Report München


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Behörden schlagen Alarm Kriminelle tarnen sich als Flüchtlinge

Nach Deutschland kommen nicht nur Menschen, die um ihr Leben bangen. Auch Kriminelle mischen sich unter die Flüchtlinge. Meist sind es junge Männer. Dies stellte sich schon kurz nach den üblen Krawallen in der Silvesternacht heraus. Vor allem Nordrhein-Westfalen hat mit diesen Problemen zu kämpfen. Die Behörden kennen diese brisanten Zusammenhänge.

Von: Ahmet Senyurt

Stand: 08.03.2016

Das Bahnhofviertel von Münster. Hier soll es eine kriminelle Szene von Personen aus Marokko und Algerien geben. Viele lebten zuvor in Belgien und Frankreich, als Illegale, ohne Chance auf Asyl. Wir schnappen französisch klingende Worte auf, sprechen die jungen Männer an. Einer von ihnen ist seit einem Jahr in Münster- illegal. Den Ton dürfen wir aufnehmen, Bilder nicht.

Illegaler Flüchtling: „Bei mir das stimmt. Ich kenne viel und habe viele Kollegen hier aus Belgien und Frankreich, und spanisch und italienisch und Polen…“

Wie viele Illegale aus Nordafrika nun in Münster sind, weiß niemand. Sie sind eine Minderheit unter den 4000 Flüchtlingen, dafür begehen sie aber überproportional viele Straftaten.

Babette Lichtenstein van Lengerich arbeitet als eine von 350 ehrenamtlichen Helfern für die Katholische Kirche.

Babette Lichtenstein van Lengerich: „Das war wirklich eine misshandelte, schwer traumatisierte Familie. Und für solche Leute wollen wir da sein.“

Dass es am Bahnhof von Münster eine kriminelle Szene gibt, schockiert sie nicht, dass unter den  Tätern Asylsuchende sein sollen, aber schon.

Babette Lichtenstein van Lengerich: „Vor allem bin ich auch deswegen so schockiert, weil ich davon ausgegangen bin, dass die Landesregierung soweit ist, die Flüchtlinge einigermaßen zu registrieren. Jetzt muss ich aber feststellen, dass das überhaupt gar nicht der Fall ist.“

Wir erhalten ein geheimes Dokument vom Verfassungsschutz NRW. Anonym. Es stammt vom 20. Januar. Der Inhalt: Brisant. Danach lebten die Nordafrikaner, die neu in Münster sind,  vorher als Illegale in Belgien und Frankreich. Sie kommen, weil in den beiden Ländern seit den Terroranschlägen der Verfolgungsdruck auf Islamisten aber auch Kriminelle wächst. Jetzt kommen sie vermehrt nach Deutschland. Die so genannten Nordafrikaner würden „falsche Personalien angeben“, ihren „Lebensunterhalt durch Straftaten finanzieren“. Das Geheimdokument wird auf report-Anfrage von den Behörden offiziell weder dementiert, noch bestätigt. Der brisante Inhalt aber schon. Wir fragen den Innenminister: Gibt es einen Zuzug von kriminellen Nordafrikanern aus Belgien und Frankreich nach NRW?

Ralf Jäger, Innenminister NRW: „Den stellen wir fest, wir können nicht genau quantifizieren, weil vieles dort mit illegalen Einwanderungen zu tun hat. Aber klar ist, dass in Belgien und Frankreich oft diejenigen, die schon seit Jahren oftmals als Asylsuchende sich in diesen Ländern bewegt haben, Straftaten begangen haben, der Druck groß ist, deshalb kommen sie zur Zeit auch nach Deutschland und auch nach Nordrhein-Westfalen. Deshalb gilt es hier den gleichen Druck auszuüben.“

Druck heißt vor allem: vermehrte Polizei-Razzien. Seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln geht die Polizei verstärkt gegen illegale und kriminelle Strukturen von so genannten „Nordafrikanern“ vor. Eine Schaufensterpolitik, die besorgte Bürger beruhigen soll? Wir treffen einen Behördenmitarbeiter. Er will anonym bleiben. Funktioniert die Verdrängungsstrategie?

Anonymer Ermittler: „Ja, aber sie lösen damit kein Problem. Wir stellen fest, dass die Kriminellen aus Marokko, die z.B. in Köln in die Razzien gerieten, nun in Ruhrgebietsstädten auftauchen und dort Probleme verschärfen.“

report-München: „Wie reagieren schutzsuchende Flüchtlinge auf diese Gruppen?““

Ralf Jäger, Innenminister NRW:  „Wir haben natürlich Informationen, wir sorgen dafür, dass in den Landeseinrichtungen auch Sicherheitspersonal vorhanden ist, dass die eigentlichen Schutzbedürftigen sich auch distanzieren von manchen Personen, die nur Schutz in Anspruch nehmen, obwohl sie gar keinen brauchen, möglicherweise sogar hier Straftaten begehen und sich manchmal dann auch für diese Personen sogar wirklich schämen.“

Die Flüchtlinge schämen sich nicht nur, sie fürchten sich auch, so der Geheimbericht. In der Silvesternacht hätten sie die Polizei, Zitat: auf „sexuelle Übergriffe von Nordafrikanern hingewiesen.“ Viele Asylsuchende seien aus Angst „[…] schon weit vor Mitternacht in ihre Unterkünfte zurückgekehrt.“, so der Verfassungsschutz.

Dabei ist das Problem nicht neu. Seit 2014 wird im Landtag über „kriminelle Asylsuchende aus Nordafrika“ beraten. Erst nach Köln habe die Landesregierung reagiert, meint ein Abgeordneter, der seit Jahren auf das Problem hinweist.

Joachim Stamp, FDP: „Dass uns gesagt worden ist, man würde sich um ein Konzept kümmern und ich habe das dann hier auf dem Flüchtlingsgipfel im Beisein der Ministerpräsidentin Kraft auch nochmal eingefordert. Da bin ich auch wieder vertröstet worden, im nächsten Innenausschuss wieder vertröstet worden und dann haben wir damit gerechnet, dass uns irgendwann ein Konzept vorgelegt wird, aber dann kam Silvester und dann ist überhaupt erst was passiert.“

Zurück in Münster. Wir zeigen der ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin Babette Lichtenstein van Lengerich das geheime Dokument vom Verfassungsschutz.

Babette Lichtenstein van Lengerich:  „Wenn man sich jetzt vorstellt, dass hier Flüchtlinge, egal ob es Nordafrikaner sind oder Menschen aus anderen Ländern sind, und die einen kriminellen Hintergrund haben und hier sind, und tagsüber von unsere Ehrenamtlichen betreut werden und dann aber Abends hinter dem Bahnhof unseriösen Geschäften nachgehen, dealen oder Eigentumsdelikte begehen, dann hat das zur Folge, dass das ein ganz, ganz großer Vertrauensmissbrauch ist. Und das gefährdet die Arbeit des Ehrenamtes in ganz Münster. Und darunter leiden dann alle Flüchtlinge.“  

Bei unseren Recherchen im Bahnhofsviertel klärt man uns über die neuen Ziele von Asylsuchenden aus Nordafrika auf. Der Verfolgungsdruck wirkt.

Algerier:„Ich kenne Marokkaner und Algerier, die nun aus Deutschland weggehen. Sie wollen nach Finnland oder  Schweden.“

Sie ziehen also weiter. Doch sollten sie in Nordeuropa scheitern, landen sie wahrscheinlich wieder in Deutschland.

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