Umstrittene Erdgasförderung Die deutsche Regierung und die "Fracking"-Lobby
Die Idee scheint verlockend: Große Firmen fördern in Deutschland mehr Erdgas. Allerdings ist dazu eine umstrittene Methode notwendig: das sogenannte Fracking. Doch das wurde bereits in einigen Ländern verboten. Anders in Deutschland, hier gibt es bisher kaum Umweltauflagen. report MÜNCHEN über den Einfluss der Erdgas-Lobby auf die schwarz-gelbe Koalition.
Thomas Vogel macht sich Sorgen. Sorgen um sein Grundwasser, mit dem er seine Tiere versorgt. Vorerst gibt er seinen Tieren hier im niedersächsischen Völkersen kein Brunnenwasser mehr. Denn nur wenige hundert Meter entfernt von Vogels Haus fördert die Firma RWE Dea Erdgas.
Klingt harmlos. Aber bei der Gasförderung kommt auch giftiges Wasser nach oben, so genanntes Lagerstättenwasser.
Hier in Völkersen sind im August tausende Liter Benzol-haltiges Lagerstättenwasser ausgelaufen. Benzol ist giftig und krebserregend. Erst durch einen anonymen Hinweis kam der Vorfall vor wenigen Wochen an die Öffentlichkeit. Wir schauen uns die Stelle an und sehen Arbeiter, die eine neue Filteranlage bauen.
Thomas Vogel, Anwohner: „Wir sind natürlich erstaunt und auch besorgt und erschreckt über diese ganze Geschichte.“
Nicht der einzige Zwischenfall in der Region: Circa 35 km entfernt, nahe Rotenburg, trat giftiges Wasser der Firma Exxon Mobil aus. Im Sommer 2010 mussten Tonnen von Erdreich entsorgt, Grundwasser gereinigt werden.
In Völkersen, so der Betreiber RWE Dea, sei der Unfall wegen einer Leckage an einer Armatur entstanden. Doch die Anwohner sind noch wegen etwas anderem sehr besorgt. Denn hier in Niedersachsen wird auch eine umstrittene Methode zur Erdgasgewinnung eingesetzt, die sich Fracking nennt. Englisch für Aufbrechen.
Dabei pumpt man hunderttausende Liter Wasser pro Bohrung gemischt mit Sand und Chemikalien mit hohem Druck in tiefe Gesteinsschichten. Durch die dadurch entstehenden Risse im Gestein wird das Gas überhaupt erst förderbar. Brisant: Der Chemiecocktail enthält Stoffe, die möglicherweise trinkwasser- und gesundheitsgefährdend sein können.
In den USA wird diese Methode bereits tausendfach angewendet. Doch dort mehren sich Zweifel an der Sicherheit des Verfahrens, aber nicht nur wegen der Chemikalien. Untersuchungen zeigen: Es treten immer wieder große Mengen Methan aus, das die Menschen sogar im Leitungswasser haben. Die Industrie verneint einen Zusammenhang. Doch für die Anwohner hier hat es möglicherweise unvorstellbare Folgen.
Extrembeispiele, die nur aus den USA bekannt sind. Dort wurde aber reagiert: In den US-Staaten New York und Delaware gibt es erste Verbote.
Und was macht Deutschland? Hier soll der Erdgas-Boom mit Hilfe von Fracking erst beginnen. Globalplayer wie Exxon mobil und Wintershall haben sich Erkundungsrechte gesichert: Gut ein Drittel des Bundesgebietes kann betroffen sein.
Bereits mehrere hundert Male wurde in Deutschland schon gefrackt. Mit Tonnen Chemikalien. Die Risiken sind kaum abschätzbar. Und das gibt die Bundesregierung sogar zu.
Wir können es kaum glauben: Auf Anfrage von report MÜNCHEN schreibt das Bundesumweltministerium, es sehe Risiken für das Grundwasser und die Trinkwassergewinnung. Zum Beispiel durch das Eindringen von Schadstoffen und radioaktiv belasteten Lagerstättenwassers.
Schadstoffe im Lagerstättenwasser? Radioaktiv? Wir erfahren aus mehreren Quellen: Ausgerechnet dieses Lagerstättenwasser wird wieder in die Erde gepumpt. Und das ist völlig legal.
Beim zuständigen Landesamt für Bergbau in Hannover heißt es: Bei der Verpumpung von Lagerstättenwasser und bei den allermeisten Fracks seien keine Umweltverträglichkeitsprüfungen vorgeschrieben, weil sie schlicht nicht im Gesetz stehen.
Und weiter. Zitat:
„Also kann eine Behörde für solche Vorhaben keine Umweltverträglichkeitsprüfung verlangen.“
Unfassbar. Wolfgang Blendinger ist Professor für Erdöl- und Erdgasgeologie. Er sagt, diese Art der Entsorgung sei eine Zeitbombe.
Wolfgang Blendinger, Technische Universität Clausthal: „Je giftiger die Substanzen sind, die Sie verpressen, umso größer ist das Risiko natürlich ganz einfach, weil Sie eben nicht wissen, ob sich im Lauf der Zeit dieses verpresste Wasser vielleicht doch eine Wegsamkeit nach oben sucht und dann meinetwegen in den Grundwasserleiter gelangt.“
Trotz besseren Wissens tut die Bundesregierung nichts. Die Opposition wurde aktiv und forderte Informationen von den Ministerien an.
Oliver Krischer, Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied des Bundestages: „Die Bundesregierung hat uns eine Vorlage geliefert, in der sie auf die Werbebroschüren der Öl- und Gasindustrie hinweist. Das wurde da als wissenschaftliche Literatur angegeben. Das ist schon relativ ungewöhnlich und muss ich sagen, habe ich in der Zeit hier noch nicht erlebt, dass man in offiziellen Ausschussvorlagen, in Regierungsvorlagen, dann auf Werbebroschüren der Industrie verweist.“
Werbebroschüren der Industrie? Wie weit reicht der Einfluss? Das Bundesumweltministerium hat eine Studie ausgeschrieben, um die Risiken von Fracking zu erforschen. Das Ministerium gestattet darin, dass bei der Studie auf Material von Exxon mobil zurückgegriffen werden kann. Erkenntnisse aus dem „Fracking-Land“ schlechthin, den USA, interessieren dagegen nicht.
Wir recherchieren weiter. Uns wird ein Papier der schwarz-gelben Koalition zugespielt. Ein Gesetzesantrag zum Thema Fracking in Deutschland. Hier heißt es:
„Darin können auch Regelfälle benannt werden, in denen der Einsatz von Fracking nicht als umweltgefährdend anzusehen ist.“
Wir zeigen den Gesetzesentwurf dem Experten.
Wolfgang Blendinger, Technische Universität Clausthal: „Es steht eigentlich ganz klar in solchen Gesetzestexten immer drin, wer die potentiellen Profiteure sind und das ist in dem Fall ganz klar die Öl- und Gasindustrie, die hiermit offensichtlich Geld machen kann und mit solch einem Gesetz soll es der Industrie eigentlich erleichtert werden. Es werden vollendete Tatsachen geschaffen. Es wird eben nicht im Vorfeld geklärt, ist die Sache erheblich risikobehaftet oder nicht.“
Federführend ist das Bundeswirtschaftsministerium. Wir konfrontieren Minister Philipp Rösler.
report MÜNCHEN: „Herr Rösler, nochmal ARD report MÜNCHEN.
Philipp Rösler, FDP, Bundeswirtschaftsminister: „Nein, noch mal nein.“
report MÜNCHEN: „Thema Fracking.“
Sein Ministerium schickt uns später ein Statement: Man nehme die Risiken sehr ernst.
report MÜNCHEN fragt beim Lobbyverband der Erdgasindustrie WEG nach den Risiken. Auch sie schicken uns Broschüren. Die Botschaft: Fracking in Deutschland sei sicher, das habe man auch der Politik kommuniziert.
Zurück in Völkersen in Niedersachsen. Hier sorgen sich die Anwohner um ihr Grundwasser. Nur die Menschen hier haben keinen einflussreichen Verband, der ihre Ängste ernst nimmt.
Manuskript zum Druck
Manuskript als PDF:



