Report München


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ARD-Korrespondent Schramm: "Früher wurde ich beneidet"

Seit sieben Jahren leitet Michael Schramm das ARD-Studio Istanbul – in dieser Zeit hat sich nicht nur die Türkei gewandelt, sondern auch die Berichterstattung: Fragen der Pressefreiheit, eine zunehmend restriktive Regierung und die Gefahr von Anschlägen erschweren die journalistische Arbeit vor Ort.

Von: Michael Schramm

Stand: 11.04.2017

Vor sieben Jahren, im Jahr 2010, kam ich als ARD-Korrespondent nach Istanbul. Istanbul war damals einer der begehrtesten Korrespondentenplätze in der ARD überhaupt. Viele Kollegen haben mich durchaus beneidet. Istanbul war damals einer der hippsten Städte in Europa überhaupt. Es wimmelte von Erasmus-Studenten und von Touristen. Der damalige Ministerpräsident und heutige Präsident Recep Tayyip Erdoğan– man kann es sich kaum mehr vorstellen – er galt auch im Westen als Modernisierer, als Mann der Zukunft, als Hoffnungsträger. All das hat sich grundlegend geändert. Heute herrscht seit mehr als einem halben Jahr Ausnahmezustand. Die Touristen muss man suchen wie Stecknadeln in einem Heuhaufen.

Die gewaltsamen Niederschlagung der Gezi-Demonstrationen vor vier Jahren, sie ist rückschauend zu einem Wendepunkt für die türkische Politik geworden. Von morgens bis abends berichteten wir über das, was hier passierte. Über die Demonstrationen zehntausender gegen den Beschluss auf diesen Wiesen hier ein Einkaufszentrum zu errichten im Gezi-Park. Schon bald werden daraus landesweite Protestaktionen gegen einen immer mehr als autoritär wahrgenommenen Regierungsstil der Regierung Erdogan. Es kommt zu einer regelrechten Besetzung des Parks durch die Protestierenden. Diese wird nach einigen Tagen mit großer Polizeimacht beendet.

Sule Arkaso lebt und arbeitet seit 13 Jahren in Istanbul. Sie hat einen türkischen und einen deutschen Pass. Auch für sie hat nach Gezi eine neue Zeitrechnung für die Türkei begonnen.

"Ich glaube, die Leute haben auch keine Hoffnung mehr, dass sich irgendwas verändert und dass man als Einzelner auch in der Lage wäre oder die Kraft hätte, etwas zu ändern. Es wurde zum Beispiel eine Frau angegriffen, weil sie eine Shorts getragen hat – im Bus, im öffentlichen Bus. Und der Mann läuft auf freiem Fuß. Ehrenmorde sind gestiegen …"

Sule Arkaso

Am Abend des 15. Juli vergangenen Jahres hatte ich bei mir Zuhause Gäste zu Besuch, wir tranken munter Bier, das Wochenende stand vor der Tür. Dann, gegen 22 Uhr, ein plötzlicher Anruf meines Producer-Kollegen: Auf den Bosporus-Brücken seien Panzer zu sehen. Eilig telefoniere ich herum und schnell ist klar, Teile des Militärs putschen.

Die Nacht des Schreckens. Mehr als 200 Menschen finden den Tod. Nach Stunden ist der Putschversuch niedergeschlagen. Was folgt ist die Reaktion von islamisch-konservativer Regierung und Präsident Erdogan. Bis zu 100.000 Entlassungen bei Armee, Polizei, in der Justiz und im Bildungsbereich. Etwa 40.000 Festnahmen, Schließungen von Medien und Inhaftierungen von mehr als 150 Journalisten.

Viele meiner ausländischen Journalistenkollegen sind hier daher in letzter Zeit ein wenig verunsichert. Ich selbst zugegebenermaßen auch. Man wird vorsichtig. Meine Kollegen versuchen, genau wie ich, ihre Familien so weit wie möglich außer Landes zu bringen.

In den ersten Jahren meiner Tätigkeit in Istanbul war der sogenannte "Rückkehrer-Stammtisch" ein, von deutschen Redaktionen gern genommenes Thema. Seit 11 Jahren treffen sich Istanbuler Deutsch-Türken einmal im Monat zu einem Gedankenaustausch. 2010 gab es viele Neuankömmlinge, die es in die Heimat ihrer Eltern zurückgezogen hat. Inzwischen hat sich aber auch das geändert. Cigdem Akaya ist die Organisatorin des Istanbuler "Rückkehrer-stammtischs".

"Ein Teil davon hat angefangen jetzt in letzter Zeit, das ist der Trend, den ich beobachte, wieder nach Deutschland oder zu den Ländern, wo sie hergekommen sind, wieder zurückzugehen. Nach Abstand zu Deutschland natürlich auch manche Dinge aus Deutschland besser schätzen gelernt haben hier in der Türkei. Also Demokratie gehört dazu und Rechtsstaatlichkeit vor allem."

Cigdem Akaya

Kommenden Sonntag stimmt die Türkei über die Einführung eines Präsidialsystems ab. Eine Entscheidung, von der nicht nur das Schicksal eines Landes abhängt.

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Sendung

  • report München Dienstag, 11.04.2017 um 21:45 Uhr [Das Erste]

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