Report München


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Acinetobacter baumannii Der multiresistente Keim aus dem Süden

Zuerst waren vor allem amerikanische GIs betroffen, die im Irak kämpften. Mittlerweile gelten grundsätzlich Patienten mit einem Krankenhausaufenthalt in Ost-, Südost- und Südeuropa, Asien oder Afrika als Risikofaktoren in deutschen Krankenhäusern. Sie können Erreger einschleppen, gegen die praktisch kein Antibiotikum mehr hilft.

Von: Frank Brendel, Ulrich Hagmann

Stand: 21.07.2015

Dies ist die Geschichte eines Keimes, der aus dem Krieg kommt und jetzt seine Opfer in deutschen Krankenhäusern sucht.

Acinetobacter Baumanni, manche nennen ihn auch Irakibacter. Ein oft vierfach resistenter Krankenhaus Keim.

Birgit Rothke, Altenpflegerin: „Mutter hat teilweise geschrien vor Schmerzen..:“

Die alte Dame wurde wegen eines Oberschenkelbruches operiert. Zunächst ging alles gut. Die Frau sollte schon wieder mobilisiert werden. Dann entzündete sich die Wunde.

Birgit Rothke, Altenpflegerin: „Der Verlauf wurde dann immer dramatischer. Erst mal quellte meine Schwiegermutter auf. Ödeme, richtige Blasenentwicklungen auf der Haut. Und da hat man schon gemerkt, dass da ein ganz dramatisches Geschehen vorlag. Aber die haben das ja nicht benannt.“

6 Wochen nach der Einlieferung stirbt die Frau an Multiorganversagen. Die Wunde war auch mit Acinetobacter Baumanii infiziert, wie ein Gutachter später feststellt.

Der gleiche Keim hat auch den Fuß dieses Patienten zerstört. Der Mann möchte anonym bleiben, weil er derzeit einen Schadensersatzprozess gegen das Krankenhaus führt.

Bei einem Sturz von der Leiter bricht er sich das Fersenbein. Mit dem Krankenwagen wird er in die nächste Klinik gebracht, dort wird eine Schiene eingesetzt. Die Wunde entzündet sich, die Antibiotikabehandlung hilft nicht. Erst Wochen später untersuchen Ärzte eines anderen Krankenhauses die Keime in der Wunde.

Patient (anonym): „So ein Keimcocktail war das, e-coli also ich kann jetzt nicht genau die Namen, aber dieser Acinetobacter Baumannii. Hätte man damals sofort erkannt, dass das da nicht 100% in Ordnung ist. Wo dann die Schuld liegt, der eine schiebt es auf den anderen.“

Nach neun Operationen und intensiver Antibiotika-Behandlung ist die Infektion besiegt. Der Fuß aber nicht mehr belastbar.

Auch der deutschen Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene macht Acinetobacter baumannii große Sorgen. Vor allem, weil er wochenlang überleben kann – im Trockenen, im Wasser, an Türen, Instrumenten, überall im Krankenhaus. Zudem gehört er zu den gefährlichsten Keimen, der gegen vier Antibiotikagruppen resistent sein kann und schwer zu behandeln ist.

Prof. Walter Popp, Vizepräsident Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene: „Manche nennen den Keim Iraki Bacter, weil im Rahmen des Irakkrieges sehr viele Soldaten mit einer Infektion zurückkamen und dann eben erstmal multiresistente Keime. Das war bis dahin relativ selten.“

Alle bei Gefechten im Irak oder Afghanistan verletzten US-GI´s werden stabilisiert und sofort ausgeflogen: nach Deutschland in das US Militär-Hospital in Landstuhl in der Pfalz. report München gelingt es, hier einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und der Chefin der Abteilung Infektionskrankheiten, Dr. Kristin Bauer, bei ihrem Kampf gegen Acinetobacter und andere multiresistente Keime über die Schulter zu schauen.

Dr. Kristin Bauer, Landstuhl Regional Medical Center: “Ungefähr 50% der Soldaten, die 2005 mit einer offenen Verletzung eingeliefert wurden, hatten den Acinetobacter, entweder auf der Haut oder in der Wunde. Acinetobacter hat einen Mechanismus, mit dem er sehr leicht genetisches Material von anderen Bakterien aufnehmen kann und damit übernimmt er die Antibiotikaresistenz anderer Keime in sein eigenes genetisches Profil.“

Gramnegative Keime tauschen Informationen und steigern so ihre Resistenzen. Das ist besonders gefährlich, weil Urlauber Keime aus aller Welt nach Deutschland bringen, wie eine Studie der Uni Leipzig eindrucksvoll belegt. Die Forscher haben Fernreisende auf multiresistente Keime untersucht.

Dr. med. Christoph Lübbert, Infektions- und Tropenmedizin: „Nach der Reise kamen über 70% besiedelt aus Indien zurück und knapp 50% aus Südostasien, also klassischen Urlaubsländern wie Thailand oder Vietnam. Für Krankenhäuser ist das wirklich relevant, wenn solche Patienten, die das ja selber nicht wissen, ins Krankenhaus kommen, gerade auf Intensivstationen, dann kann zum einen sich eine lebensgefährliche Infektionen beim Betroffenen selber sich unter medizinischer Therapie ereignen, die unter Umständen nur sehr schwer mit Antibiotika behandelbar ist, aber vor allem können auch Übertragungen, etwa durch kleine Hygienefehler, auf andere Patienten stattfinden.“

Dr. Kristin Bauer hat hier in diesem Jahr noch keinen einzigen Acinetobacter baumannii gefunden. Sie glaubt, das liegt an den Hygienestandards des US-Militärkrankenhauses. Jeder Patient wird auf multiresistente Keime gecheckt und solange isoliert bis er keimfrei ist. Unsere Fälle zeigen, dass in deutschen Kliniken sogar mit schlecht heilenden Wunden oft sorglos umgegangen wird.  

Der Medizinrecht-Anwalt Burkhard Kirchhoff verzeichnet eine deutliche Zunahme der Verfahren mit resistenten Acinetobacter Baumanii-Stämmen.

Burhard Kirchhoff, Anwalt für Medizinrecht: „Das sind sehr problematische Infektionen. Bei vierfach-resistenten Erregern bestehen kaum noch Therapie-Optionen. Wenn eine solche Infektion mit einem resistenten Bakterien-Stamm zu spät erkannt wird und anfänglich falsch antibiotisch abgedeckt wird, sind leider die Patienten oft dem Tode geweiht.“

Genau das ist der Schwiegermutter von Birgit Rothke passiert.

Birgit Rothke, Altenpflegerin: „Das Schlimme war, dass die Mutter in dem Zustand immer von Station zu Station verlegt wurde, auf Intensiv, in den OP, wieder auf Station.“

report München:„Ihr Vorwurf ist ja auch, die haben diesen Keim in dem Klinikum....“

Birgit Rothke, Altenpflegerin: „Verteilt, na klar...“

Von einem schwerwiegenden ärztlichen Behandlungsfehler spricht der Gutachter. Der Staatsanwalt hat das Verfahren gegen die Klinik trotzdem eingestellt.

Zwar ist in Deutschland das Infektionsschutzgesetz verschärft worden, doch Screenings aller Patienten, wie im US Militärkrankenhaus, sind nicht üblich. In Deutschland werden nur Risikopatienten gecheckt.

Burkhard Kirchhoff, Anwalt für Medizinrecht: „Wie findet denn heute die Erfassung der Risikopatienten in den Kliniken statt? Das ist ein riesen Problem. Das erfordert eine Schulung der Ärzte, die müssen wissen, was sie abfragen müssen, um die Risikopatienten herauszufiltern. Wenn man alle Patienten screenen würde, dann kostet das drei bis fünf Euro pro Patient. Man könnte die multiresistenten Staphylokokken und die resistenten Baumannii-Stämme herausfiltern, könnte die Patienten erst sanieren, bevor sie unerkannt in den Kliniken die Keime verbreiten.“

Acinetobacter Baumannii, ein Keim, der aus dem Krieg kommt. Er hat Erbinformationen mit anderen multiresistenten Keimen ausgetauscht und sich in deutschen Krankenhäusern breit gemacht. Die Gefahr dieser neuen Keime wird in vielen Kliniken offensichtlich unterschätzt.

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