Report München


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Journalisten in der Türkei Zwischen Pressefreiheit und Gefängnis

In Deutschland hat der Fall Deniz Yücel für großes Aufsehen gesorgt. Der Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ sitzt seit Wochen in der Türkei in Haft. Während die Bundesregierung seine Freilassung fordert, behauptet Erdogan, Yücel sei ein Terrorist. Yücel steht exemplarisch für mehr als 100 türkische Journalisten, die derzeit in der Türkei inhaftiert sind.

Von: Oliver Mayer-Rüth

Stand: 11.04.2017

Recherchieren im Exil. Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, lebt in Berlin. Er berichtete über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Islamisten in Syrien. Staatspräsident Erdogan drohte nach der Veröffentlichung, der Autor der Geschichte, werde dafür teuer bezahlen. Dündar kommt für mehrere Monate in Untersuchungshaft. Bald nach seiner Entlassung flieht er nach Deutschland.

"Sie klagen uns an, weil wir Journalisten sind. Weil wir die Wahrheit schreiben. Sie klagen uns für die Nachrichten an, die wir veröffentlichen. Für unsere Artikel, unsere Tweets. Für nichts anderes. Sie versuchen seit Monaten Beweise dafür zu finden, dass wir Terrororganisationen unterstützt haben sollen. Sie haben nichts gefunden."

Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet

11 Kollegen von Dündar haben weniger Glück. Sie sitzen noch immer im Gefängnis. Insgesamt erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen 17 Cumhuriyet-Mitarbeiter. Die Anklageschrift ist 400 Seiten lang und liegt report München vor. Die Vorwürfe folgen alle dem gleichen Muster.

Zum Beispiel habe der Chefredakteur Dündar die Tageszeitung Cumhuriyet zu einem Verbreitungsorgan verschiedener Terrororganisationen umgebaut. Gemeint ist unter anderem die Bewegung des Islampredigers Fetullah Gülen. Diese wird für den Putschversuch im Sommer 2016 verantwortlich gemacht wird.

Der frühere türkische Justizminister Hikmet Sami Türk liest für uns Teile der Anklageschrift. Sein Urteil: Die Vorwürfe seien absurd, die Cumhuriyet habe jahrelang über die Gülen-Bewegung äußerst kritisch berichtet.

"Dass Cumhuriyet oder die Journalisten von Cumhuriyet diese Bewegung unterstützen, ist nicht vorstellbar."

Hikmet Sami Türk, ehem. Justizminister Türkei

In Deutschland besonders heftig diskutiert: Der Fall des Korrespondenten der Tageszeitung die Welt, Denis Yücel. Seit knapp 60 Tagen ist er in Haft. Der Vorwurf des Staatsanwalts: Propaganda für eine Terrororganisation und Aufwiegelung der Bevölkerung.

Der türkische Staatspräsident hat sein Urteil bereits gefällt: Bir Agent-Terröristi. Erdogan nennt Yücel Agent und Terrorist. Die Bundesregierung hingegen sagt, der Journalist habe lediglich seine Arbeit getan und fordert die umgehende Freilassung. 

Das Silivri Gefängnis im Westen Istanbuls. Hier sitzt der Deutsch-Türke Yücel in Einzelhaft. Eine zuverlässige Quelle sagt gegenüber report München, er sei guten Mutes. Allerdings rechne Yücel damit, dass er noch mehrere Monate eingesperrt bleibt. Der ehemalige Vorsitzender der türkischen Rechtsanwaltskammer, Turgut Kazan,  sagt, jeder Andersdenkende in der Türkei sei inzwischen eingeschüchtert.

"Auch ich habe Angst bei den Dingen, die ich mache, wenn ich sage, das sei falsch oder nicht rechtens. Denn derzeit gibt es in der Türkei für niemanden Rechtssicherheit."

Turgut Kazan, ehemaliger Vorsitzender der türkischen Rechtsanwaltskammer

Zurück in Berlin; zurück bei Can Dündar. Er macht sich große Sorgen um seine Frau. Denn sie darf die Türkei nicht verlassen.

"Sie ist eine Geisel. Das sind Mafia Methoden. Grundlos hat man ihr den Pass abgenommen. Wir haben uns 8 Monate lang nicht gesehen. Das ist der Preis, den wir bezahlen müssen. "

Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet

Der Fall Yücel. Der Fall Dündar: Die Aussichten für die Pressefreiheit in der Türkei sind düster.

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Sendung

  • report München Dienstag, 11.04.2017 um 21:45 Uhr [Das Erste]

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