Report München


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Wachsende Probleme mit minderjährigen Flüchtlingen Das Versagen von Staat und Politik

Unbegleitete minderjährige und männliche Flüchtlinge werden zunehmend zu einer Herausforderung für die Politik: Fehlende Betreuung lässt sie zum Opfer von Kriminellen, aber auch zu Tätern werden. Nicht wenige verschwinden in eine Parallelwelt aus Gewalt, Prostitution und Drogenhandel. Eine Welt, in der Behörden, so Recherchen von report München, oft keinen Einblick mehr haben.

Von: Natalie Amiri, Anna Tillack

Stand: 14.03.2017

In den Straßen rund um den Hamburger Hauptbahnhof. Der 16-jährige Mo aus Ägypten kennt hier jeden Winkel.

"Guck hier verkaufen sie Haschisch, da hinter verkaufen sie Gras, Somalia, Afrika, andere."

Mohammed F.

Mos neue Heimat in Deutschland wird immer öfter die Straße, seine neuen Freunde zwielichtig. Eines Tages nimmt die Polizei ihn wegen Körperverletzung fest, es kommt zur Anzeige, der Junge gerät immer mehr in Schwierigkeiten. Bis eines Tages er auf den Plan tritt. Dominik. Der 29-jährige Hamburger merkt, dass Mo Hilfe braucht.

"Er fühlte sich da halt auch nicht sicher in den Einrichtungen in denen er war. […] Also ich würde nicht sagen, dass da aufgepasst wurde. Was gegenwärtig im Moment auch viele Jugendliche betrifft, dass die sich nachts hier auch rumtreiben."

Dominik Zorn, Vormund

Mit der Handy-Kamera gehen wir in ein Wohnheim: niemand kontrolliert uns, jeder kann hier ungehindert aus und eingehen. Laut Hamburger Senat dürfe man niemandem verwehren, Gäste mitzubringen. Wir sehen nur eine Betreuerin. Die Zustände sind chaotisch, erzählen die Jungen:

"Es gibt viele Jungs hier mit Drogen. Und zwei sind verrückt geworden. Von den Drogen."

Flüchtling

Sie sind sich selbst überlassen, kommen auf dumme Gedanken. Tage später hat der Junge sein Profilfoto geändert: jetzt mit Waffe.

Auch Mo wird auffällig, fliegt aus zwei Schulen und mehreren Unterkünften. Je mehr Probleme ein Junge macht, desto mehr wird die Jugendhilfe zurückgefahren, kritisiert sein Vormund.

"Das sind dann diese typischen Fälle, die von einer Einrichtung in die nächste gereicht werden, bis es dann irgendwann heißt, dass die Einrichtungen die Kinder nicht mehr aufnehmen und dann ist die Frage wo sie landen."

Dominik Zorn, Vormund

Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen geschieht nicht nebenbei. Es ist zeitintensiv und kostet Geld, sagt Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe.

"In der Politik ist immer wieder die Aussage gekommen, die jungen Menschen seien so selbstständig. Das ist zynisch. Diese jungen Menschen haben Schlimmes erlebt und mussten selbstständig sein in Bereichen, in denen man nicht möchte, dass junge Menschen selbstständig sind."

Thomas Meysen, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht

Tiergarten Berlin. Wir hören davon, dass Flüchtlingsjungen hier auf dem Strich arbeiten. Wir drehen mit dem Handy und versteckter Kamera. Junge Männer kreuzen die Straße, treffen ihre Freier, verschwinden hinter den Büschen. Daneben schieben Familien Kinderwägen durch den Park. Eine Parallelwelt.

Morgens an einer Kirche im Tiergarten. Ein tadschikischer Flüchtling setzt sich vor unseren Augen einen Schuss. Er lebt jetzt hier auf dem Boden. Während er sich Heroin spritzt, probt hinter ihm der Kirchenchor.

report München: „Brauchst du Hilfe?“

"Ihr müsst das aufhalten. Es ist sehr schlimm, was hier passiert. Die Kinder haben hier Aids bekommen. Sie hatten kein Geld, haben sich hier verkauft und jetzt haben 4 von ihnen haben Aids."

Flüchtling

report München: „Und die Polizei?“

"Die Polizei war zwar hier, aber das hier interessiert sie doch nicht. Die kommen wenn Du ein Verbrechen begangen hast, aber nicht wegen sowas."

Flüchtling

Minderjährige Flüchtlinge, die sich prostituieren, sich ausbeuten lassen. Nachts In der Dunkelheit traut sich einer der Stricherjungen mit uns zu sprechen.

"Jetzt bin ich auf der Straße, seit 12 Tagen schlafe ich da. Ich schlafe nicht alleine, manchmal schlafen hier zwei Leute manchmal 5, manchmal 6, es gibt viele Leute, die hier schlafen."

Flüchtling

Die Berliner Polizei streitet alles ab, schreibt auf unsere Anfrage, das Problem existiere nicht. Zitat: "Informationen zu einer möglichen Tätigkeit von umF im Bereich der Prostitution oder der Drogenszene liegen nicht vor"

In Bremen stellt man sich dem Problem. Wir fahren an den Hauptbahnhof unseren Kriminalitätsbrennpunkt hier in Bremen. Das Team um Andreas Löwe wird seit Monaten von einer kleinen Szene junger Flüchtlinge in Atem gehalten. Sie fallen durch Taschendiebstähle und Straßenraub auf.

Polizist: „Ich hätte mal zwei Personen... seid ihr schreibbereit? Namen, ich buchstabiere.“

In den letzten zwei Jahren haben sie über 100 Haftbefehle erlassen. Löwe und seinem Team fällt eine Gruppe Jungen beim Rauchen auf.

Junge: "Ich mach nicht aus, ich mach das nicht aus, geh weg!! Ich mach das nicht aus, ich mach das nicht... geh weg.“

Andreas Löwe, Polizei Bremen: "Beide noch minderjährig, überwiegend schon mir Körperverletzung und Diebstahl in Erscheinung getreten."

"Man wird immer von der Polizei kontrolliert, das kommt nicht so gut bei uns und so… Aber weißt du dass das hier alles passiert alles? Sowieso, das weiß ich ja. Und was alles? Alles, die verkaufen Drogen dort... Ja so ist das Leben…"

Junge

Die Reaktion in der Politik auf schwierige oder kriminelle junge Flüchtlinge: die Ausgaben für die Betreuung senken. Für Meysen der flasche Weg.

"Da haben einige Ministerpräsidenten gesagt, wir wollen die Kosten senken, besonders scharf kam das hier aus Bayern oder auch aus anderen Unionsländern, aber das hat auch die SPD-geführten Länder umgetrieben, dass das so viel Geld kostet und alle haben darüber nachgedacht ob man die Standards senkt."

Thomas Meysen, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht

Dominik investiert 20 Stunden die Woche für sein Flüchtlingskind. Ein Treffen nach der Schule, doch Mo taucht nicht auf und geht nicht ans Telefon…

"Da beißen wir uns grade die Zähne aus. Ich denke es ist wichtiges Zeichen, dass wir sagen, wir lassen ihn nicht fallen."

Dominik Zorn, Vormund

Ob Mo eines Tages in der Gesellschaft Fuß fassen wird, weiß er nicht. Mit weniger Betreuung auf keinen Fall.


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