'90/Die Grünen, Fraktionsvorsitzender im Sächsischen Landtag

"Da fragt man sich schon: Wozu hat man Veterinärämter? Wozu werden Proben genommen, wenn dann keine Konsequenzen bei positivem Befund daraus gezogen werden? Das ist völlig unerklärlich für mich. Da wurde auf vielen Ebenen offensichtlich nicht ordentlich gearbeitet."

Karin Thissen, SPD, Bundestagsabgeordnete und Tierärztin

Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf will sich nicht äußern - wie so oft in diesem Fall, in dem der Bayerische Rundfunk die Behörden bereits mit einer Eilklage zur Auskunft zwingen musste.

Angehörige fordern lückenlose Aufklärung

Scharfs Ministerium teilte mit: Alles sei nach Recht und Gesetz gelaufen. Fest steht aber: Bald wird sich die CSU-Politikerin einem Untersuchungsausschuss stellen müssen.

Darauf wartet auch die Familie von Albert Schmidl.

"Eine Entschädigung macht den Papa nicht mehr lebendig. Aber wir wollen eine lückenlose Aufklärung und eine Entschuldigung."

Eva Schmidl, Schwiegertochter des Verstorbenen

Übrigens: Die Firma Bayern-Ei darf trotz der massiven Vorwürfe wieder Eier ausliefern.

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