Report München

Empörte Griechen und ratlose Deutsche Eine Doppelreportage

Lokaltermin vor Ort: Im griechischen Drama und in Krefeld. Dort wohnen die Brüder Karastergios mit ihren Familien. Wir erleben sie persönlich die Krise? Was halten sie von der Arbeit der griechischen und der deutschen Regierung? Haben Sie wirklich noch Hoffnungen, dass Hellas gerettet werden kann?

Stand: 20.06.2011

Der Weingott Dionysos soll dem Volksmund nach auch hier seine Spuren hinterlassen haben. Wir sind im Norden Griechenlands, fahren nach Ostmakedonien. Fernab von den berühmten Touristenhochburgen finden wir einen besonderen Ort der Wirtschaftskrise. Eine schöne Stadt mit dem bezeichnenden Namen "Drama".

Im Zentrum sind wir mit Costas Karastergios verabredet. Er ist Heizungsinstallateur. Hat seine Ausbildung einst in Deutschland gemacht und dort auch 40 Jahre lang gelebt und gearbeitet.

Er zeigt uns die Zeichen der Bürgerproteste, ähnlich wie in Athen, stechen sie auch hier in der Provinz ins Auge.

Symbolisch hängt die Unterhose des Finanzministers an der Leine.

Costas Karastergios: "Da drauf steht: 'Oust' heißt weg. Weg mit Siemens, mit Goldman Sachs und Troika."

So wie Costas haben hier in Nordgriechenland Etliche lange Zeit in Deutschland gelebt, gearbeitet und sind dann zurück gekehrt. Auch der Soziologe und Journalist Panos Iliadis. In der Stadt Drama arbeitet er beim Lokalfernsehen und für eine Gratis-Zeitung. Gratis - ein Geschäfts-Modell für Krisenzeiten.

Panos Iliadis, Lokaljournalist: "Drama ist dramatisch im theatralischen und im wirtschaftlichen Sinn. Die Situation ist katastrophal."

Als die beiden uns durch die Stadt führen, taucht plötzlich der Unternehmer und Hotelbesitzer Sakis Lalisidis auf. Seine Umsätze sind um 70 Prozent eingebrochen, viele seiner Mitarbeiter muss er nach Hause schicken.

report MÜNCHEN: "Warum haben Sie diese Tabletten?"

Sakis Lalisidis, Unternehmer in der Stadt "Drama": "Herzanfall. Wegen der Krise. Ich bin 53 Jahre alt, Herzanfall, ja. Stress, nicht schlafen."

Sakis Lalisidis, der in Berlin Betriebswirtschaft studiert hat, hadert mit den Euro-Finanzhilfen. Für ihn sind sie gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Sakis Lalisidis, Unternehmer in der Stadt "Drama": "Die Deutschen müssten 10 Jahre vorher diese Vorraussetzungen einsetzen und sagen: Euro-Union unter der Bedingung ‚erstens, zweitens, drittens, viertens, fünftens. Nicht 10 Jahre loslassen! Und nach 10 Jahren Disziplin usw. fordern - ist spät!"

Von Drama fahren wir in den Vorort Prossotsani. Hier lebt Costas Karastergios mit seiner Frau Domna, einer Krankenschwester, der gerade vom Staat das Gehalt gekürzt wurde. Als Heizungsinstallateur leidet Costas besonders darunter, dass hier kaum noch jemand Häuser baut.

Costas Karastergios: "Die Krise hat damit zu tun, dass fast keine Arbeit da ist und ich fast keine Aufträge habe. Also gehe ich infolge dessen nach 45 Jahren in Rente."

Früher als geplant. Trotzdem geht es beiden noch vergleichweise gut in Griechenland. Costas hofft auf eine Rente aus Deutschland, Domna hat einen momentan noch sicheren Job. Die auch für sie schmerzhaften Reformen halten sie für notwendig und gehören deshalb nicht zu denen, die laut Kritik an der Reformpolitik üben.

Fast täglich, der Anruf bei den Verwandten in Deutschland, sie leben noch immer in Krefeld.

In Krefeld sitzt der kleine Bruder Georgios Karastergios fast jeden Abend am Telefon und lässt sich die Lage in Griechenland schildern. Georgios ist seit 1967 in Deutschland. Er arbeitet als Diplom-Ingenieur in einer Maschinenbau-Firma, ist mit einer Deutschen verheiratet und hat drei Kinder, die jüngste, Sophia, ist drei Jahre alt. Seine deutsche Frau Marieluise arbeitet als Sozialpädagogin. Beide kennen und lieben sie Griechenland und sehen gerade deswegen keinen Ausweg.

Georgios Karastergios: "Die Gelder werden nie ausreichen und ein Schuldenberg wird immer wieder aufgebaut werden. Auch wenn jetzt ein Cut gemacht wird, auch wenn man sagt, wir schenken Euch das Geld, im nächsten Jahr haben wir wieder genau die gleichen Probleme."

Marieluise Karastergios-Busch: "Das Geld muss gekoppelt sein an Bedingungen, dass sich die Struktur beispielsweise in der Rentenversicherung und auch noch in vielen anderen Dingen maßgeblich verändert."



Klare Ansagen aus dem Mund einer deutsch-griechischen Familie. Wir begleiten die Familie Karastergios nach Aachen zur europäischen Kathedrale dem Aachener Dom. Ein Ausflug der deutsch-griechischen Gesellschaft Krefeld in die Stadt des ersten deutschen Kaisers. Hier liegen die Gebeine Karls des Großen, der schon im frühen Mittelalter eine europäische Vision hatte. Eine solche Idee vermisst die deutsch-griechische Gruppe bei den heutigen Politikern. Für die aktuellen Manöver in der Europapolitik fehlt Ihnen jedes Verständnis.



Marieluise Karastergios-Busch: "Es geht ja darum, dass wir in höherem Alter, nämlich mit unserer Rente, unsere Tochter unterstützen müssen und das sieht im Augenblick nicht danach aus, als ob wir das könnten mit der geringen Rente, die wir zu erwarten haben und sollte es jetzt aufgrund der Krise noch weniger Rente werden, weil wir für andere Länder mitbezahlen, dann haben wir natürlich auch ein Problem."

Georgios Karastergios: "Wir sehen, das sind also Massen an Geldern, die dann also weiter geleitet werden, wo wir sagen, wann wird auch endlich Schluss sein oder ob man dann tatsächlich sagt, wir müssen dann gezielt das Land in den Ruin treiben."



Der Aachener Dom ist ein geschichtsträchtiger Ort, von hier aus hat Karl der Große sein europäisches Reich geordnet. Die Familie Karastergios überlegt noch, ob und für wen sie eine Kerze spenden möchten.



Marieluise Karastergios-Busch: "Ich glaube, wenn dann für die Europäische Union."



Georgios Karastergios: "Ich würde eine Kerze anzünden für die griechischen Politiker, damit denen mal die Erleuchtung langsam kommt, was die anders machen könnten."



(entzünden Kerzen)

Frau Karastergios-Busch: "Ich schaff das nicht.."

Herr Karastergios: "Darf ich dir helfen?"

Frau Karastergios-Busch: "Die europäische Idee, super..."

Zurück in der Gegend rund um Drama. Costas Karastergios zeigt uns seine Heimatgemeinde.

Costas Karastergios: "Wir sind hier in Prossotsani auf der Platia. Da sitzen die Leute und trinken morgens ihren Kaffee und unterhalten sich über Politik und über das Leben."

Diskussion auf der Platia in Prossotsani:

"Weil wir in Griechenland kaum eigene Industrie haben, haben wir auch kein Einkommen, um unsere Schulden zu bezahlen, sagt der ehemalige Bürgermeister."

Unter den Männern sind gleich drei ehemalige Bürgermeister. Die heutige Politik in Athen macht sie einfach nur wütend:

"Seit 37 Jahren sind hier immer nur diese zwei Parteien an der Macht."

"Aber die Leute haben die Regierung selbst gewählt!?"

"Ja, natürlich. Wir Wähler sind auch verantwortlich.

Aber letztendlich sind die Politiker verantwortlich."

"Ja, da sind wir uns einig."

Costas nimmt uns mit zum heutigen Bürgermeister von Prossotsani, der zu Regierungschef Papandreous Partei gehört. Als Kind von Gastarbeitern wurde er in Deutschland geboren.

Lyselis Angelos, Bürgermeister Prossotsani, Nordgriechenland: "Setzen Sie sich bitte."

Gerade von der deutschen Politik hätte er sich etwas mehr erwartet.

Lyselis Angelos, Bürgermeister Prossotsani, Nordgriechenland: "Ich denke die deutsche Regierung verfolgt vor allem ihre eigenen Interessen. Und erst danach wird sich zeigen, wie groß ihr Mitleid mit Griechenland ist. Aber natürlich geht es hier nicht um Mitleid. Deutsche Interessen sind so: Nur wenn sich Deutschland durch die Griechenland-Krise bedroht sieht oder fühlt, werden sie uns voll unterstützen."

Spuren der langen griechisch-deutschen Beziehungen - immer wieder in der Region. Am Bahnhof von Drama: Der alte Bus aus Bayern fährt nicht etwa zurück nach Garmisch wie es unverändert angezeigt wird. Sondern dient als örtlicher Linienbus.

Abgehängt von Hauptverkehrsadern, hohe Arbeitslosigkeit - viele Menschen haben es in der Krise hier besonders schwer. Es ist ein Jammer, findet auch Costas Karastergios, ein Drama, das so gar nicht zu dieser idyllischen Gegend passt.

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